Nebelgeister

Ganz alleine bin ich heute im  Nebel unterwegs. Sie gehört ganz mir, diese helle Nebelwelt, die eine freundliche, stille Welt ist.
Langsam, andächtig fast, schlendere ich durch die Wolken. Nebelgeister mit ausladend weiten grauen Armen, die an Nichtnebeltagen nichts weiter als Bäume sind, begleiten mich auf meinem Weg. Manche nicken mir zu und werfen mir ein paar letzte braune oder gelbe Blätter , die langsam durch die Nebelluft trudeln und mit einem sanften Knistern zu Boden fallen, zu.
Auf einem dieser Nebelgeister sitzen zwei Raben. Sie krächzen mir ihr Nebellied zu. Krah! Krah!
Ich winke ihnen und folge dem Weg weiter bergan in die Weite des Nebelwaldes. Noch lange begleitet mich das „Krah! Krah!“ der Raben. Dann ist es wieder still.
Eine Stille, die gut tut. Ich bleibe stehen, blicke mich um. Man kann sie sehen, die Stille. Wohl und geborgen unter dem Schleier der Stille.
Tief atme ich ein. Es duftet nach November, Blättern und feuchter Erde, nach Tannenzapfen, Harz und ein bisschen auch nach Zuckerwatte und Zimt.
Hmmm …
Ich genieße diese Stille und diesen Duft noch ein Weilchen.
Dann verabschiede ich mich von der stillen Welt des Nebelwaldes. Mehr Romantik trage ich für diesen Tag nicht in mir.

Zitronenträumerei

Ich zeichne heute eine Zitrone. Mit Tusche und Feder. Ganz, halb, als Viertel, innen, außen, ungeschält, geschält, ausgepresst, die Schale, das Fruchtfleisch. Alles. Und im Zimmer duftet es nach Sommer, Blüten, Thymian, frischer Erde und Meer. Und nach Zitronen. Und ich stehe am Rand eines schmalen Sträßleins, das sich in Kurven zwischen Zitronenhainen und Weinbergen, vorbei an Felssprüngen und Abgründen, steil bergaufwärts windet, blicke aufs Meer unter mir, verliere mich im Verlauf der sich kräuselnden Wellen und genieße. Die Weite. Die Wärme. Die Freude, die mich trunken macht. Und ich greife wieder zur Feder und zeichne weiter und es ist gut so.

Sonntagsdüfte

Es duftet, als ich das Fenster öffne. Eigentlich will ich lüften, um Küchengerüche ins Freie zu entlassen. Doch ich gebe sie nun ab im Tausch mit einem verführerischen Bratenduft. Er duftet nach Sauerbraten, der Braten. Sauerbraten mit Kartoffelknödeln und Erbsen. Und Zimtapfelmus. Ja, so duftet es gerade draußen vor der Tür.
Ich schnuppere, halte Ausschau. Da! Das Fenster beim Nachbarn schräg rechts ist geöffnet. Zum Lüften. Zum Braten mit Klößen und Erbsen und Mus ins Freie entlassen, um Fremdnasen zu locken. Oder zu reizen, verführen?
Ich bin verführt und tausche dieses Aroma liebend gerne mit meinem Pfannkuchenduft, den ich gerade aus dem Zimmer entlassen möchte. Ob sich die Pfannkuchen mit dem Sauerbraten da draußen nun vermählen? Vielleicht dringen sie durchs Nachbarfenster und entlocken dort auch einen Seufzer, ein Sehnen nach Pfannkuchen im Austausch gegen Braten? Letzteren hat man dort jede Woche mal. Aber Pfannkuchen? Die nicht.
Ich seufze und beschließe, öfter wieder einmal einen Gang durchs Dorf zu machen. Sonntags, wenn die Leute beim Essen saßen. Hmmm! Wann habe ich eigentlich mit diesen Schnupperspaziergängen aufgehört und warum?
Früher, ja, da liebte ich sie. In der Kindheit schon, denn wir spazierten oft zur Essenszeit draußen herum. Den Hund ausführen und dem gerade genossenen Sonntagessen ein bisschen beim Verdauen helfen. Oder auf dem Weg zu einem der Lieblingsrestaurants meiner Eltern, wo wir an Wochenenden oft aßen. In der Erinnerung genieße ich nun all diese leckeren Gerüche und die vielen Wirtshausmahlzeiten. Damals habe ich sie gehasst. So sehr, dass ich die Freude aufs Essen verlernte und eine Weile fast gar nichts mehr aß. Die Figur dankte es mir, die Seele nicht.
Ob ich gleich nochmal das Fenster öffnen soll? Vielleicht wird gerade wieder gekocht? Ach was, ich gehe besser gleich selbst nachsehen. Spazieren gehen kann ich schließlich immer, auch ohne Alibi-Hund.

Mein Herz blutet

Der Weihnachtsbaumexpress rollt wieder durchs Dorf.
Weihnachtsbäume, prächtige, große, sehr große, und dann wieder viele kleine werden auf Tiefladern aus dem Wald gekarrt. Bäume für Markt- und Kirchplätze, für Tineff, Weihnachtstände und Wohnzimmerecken.
Eine Ladung nach der anderen. Den ganzen November durch.
Ein langes Leben beendet für ein paar kurze Fest- und Feiermomente im Lichterglanz. Ein vergeudetes Baumleben.
Ich schlucke jedes Jahr aufs Neue, wenn ich sie sehe. Um jeden Baum tut es mir in der Seele weh. Umso mehr in dem Wissen, dass wir jeden Baum, der lebt und atmet, brauchen für unsere Umwelt, unser Leben.
Ist es das wert, liebe Weihnachtsindustrie? Ist das heutzutage noch richtig? Habt ihr mal darüber nachgedacht? Brauchen wir Bäume, um unsere Zimmer festlich zu schmücken, um sie später mit Karacho mit rieselnden Nadeln aus dem Fenster zu werfen, den „Knut“ mit ihnen zu spielen?
Was für ein trauriges Tannendasein! Oh Tannenbaum, wie schnöd‘ musst du doch sterben.
Und wieder einer, ein doppelter Tieflader sogar, mit hohen, sehr hohen Fichten dieses Mal.
Mein Herz blutet.

Heute der rote Schal

Dieser Morgen hat sich ein graues Gewand angezogen. Ein feuchtes, trauriges Nebelgrau, in dem selbst die letzten gelben Blätter der Birken und Eichen und das rostbraune Buchenlaub fahl und von resignierter Abschiedsstimmung geprägt erscheinen. Nur die Weinstöcke wehren sich hier und da noch gegen diese Einheitstristesse und trotzen dieser Oktobermelancholie mit kräftigen roten, braunen und grünblauvioletten Tupfern.
Ich trotze auch, binde mir den knallroten Schal, der mir sonst ein bisschen zu rot ist, um und spaziere in das Grau hinaus, das nach nassem Holz, Nüssen, Steinpilzen, Pfefferminztee und Apfelkuchen duftet und sich tröstlich weich anfühlt.