Blümchenhygge

Herbststimmung? Heute nicht.
Zwanzig Grad Celsius und mehr sind es heute. Warm und verführerisch kitzeln die Sonnenstrahlen Gesichter und Seelen und schüren die Freude an diesem goldenen Oktobersommertag. Die Menschen unterwegs lächeln ein bisschen mehr als sonst. Nicht alle. Manch einer wünscht sich den „richtigen“ Herbst herbei. Den Herbst, der Hyggemomente in die Köpfe malt mit nebelkühler Luft, rauem Wind, dicken Oversizepullovern, Kuschelstündchen, Ofenfeuerprasseln, einem Bücherberg neben dem Sofa, vielleicht einem alten Film mit Meg Ryan, Tom Hanks, Sandra Bullock oder Richard Gere, Zimtapfelkuchen und heißer Schokolade mit Sahneschlag. Hyggeherbst vom Feinsten, den es, ehrlich gesagt, meist nur in Büchern, Frauenzeitschriften und sehnsuchtsvollen Wunschträumen gibt. Ich nenne es gerne auch Hyggeterror, impliziert dieser Wahn doch eine (smartphonefreie) Harmonie, die es selten, wirklich nur selten, gibt, und der von enttäuschten Erwartungen geprägt ist.
Da gelobe ich mir die letzten Herbstsommertage, denn sie müssen uns nichts vortäuschen und streicheln dennoch unsere Seelen. Gerne auch mit Zimtapfelkuchen und heißer Schokolade.
Und? Kommst du nun mit mir raus, der Sonne zu danken, oder möchtest du weiter träumen?

PS: Und gerade habe ich die ersten Winterveilchen gepflanzt, für jedes Fenster ein Topf, und ich wünsche mir, dass sie mich mit ihren bunten Lachgesichtern ebenso tapfer durch den Winter begleiten wie ihre Vorgängerinnen der letzten Jahre. Blümchenhygge.

PPS: Und vom großen C., das unser Leben terrorisiert, sage ich auch heute nichts.

Sonnenschlussverkauf

Oktobergold im Sonnenschimmmer.
Bäume wandeln sich in Juweliere
im Versuch, ihr schimmernd Blattgewand
uns anzudrehn im Sonnenschlussverkauf.
Wir greifen zu mit vollen Händen,
in sehnsuchtsvoller Gier nach Sommer-Reste-Licht
für ein paar Momente nur. Vergeblich.
Nichts, was glänzt, ist immer Gold.

Macht’s gut

Aufgewühlt der Himmel heute.
Aufgewühlt auch ich.
Aufgewühlt die Stare, die sich den ganzen Vormittag schon am Himmel versammeln.
Aufgewühlt. Aufgeregt. Geschwätzig. Reisefiebrig.
Viele quirlige Pünktchen malen dunkle Tupfer überall an den Himmel.
Laute Tupfer.
Sie tanzen ihren Abschieds-Himmelstanz. Laut und dennoch verhalten fröhlich.
Sie müssen ziehen, aber sie gehen nicht gerne.
Scheint mir.
Ich hebe die Hände, will hinauf greifen, die Finger in die Wolken tauchen und sie alle festhalten, diese Starenpünktchen.
„Bleibt!“, will ich rufen. „Geht noch nicht. Euch bleibt noch Zeit.“
„Zeit. Zeit. Weit. Soweit. Bereit.“ So hallt es mir entgegen.
Ich schweige. Ich begreife. Lasse los.
Was sonst?
„Tschüs! Macht’s gut. Und kommt heil wieder, hört ihr?“, murmle ich.
Ich murmle es leise.
Sie haben nämlich keine Zeit mehr, mir zuzuhören.
Und dann, einen Augenblick später, sind sie weg.
Wolken ziehen auf. Sie bringen kühle Luft mit.

 

 

Kleiner Flow

Dieses Aufwachen aus einer Geschichte. Aus dem Schreiben. Nein, nein, flehst du. Noch nicht! Es ist zu früh! Du hebst den Kopf, reißt die Augen auf und drehst schnell, ganz schnell, den Lautstärkeregler auf ganz laut, um mit der Musik, die du gerade hörst, zurückzutanzen in die Welt, die du gerade mit klappernden Fingerspitzen auf Tasten erschaffen hast und die du noch nicht so schnell verlassen willst. Und die eGitarre treibt die Melodie, die in dir singt, in weite, nie geahnte Höhen. Und dann, wenn der Flow noch ein wenig mit dir spielen mag, blühen die Worte weiter in deiner neuen, wunderbaren Welt. Manchmal. Des vies!

Werde golden

Märchenzeit

„Ich friere“, begehrte der November eines Herbsttages auf. „Du raubst mir meine Tage!“
„Ich? Beraube dich?“ Der Oktober schüttelte sich. „Das verstehe ich nicht.“
Ärger ergriff den November. „Du nimmst mir mein Wetter, meine Stimmungen und Launen und schickst dem Land meinen kalten Novemberregen, meinen Nebel, meine kühlen Zeiten. Womit, sag, kann ich die Menschen noch überraschen? Auf Oktoberstürme warten sie nun und milde Tage, an denen die Sonne das Laub der Blätter golden färbt und das Herbstland in ein Märchenland verwandelt. Sie brauchen das, um ihre Seelen zu stärken, bevor ich, der traurige Nebelmonat komme. Und nun? Sieh sie dir an, die Menschen! Es geht ihnen nicht gut in deiner tristen, kalten, nassen Oktoberwelt! Mach die Augen auf, spitze die Ohren, öffne dein Herz! Und …“
Der November redete und redete und der Oktober hörte betroffen zu,
„Es … es tut mir leid“, murmelte er schließlich. „Ich habe nicht nachgedacht. Was kann ich tun?“
„Werde freundlich und hell und golden!“, bat der November.
„Das kann ich nicht.“ Der Oktober schüttelte sein Haupt. „Ich kann die Wolken nicht zurückziehen, die Winde nicht mehr festhalten und die kalte Luft nicht vertreiben. Dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber … aber … ich schenke dir meine Farben. Nimm sie mit in deine Zeit und werde du golden.“
„Ich?“ Erschrocken blickte der November auf. „Ich … kann das nicht. Ich …“
Noch während er sprach, fingen seine Augen an zu strahlen und über seine Wangen breitete sich ein warmes Lächeln aus. „Goldener November! Wie schön das klingt! Meinst du, es wird den Menschen gefallen?“
„Und wie!“, brummte der Oktober, der nur schwer seine Rührung verbergen konnte. „Mach das Beste daraus und lasse unseren Herbst in diesem Jahr fröhlich ausklingen, so bunt und golden, dass ihn keiner je vergessen möge.“
Und so geschah es auch und von diesem November sprachen die Menschen noch lange, besonders, wenn sie sich an trüben Herbsttagen müde und traurig fühlten.