Maikäferbesuch

DER MAIKÄFER

Dann ist da doch noch einer. Fast hätte ich vergessen, dass es sie in diesem Frühjahr überhaupt gibt. Maikäfer!
Einer hat es bis in den Garten geschafft, und geschafft sieht er auch aus. Geschafft und kaputt irgendwie. Kläglich verkrümmt liegt er nur wenige Schritte vor der Gartentür und regt sich nicht. Ich rede ihm gut zu und, ja, ich gebe es zu, ich verpasse ihm einen leichten Stupser. Der hilft.
Müde und irgendwie gelangweilt kriecht der Käferkerl weiter seines Wegs. Er hat keine Lust zum Fliegen. Auch die duftenden, lecker frischen Birken-, Buchen- und Kirschbaumblätter, interessieren ihn nicht. Ich glaube, er ist satt. Vom Futtern. Vom Regen. Vom Mai. Vom Käferleben.
Armer kleiner müder Käfer!

Umso aktiver ist die Amsel, die in der Spitze der Birke sitzt und darauf lauert, dass ich ihr den Weg frei zum Käfer mache.
Keine Chance. Meinen ersten Maikäfer, der in diesen späten Maitagen wahrscheinlich auch der letzte für dieses Jahr sein wird, gebe ich nicht dem gefräßigen Feind preis. Such dir ein anderes Opfer, Amsel!
Vorsichtig bette ich den faulen Kerl auf ein Salbeiblatt und versteckte ihn im Blumentrog. 
Dort liegt der nun, stellt sich tot wie Herr Sumsemann in Peterchens Mondfahrt und … ja, und fast habe ich das Gefühl, er gefällt sich in dieser Rolle. Er bleibt ein toter Mann, pardon, Käferkerl. Er hat Zeit.
Die Amsel nicht. Die ist hungrig und irgendwann wird es ihr dumm, weiter zu warten.
Mir auch.
Wir lassen ihn alleine in seiner Agonie. Vielleicht hat er ja wirklich die Nase voll von diesem nassen Erdenleben und übt schon einmal das Totsein?

„Bis später, du trauriger Kerl!“ Ich trolle mich zu meinem Schreibtisch, doch konzentrieren kann ich mich nicht mehr. Immer wieder denke ich an den kleinen müden Trauerkloß draußen im Blumentrog und wenige Minuten später schaue ich doch noch einmal nach ihm.
Er ist verschwunden.
Na bitte! Geht doch!
Oder hat doch die Amsel ein wenig „nachgeholfen“?

So viele kleine und klitzekleine Geschichten weiß die Natur zu erzählen.
Und ich überlege mir, wie das ist mit Käfern, die auf dem Rücken liegen. Hat Kafka recht, wenn er in seiner „Verwandlung“ an einer Stelle behauptet, ein Käfer, der einmal auf dem Rücken läge, könne aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen? Oder ist es schriftstellerische Freiheit?



Totgestellt

Duett …

„Hilfe! Ein Überfall!“
Die Tasten des Konzertflügels zucken zusammen, als sich ihnen zwei Hände nähern. Eine linke, leicht behaarte Hand mit energisch drängelnden Fingern und eine rechte, weiche, mit einem Brillantring geschmückte Hand, ebenfalls mit, nein, mit noch energischer drängelnden, kräftigen Fingern.
„Drei – zwei – eins – zero!“, erklingt eine Stimme aus dem Off. „Das Due-(tt)ll beginnt. Guten Abend, meine Damen und Herren! Sie hören …“
„Oh je“, wispern die Tasten des Musikinstruments. „Ich mag gar nicht hören, was wir nun zu hören bekommen. Wenn wir uns nur wehren könnten.“
Sie seufzen und ergeben sich in ihr Schicksal. Geduckt warten sie auf die ersten (An)Schläge.
Die linke Hand drängelt sich vor und vereint mit einem rauen Schlag drei Tasten zu einem Akkord. Kling-ping-boing. Er klingt schräg, der Klang.
Die rechte Hand prescht hinterher, schlägt zu. Ein dröhnender Vierer-Akkord. Hart und … irgendwie daneben gegriffen. Klong-pong-bäng.
Die linke Hand wehrt sich gegen den Eindringling von rechts und nudelt eine nicht enden wollende aufwärts steigende Tonleiter die Reihe der Tasten entlang. Sie endet mit einem triumphierenden T(h)riller in Bach’scher Manier.
Unverschämtheit! Die rechte Hand tritt dem Eindringling entgegen. Sie wehrt sich und dudelt die Tonleiterreihe in lautem Tschaikowksy-Stakkato wieder abwärts, um in einem dröhnenden Ta-ta-taaaaa auf dem tiefen C zu enden.
Jetzt erst beginnt das Duett-ll so richtig und in den nächsten Minuten, die den Klaviertasten wie unendlich lange Stunden anmuten, hämmern sich die beiden Duettanten, pardon, Duellanten durch ihren Vortrag. Lange währt die Qual. Die Klaviertasten geben mit verzerrten Gesichtern ihren Schmerz den Saiten im Klangkörper weiter. Die reagieren ob der rüden, unwirklich anmutenden Behandlung … verstimmt. Um das Gedröhne zu ertragen, verziehen und dehnen und (ver)schwingen und verbiegen sie sich und die Töne, die wiederzugeben ihr Job ist, klingen … falsch. Sie meinen es nicht böse, die Saiten, doch sie können sich nicht wehren.
Die Zuhörer meinen es auch nicht böse. Sie verziehen verstohlen die Gesichter … doch auch sie können sich … nicht … wehren.
Oder doch?


Dorfkerwenacht

Die Nacht ist anders. Das sonst so stille Dorf ist weniger still, es parken ein paar Autos bei der Kneipe und es rauschen auch ein paar mehr von ihnen durch die Dorfstraße. Die Stille ist weniger still und von gelegentlichem Kreischjuchzern der Frauen, angesoffenen Brüllern der Männer und schrill sägenden Gitarrenriffs durchbrochen.
Es hat sich nichts geändert seit damals. Die jungen – und alten – Frauen umwerben noch immer in einer Weise, die Feministinnen die Schamesröte ins Gesicht treibt, die Männer, ob angebetet oder nicht, und biedern sich ihnen an. Die Schminke ist vielleicht ein bisschen anders, die Klamotten auch, obwohl, nein, Haut hatten wir damals auch gezeigt. Oder es zumindest versucht.
Die Männer kehren noch immer die Machos heraus. Die sehr besoffenen Machos. Sie reißen dämliche Witze, über die die Frauen in gekünstelter Zurschaustellung dümmlich lachen, obwohl sie diese Zoten gar nicht witzig finden. Es ist wie vor dreißig Jahren und keinen Deut anders. Selbst die Band spielt die gleichen alten, sinnfreien Schlager, nur dass die nun wirklich alt sind und nicht aktuell wie damals. Als ob es keine neue, bessere Musik gäbe.
Das sonst so stille Dorf windet sich und es scheint, als halle ein Raunen zwischen den Häusern, das trösten sollte, in klagendem Ton hin und her: „Einmal im Jahr, beruhigt euch, es ist nur einmal im Jahr und übermorgen wieder vorbei.“
Doch die Grillen zirpen heute nicht, die Rehe oben im Wald sind still, der Waldkauz auch und da ist auch keine Kuh, die in dieser Nacht ihr Kälbchen, das sie nie würde sehen dürfen, bekommt. Selbst die verliebten Frühlingskater singen heute nicht ihre Liebeslieder. Man hört und sieht sie nicht, die Tiere  von Dorf, Feld, Wiese, Wald. Sie warten und harren auf bessere Zeiten. Ab und zu bellt ein Hund ein paar gequälte Beller, die rasch in einer jähen Stille enden. Nur die Fledermäuse umkreisen auch heute mit eleganten, weiten Schwingen stumm die Laterne vorm Nachbarhaus, so wie sie es immer tun in Frühlings- und Sommernächten.
Es ist wie alle Jahre in Dorfnächten, in denen die Kerwe „tobt“.



Dorfnacht © Stocksnap/pixabay

Die Ohhhmmm – Buche

An manchen Tagen geht nicht viel. Oder der Tag war/ist zu viel.
„Wie bitte?“, höre ich die leise Stimme der Ohhhmmm–Buche oben auf dem Berg. „Der Tag ist dir zu viel? Na, komm … auf ein Ohhhmmm!“
Und ich beeile mich. Der Weg zu ihr ist steil und auch ein bisschen weit, doch ich gehe ihn gerne an solchen Tagen. Manchmal laufe/renne/jage ich sogar zu ihr bergaufwärts.
„Komm! Ohhhmmm!“, ruft sie mir von weitem schon zu.
Und ich laufe immer schneller. Wie magisch zieht sie mich an.
Und endlich bin ich da. Angekommen bei ihr, der Ohhhmmm–Buche.
Ich breite meine Arme aus und lege sie um ihren dicken Stamm. Sogleich fühle ich mich herzlich aufgenommen und angenommen. Es ist ein bisschen wie heimkehren.
Ich halte mich an ihr fest, drücke meinen Körper an ihren warmen Stamm, höre mein Herz klopfen.
Pssst!
Stille!
Ich atme ein. Ich atme aus. Ich bin da. Ich … bin!
Langsam komme ich zur Ruhe. Ich schließe die Augen, lausche dem Atem des alten Baumes und seiner leisen Musik – und alles ist gut.
Ohhhmmmm …


Ohhhmmm … !!!

Der Todo

„Keine Chance hat er heute bei mir, der Todo“, sage ich beim Frühstück und lächele. „Ich muss nur noch rasch dies und jenes und das erledigen, dann werde ich ihn für dieses Wochenende zum Teufel schicken.“
Ihn, den Todo.
Sage ich und erledige noch rasch dies und jenes und das und noch eins, zwei, drei, vier, fünf oder mehr Kleinigkeiten mehr.
„Nun geh, Todo!“, bitte ich ihn gegen Nachmittag. „Wir haben Wochenende und frei.“
„Frei?“, fragt er mich und schaut mich mit diesen strengen Blicken an, die sich wie juckende Pfeile in meinen Körper bohren.
Ich kratze mich dezent und suche nach einer Waffe, mit der ich ihn ähnlich wie mit einer Fliegenklatsche zum Schweigen bringen kann. Die Kuscheldecke tut es in dem Falle auch. Ich breite sie über Todo und seine Werkzeug-Utensilien und sage: „Ätsch!“
„Ätsch!“, hallt es unter der Decke hervor. Es hallt nur leise. 
Dann ist Ruhe und ich blicke fröhlich aus dem Fenster.
Die Sonne hat den Morgennebel vertrieben, der Himmel ist blau, die Bäume schimmern rot, gelb, golden braun. 
Welt, ich komme!
„Warum liegt die Decke über deinem Schreibtisch?“, fragt der Liebste in diesem Augenblick.
„Todo schläft“, antworte ich. „Er braucht eine Pause, der lästige Kerl.“
„Was für’n Kerl?“ Der Liebste sieht mich misstrauisch an, ballt unmerklich die Fäuste und blickt sich im Zimmer um. Einen fremden Kerl aber sieht er nicht. Kann er auch nicht. Den habe ich ja unter der Decke begraben.
In dem Augenblick bimmelt das Smartphone. Es liegt bei Todo unter der Decke.
Ich zögere, die Neugier siegt … und Todo ist wieder frei.
 Und wie frei er ist! Mit nichts mehr ist er zu bändigen und schon gar nicht will er sich noch einmal unter eine Decke oder sonst wohin verbannen lassen.
Geht auch nicht. Nach dem Telefonat nämlich sitze ich neben dem grinsenden Todo sinnend am Schreibtisch und schreibe eine neue Liste für die nächsten Tage. Überschrift: „To do“!
(Darunter, ganz klein: Vergiss nicht das Sabbatjahr!) 😉



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