Dorfkerwenacht

Die Nacht ist anders. Das sonst so stille Dorf ist weniger still, es parken ein paar Autos bei der Kneipe und es rauschen auch ein paar mehr von ihnen durch die Dorfstraße. Die Stille ist weniger still und von gelegentlichem Kreischjuchzern der Frauen, angesoffenen Brüllern der Männer und schrill sägenden Gitarrenriffs durchbrochen.
Es hat sich nichts geändert seit damals. Die jungen – und alten – Frauen umwerben noch immer in einer Weise, die Feministinnen die Schamesröte ins Gesicht treibt, die Männer, ob angebetet oder nicht, und biedern sich ihnen an. Die Schminke ist vielleicht ein bisschen anders, die Klamotten auch, obwohl, nein, Haut hatten wir damals auch gezeigt. Oder es zumindest versucht.
Die Männer kehren noch immer die Machos heraus. Die sehr besoffenen Machos. Sie reißen dämliche Witze, über die die Frauen in gekünstelter Zurschaustellung dümmlich lachen, obwohl sie diese Zoten gar nicht witzig finden. Es ist wie vor dreißig Jahren und keinen Deut anders. Selbst die Band spielt die gleichen alten, sinnfreien Schlager, nur dass die nun wirklich alt sind und nicht aktuell wie damals. Als ob es keine neue, bessere Musik gäbe.
Das sonst so stille Dorf windet sich und es scheint, als halle ein Raunen zwischen den Häusern, das trösten sollte, in klagendem Ton hin und her: „Einmal im Jahr, beruhigt euch, es ist nur einmal im Jahr und übermorgen wieder vorbei.“
Doch die Grillen zirpen heute nicht, die Rehe oben im Wald sind still, der Waldkauz auch und da ist auch keine Kuh, die in dieser Nacht ihr Kälbchen, das sie nie würde sehen dürfen, bekommt. Selbst die verliebten Frühlingskater singen heute nicht ihre Liebeslieder. Man hört und sieht sie nicht, die Tiere  von Dorf, Feld, Wiese, Wald. Sie warten und harren auf bessere Zeiten. Ab und zu bellt ein Hund ein paar gequälte Beller, die rasch in einer jähen Stille enden. Nur die Fledermäuse umkreisen auch heute mit eleganten, weiten Schwingen stumm die Laterne vorm Nachbarhaus, so wie sie es immer tun in Frühlings- und Sommernächten.
Es ist wie alle Jahre in Dorfnächten, in denen die Kerwe „tobt“.



Dorfnacht © Stocksnap/pixabay

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