Ein Sonntagmorgen auf dem Lande

Ein Sonntagmorgen auf dem Lande. Ein Sommermorgen.
Diese Stille! Ich lausche, barfuß im Gras, den ersten Becher Kaffee in den Händen.
Stille?
Nein, still ist es überhaupt nicht. Still ist es nie hier.
Ein Vogelchor singt sein Lied der tausenderlei Stimmen und Stimmungen. Nein, er singt nicht. Er piept, tschilpt, pfeift, kreischt, streitet, fetzt, föhnt, flötet, tiriliert, alles auf einmal und sehr durcheinander. Nicht sonntagsfeierlich. Das kennen sie nicht, die Schwalben, Spatzen, Finken, Amseln, Meisen und wie sie alle heißen. Können sie nicht. Wollen sie nicht.
Will auch ich nicht hören. Ich liebe ihren lauten ‚Durcheinandervogelstimmeleien‘, die die Stille des Morgens ebenso wenig stören wie der Hahn, der irgendwo in der Nähe gerade kräht, die muhenden Kühe auf der Weide, das Geigenkonzert der Grillen, das Meckern des Nachbarhundes und das helle Bimmeln der Kirchenglocken. Sie alle geben der Stille einen Raum, der sie umfängt und liebkost. Eine Stille, die gut tut. Eine ‚Seelenschmeichlerstille‘.
Ich schließe die Augen und nehme diese Stille in mir auf.
Sie streichelt meine Seele und mein Herz macht so seltsame Hüpfer, die es lange nicht mehr gemacht hat. Sind’s Glückshüpfer? Ich versuche, sie festzuhalten, während ich der lauten Stille ringsum lausche.
Aus dem rosafarbenen Meer der Rosenbüsche  lacht mir ein weißer Blütenkopf, frisch aufgeblüht, entgegen. Eine einzige weiße Pfingstrose. Eine Nachzüglerin. Sie macht das Bild mit ihrem Weiß bunt so wie die Vögel mit ihrem Konzert die Stille still machen. ‚Verkehrtverrücktschöne‘ Welt.
Ohmmmmmm!
Ein Motorrad röhrt auf. Es jault mit vielen schmerzlichen ‚Wum-Wum-Wums‘, hallt durch die Straße, wabert über Wiesen, Gärten, Höfe, begleitet von gut gelaunt klingenden Menschenstimmen. Aha, der Nachbar zwei Häuser weiter sattelt seinen Blechgaul, auf den er so stolz ist. Er sattelt lange, will gehört, gesehen werden.
Ich tue ihm den Gefallen, trete an den Zaun, winke ihm zu. Er neigt huldvoll sein helmgekröntes Haupt, drückt mir seine lederkluftbetonte Wampe entgegen und winkt.
„Moorge“, ruft er mir zu.
„Hi!“, rufe ich zurück. „Schönen Sonntag auch.“
„Jouuu!“
„Jo!“
Er wirft mir noch einige ‚Wum-Wum-Wums‘ zu, dann jagt er mit einem satten Röhren über die Straße hinaus aus dem Dorf.
Die Stille wird wieder still, der Vogelchor ‚chort‘ weiter, doch er stört sie nicht, die Stille.


Rosenliebe

5 Kommentare zu „Ein Sonntagmorgen auf dem Lande

  1. Liebe Ella, in deinen Aufzählungen fehlt noch das Wort *schlägt*, die Nachtigall schlägt ihre Lieder, warum auch immer. Zu uns kommen jedes Jahr zwei Pärchen, ich könnte einfach nur lauschen, lauschen, lauschen…
    Danke für deinen Beitrag.
    Nun halten wir nur noch diese Hitze aus, dann ist alles perfekt, lächel..
    Liebe Grüße, Edith

    Gefällt 1 Person

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