Der Giersch und das Jäten mit allen Sinnen

Sei sanftmütig zum Giersch! Fasse ihn zärtlich an, ziehe nur leicht und denke freundliche Gedanken! Er zeigt sich dankbar und löst sich und seine Wurzeln für einen Moment, um dir entgegen zu kommen. Ein Moment der Schwäche – ja, auch ein Giersch vermag es, Schwäche zu zeigen – und ein zupfender Ruck deiner Hände, und schon hast du ihn elegant dem Boden entrissen, nein, sanft entzogen. Denke weiter freundliche Gedanken und zeige deinen Triumph nicht und das nächste Gierschpflänzlein seufzt in seiner leisen Gier, gestreichelt zu werden, dir schon entgegen und merkt nicht, dass es das nächste Opfer sein wird.
Merke: Denke freundlich, zeige Sanftmut und Geduld, und selbst die Wildkräuter, die geduldeten, danken es dir dann mit einem freundlichen Entgegenkommen. Bedanke auch du dich bei ihnen! Streichle ihre bebenden Blätter, bevor du sie mit Schwung auf den Komposthaufen pfefferst. Pssst!
.
Merke:
Jäte Unkraut mit Achtsamkeit und meditativen Gedanken!
Setze dich ruhig hin ins Gras oder auf einen von der Sonne gewärmten Stein! Schließe die Augen! Genieße den Moment! Lausche!
Konzentriere dich auf all das, was du hörst!
Versuche die Laute, die dein Ohr und deine Seele erreichen, aufzuzählen und zu beschreiben.
Lausche nun!
.
Und ja, ich lausche nun auch, gebe mich ganz dem Moment hin und höre:
Spatzengezwitscher, Wildbienengesumm, Grillengegrille, Vogelgesang, Meisengezirpe, Spatzengezwitscher, ein Flugzeug, den Briefträger, Hahnenkrähen, Amselgesang, ein Auto, noch ein Auto, Wassergeplätscher, Käfergebrumm, noch mehr Grillen, Spatzengezwitscher, der Nachbar kommt nach Hause, und noch ein Auto, ein Motorrad, zwei Traktoren, Spatzengezwitscher, Bussarde am Himmel, Taubengurren, ein Traktor, der Milchlaster, Kuhmuhen, Spatzengezwitscher, Buchfinksonate, Hummelbrummeln, Hundebellen, eine Frauenstimme, nein zwei, Spatzengezwitscher, Handygebimmel, wieder ein Traktor, drei Autos, ein Fahrrad, Gänseblümchengekicher, Motorrad, die Telekom, Spatzengezwitscher, eine Autotür und … Spatzengezwitscher
Und das alles in zehn Minuten.
Dorfstille zur Mittagszeit.
Und die Spatzen, die zwitschern noch immer. Wie immer klingt es, als würden sie streiten.
Nur der verbliebene Giersch schweigt mit gesenkten Blättern. Er verdaut noch den Schrecken. Vielleicht trauert er auch seinen gejäteten Kollegen hinterher?


Prachtvoller Giersch

2 Kommentare zu „Der Giersch und das Jäten mit allen Sinnen

  1. Liebe Ella,

    schön, deine Pausen- und Still sein-Gedanken.

    Ich muss dazu irgendwo anders hingehen – hier passt das zumeist nicht, außer ich erwische genau diese eine Minute.Hier werden immer noch so gut wie alle Geräusche von vorbeifahrenden Lastwagen überdeckt. Dieser Verkehr ist absurd – die Autobahn endet in eine Bundesstraße und der aller größte Teil dieses Autobahn/Bundesstraßenverkehrs läuft über eine frühere Kreis Straße bei uns vorbei. Dazu wohnen wir oben auf dem Berg: Das heißt, die einen Lastwagen keuchen hoch, die anderen hört man schon früh bremsen – ein ganzes Stück, bevor sie da sind.
    Gedacht war das als Provisorium für 5-10 Jahre, inzwischen sind wir im 24. oder 25. Jahr. Aber ab Ende des Jahres soll es – angeblich – endlich vorbei sein.

    Wir werden sehen – und Achtsamkeit übe ich halt anderweitig.

    Herzliche Grüße zu dir
    Judith

    Liken

    1. Danke, liebe Judith!
      Ich freue mich, dass dir meine Gedanken gefallen. Überhaupt freue ich mich über die ersten Kommentare hier im noch so jungen Blog sehr. 🙂

      Dass Verkehrslärm dich schon so viele Jahre umtost, tut mir leid. Das hatten wir ähnlich in unserem früheren Wohnort auch sehr und der Entschluss, ins sehr ländliche ruhige Walddorf zu ziehen, war trotz des Schreckens eines Umzugs nach so vielen Jahren eine der besten Entscheidungen unseres Lebens.

      Liebe Grüße, Ella

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