Auf der Waldlichtung

Es wird wärmer. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Und endlich, endlich regt es sich am Boden der kleinen Waldlichtung.
Die Glückskäfer, pardon, Marienkäfer sind erwacht. Überall sehe ich sie aus ihren Winterschlafverstecken hervor kriechen. Manche taumeln fast … vor Müdigkeit oder überwältigt von der lockend milden Luft. Und wieder andere müssen aufgeweckt werden.
Aber nun mal zu! Macht mal! Beeilt euch!
Aufgeregt surrt eine Hummel von Blatt zu Blatt, um auch die letzten Schlafmützen ans Tageslicht zu locken.
Ich höre es genau, ihr aufgeregtes Summen.
Es klingt in etwa so: „Hey, hey, hörst du? Aufwachen, der Frühling ist da. Die Sonne scheint und die Luft ist warm. Los, Faulpelz, steh auf!“
Aber was ist das? Da will sich doch einer dieser faulen Kerle gleich wieder unterm Laub verstecken? Nichts da!!!
„Hey! Aufwachen! Du musst deinen Job tun. Los, los!“
„Was für ein Job?“, brummt der kleine Käfer. „Gibt es denn schon saftige Blattläuse zum Schmausen?“
„Blattläuse? Pah!“ Die Hummel ist empört. „Glück bringen sollst du? Oder warum, glaubst du, nennt man dich Glückskäfer, he?“
„Ach so. Ich bringe Glück.“ Fragend sieht der Käfer die Hummel an. „Wie macht man das? Wie bringt man Glück?“
Die Hummel ist nun ungehalten. „Dein Pech, wenn du das nicht selber weißt.“
„Okay. Dann bin ich eben ein Pechkäfer. Nun aber habe ich Hunger.“
Der kleine Glückskäfer reckt und streckt sich und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Er hebt die Fühler,  als schnuppere er … und dann trottet er los in die Frühlings-Waldwelt hinein. Langsam. Er hat Zeit.
Zum Fliegen steht ihm noch immer nicht der Sinn.  Erst einmal richtig wach werden und Ausschau halten. Von oben vom Brombeerzweig aus.
Achtung, Dornen! Glück gehabt! Nichts passiert. Er ist ja auch ein Glückskäfer!
„Irgendwie sieht er so anders aus, der Wald. Anders eben als im letzten Herbst“, brummt der kleine Käfer und schaut sich ein bisschen ratlos um. „Heller, frischer, grüner …“
So ganz versteht er diese neue Welt noch nicht und noch weniger hat er eine Idee, was es mit dem ‚Glück bringen‘  auf sich hat. Egal.
„Hallo du!“, ruft der Käfer, der sich nun etwas wacher fühlt, der Hummel hinterher. „Was gibt es Neues hier?“
Doch die Hummel ist längst wieder unterwegs. Schläfer aufwecken. Sie hat noch viel zu tun.

Wie geht es dir?

„Wie geht’s dir?“, ruft mir eine Stimme am Telefon fröhlich zu.
„Danke der Nachfrage“, freue ich mich. „Es geht mir nicht so besonders. Ich hatte in letzter Zeit etwas …“
„Oh, wie fein! Wusstest du eigentlich schon, dass die x mit dem y dem z ein … ach was, nein, das kann ich dir am Telefon nun wirklich nicht sagen … “
„Wie bitte?“
Themenwechsel. Schon plappert es weiter aus dem Hörer.
„Das Wetter ist auch nicht mehr so, wie es einmal war“, tönt es.
„Hmm ja!“
Was soll ich darauf antworten?
„Aber gestern waren wir lecker essen. Und teuer, sag ich dir, meine Liebe. Teuer. Aber was tut man nicht alles, um in der Gesellschaft das Gesicht zu wahren, nicht wahr?“
Seufzen.
Ich seufze auch.
„Oh ja…“, beeile ich mich zu sagen.
„Ach, übrigens, ich habe ganz vergessen zu fragen, wie es dir geht“, dröhnt es mir da bereits ein zweites Mal entgegen.
„Oh, mir geht es wundervoll“, föhne ich im Inbrunst zuversichtlicher Überzeugung zurück.
Schweigen. Verhalten. Für einen kurzen Moment.
Ausatmen. Ich höre es deutlich.
„Oh! Ja, dann“, kommt es zögernd. „Ich kann nur sagen: Glückspilz. Du hast es in der Tat gut getroffen.“
Wieder ein Seufzen. Nein, ein unterdrücktes Stöhnen eher. Dann, leiser, mit einem wehleidigen Mollton in der Stimme:
„Wenn du wüsstest, wie schlecht ich mich eigentlich fühle. So von Innen heraus, von der Seele her, verstehst du? Trübe! Ganz ganz trübe sieht es da in mir aus. Und das alles wegen jener Sache … Ach! (Schrilles Quieken!) Darüber muss ich dir ja überhaupt ALLES erst noch erzählen. Also … Das kam so: Als wir von den Seychellen zurückkamen … laber … laber …blabla … – Hey, hörst du mir überhaupt zu? Wo bist du denn auf einmal? … Unverschämtheit. Einfach schweigen. Du wirst auch immer oberflächlicher, meine Liebe! Da musst du dich nicht wundern, dass du immer sonderlicher wirst. Fast könnte man sagen, du vereinsamst. … Tsss… Aber ich sage dir eines! Wenn du dich nicht bald am …“
Was man mir noch sagen wollte, habe ich nicht mehr vernommen. Ich habe auf die „Aus-Taste“ gedrückt. Vorsichtig. Leise.
Diese Freiheit hab ich mir genommen. Weil ich, wie schon erwähnt,  ein Glückspilz bin. Aber irgendwie muss ich jetzt an die frische Luft.


Wie geht es dir heute?

 

Unterm Kirschbaum geträumt

Tagträume. Sie sind wieder da und ich nehme sie liebevoll in den Arm, liebkose sie, hege sie und gebe sie nicht mehr her. Wer nicht träumt, lebt nicht mehr (richtig). Die Bilder im Kopf sind schwarz-weiß, die Seele schwächelt grau vor sich hin. Traumlos eben. Traumlos ist ziellos, ist freudlos. Getagträumtes macht das Leben bunter und so mancher Traum wandert mit in die Realität. Es macht das Leben bunter. Und verrückter. Lebenswerter halt.

Träumend, die ländliche Feiertagsruhe genießend, blickte ich heute den Blütenblättern des Kirschbaumes, die der Wind von den Bäumen zupfte, hinterher – und ich begleitete sie für eine Weile auf ihrer kurzen Reise. Manche schafften es im Aufwind weit nach oben in die Lüfte und verschwanden auf Nimmerwiedersehen im Irgendwo, andere plumpsten nach einem kurzen Trudeln zu Boden, wo sie sich mit vielen Kollegen trafen und zu einer Abschiedsfete auf dem Boden zusammenrollten. Was sie sich wohl alles zu erzählen hatten?
Der Versuch, mich ganz klein zu machen und für ein Weilchen mit ihnen zu feiern und Spaß zu haben, scheiterte. In der Wirklichkeit. Nicht aber im Traum.

 

Kirschblüte

Karfreitagspanik

Karfreitag, so plauderte die Sprecherin im Radio heute Morgen, sei unter anderem ein Tag der Besinnung, der Einkehr, des Nachdenkens, des … Sie nannte noch viele Allgemeinplätze.
Karfreitag ist für mich, irgendwie, schon immer ein seltsam trauriger Tag. Ein Relikt aus der Kindheit. Da nämlich lernte ich, dass man an Karfreitag nicht lachen, kein Fleisch und keinen Kuchen essen, nicht laut singen und tanzen dürfe, nicht …
Karfreitag war ein Tag des Nichtdürfens, des Müssens und Sollens. Der Kirchgang war eine dieser Pflichten, hinter denen ein Muss stand. Ein düsteres Muss, das mich alle Jahre wieder vor Grauen schaudern ließ: Die Messe dauerte extra lang, es gab viel Getöse und Gebete und Weihrauch-Geschwenke und mir wurde schlecht. Es war der nackte Horror für mich mit meiner katholischen Mutter, dem protestantischen Vater, der streng lutheranisch gläubigen Großmutter väterlicherseits und dem atheistischen Großvater mütterlicherseits. Ich war ein ungläubiges Glaubensmischlingskind und das dürfte man im Kleinstädtchen meiner Kindheit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man beäugte mich mit Argwohn. Meine Mutter war in der Kirche nicht gern gesehen, weil sie einen Protestanten geheiratet hatte. Mein Vater machte alles, was mit Religion zu tun hatte, lächerlich. Oma hing an den Lippen ihres lutherischen Pfarrers und Opa wurde beim Thema ‚Kirche‘ ungehalten und es war besser, in seiner Gegenwart zu diesem Thema zu schweigen. Ich hätte auch gerne geschwiegen und noch lieber hätte ich auf all das Kirchen- und Glaubensgedöns verzichtet. Da die Lehrerin meiner katholischen Grundschule jedoch ihre Zeugnisnoten vom regelmäßigen Kirchgang, ganz besonders zu Feiertagen, abhängig machte (wer schwänzte, wurde hochoffiziell im Unterricht an den Pranger gestellt, heute würde man es Mobbing nennen), musste ich alleine zur Messe gehen. Das war besonders schlimm an Karfreitag.
Der war ein grauer Tag in meinem jungen Leben. Und ein beängstigender. Wenn mein Vater später mit einem fast diabolischen Grinsen ein Stück Fleisch oder Wurst aß, um Mama und/oder Oma zu provozieren, verharrte ich starr vor Schreck und Angst begann in mir zu rumoren. Musste Papa nun sterben? Und kam er dann in die Hölle? Fleisch essen zu Karfreitag war eine Sünde, eine Todsünde, so hatte ich es in der Schule gelernt, und ich war fest davon überzeugt, dass sich der Erdboden auftun und meinen sündigen Vater mit sich in die Tiefe des höllischen Feuers reißen würde. Den ganzen Tag, auch Karsamstag noch, raste mein Herz und ich wartete darauf, dass eine Hand vom Himmel her drohend zu uns herab winken würde. Ich schlief schlecht und von meinen Träumen möchte ich lieber nichts erzählen. Erst am Ostersonntag konnte ich aufatmen. Wir waren nochmal davongekommen, das Schicksal hatte es gut mit uns gemeint. Diese Erleichterung, die meine Kinderseele dankbar durchflutete, war für mich etwas wie meine eigene kleine Osterbotschaft.

Heute habe ich übrigens zum ersten Mal an Karfreitag Fleisch gegessen: Pfannkuchen mit buntem Gemüse und Bolognesesoße. Es hat köstlich geschmeckt und da ist auch keine Hand nun, die mir vom Himmel her droht. Es hat lange gedauert, dieses Gesunden meiner karfreitagstraumatisierten Seele. Verdammt lange.