Das traurige Lied zum fröhlichen Mai

„Der Maiwald ist der schönste Wald.“ So sagten es die Eltern. Fast jede freie Minute verbrachten sie mit uns zur Maienzeit (und nicht nur da) im Wald. Es waren viele „nervige“ Wanderminuten“ und es dauerte Jahrzehnte, bis ich mich von jenen damaligen Wald- und Wanderzwängen erholt hatte und freiwillig wieder gerne in den Wald ging, nicht nur dem Hunde zuliebe.

Als ich aber noch klein war, liebte ich diese Waldmomente mit meinen Eltern. Der erste Mai galt für uns – und für viele andere Menschen in der damaligen Zeit auch –  als ein besonderer Waldtag, und ich war erfüllt von tiefer Ehrfurcht vom Phänomen „Maienwald“. Warum? An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die frischen grünen Blättern an den Bäumen, die Veilchen, Buschwindröschen, Maiglöckchen und Kleeblümchen, die überall den Waldboden übersäten, die würzige Frühlingsluft, die nach frischer Erde und alten, verrotteten Blättern, nach Vanillehonig und Apfelblüten duftete, und an jenes Mozartlied, das ich damals so sehr liebte. Nein, ich liebe es noch immer und ich erinnere mich noch ganz genau:
„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache, die kleinen Veilchen blühn.
Wie möcht‘ ich doch so gerne ein Veilchen wieder sehn,
ach lieber Mai, wie gerne, einmal spazieren gehn…“ *

Ich sang es voller Inbrunst damals mit dünner, empathischer Kinderstimme und Tränen rannen dabei über meine Wangen. Einfach, weil alles so schön war in diesen Augenblicken: der Maiwald, das frische Grün, der Duft, die warme Luft und die wunderfeine, zarte Melodie, die der junge Mozart diesem Text verliehen hatte. Und dann dachte ich an Mozart und jenes Bilderbuch, das sein kurzes Leben erzählte und das ich so sehr liebte, und musste noch mehr weinen. Weil die Melodie so traurig-schön ist und weil Mozart so jung hatte sterben müssen. Das hatte mich als kleines Mädchen zutiefst betrübt und irgendwie hatte ich es Mozart in meinem tiefsten Innern nicht verzeihen wollen. Wie konnte er so früh gehen? All die ungeschriebenen Lieder und Melodien. Nein, es war unfassbar für mich. Damals.

So verbinde ich noch heute den ersten Mai mit dem Wald und mit jenem Lied und dem toten Mozart, und wenn ich die Melodie jetzt wieder höre, sind auch die Tränen ganz nah.
So traurig schön … und ein so traurig schöner Monat ist der Mai auch für mich, und auch hier könnte ich den Grund nicht benennen, warum ich so empfinde. Man muss auch nicht alles begründen.

*Text: Christian Adolf Overbeck, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart


Maiwaldgrün

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