„Darf ich dich etwas fragen?“

„Darf ich dich etwas fragen?“, fragt der Mann.
Ich blicke von meiner Arbeit, dem Zupfen frisch geernteter Pfefferminzstängel, auf. Seit wann stellt er mir die Frage, ob er etwas fragen darf? Wirke ich so unzugänglich?
„Warum fragst du?“, erkundige ich mich vorsichtig und in meinem Kopf tanzen Eurozeichen einen Tango. Seine Frage könnte teuer werden. Ist etwas kaputt gegangen? Plagen ihn teure Sehnsüchte? Er wird doch nicht krank sein? Oder wandert gerade eine neue Idee zur Waldbauernhäuschen-Renovation, also auch teuer, in seinem Kopf herum?
Ich werde nervös. Hektisch zupfe ich die Minzblättchen von den Stielen, pfeffere sie ins Sieb, verhasple mich, fluche.
Er schweigt, doch ich sehe, dass er mich beobachtet. Nein, er mustert mich. Missbilligend ein wenig.
Habe ich etwas falsch gemacht? Gefällt ihm das neue Shirt nicht? Sind die Haare zu lang?
Meine Nervosität steigt. Ich halte es nicht mehr aus.
„Nun sag schon!“, fahre ich ihn unbeabsichtigt wirsch an.
„Aber ich möchte nicht, dass du es als Kritik begreifst. Nichts liegt mir ferner, als …“
„Nein!“, unterbreche ich ihn und meine Ungeduld würgt mich fast. „Du kannst mir alles sagen. Weißt du doch!“
„Ja, nur … Es ist …“ Er stammelt.
Mein Mann stammelt? Ich erschrecke noch mehr.
„Es ist … Na ja, ich sage es, aber nicht sauer sein, ja?“
„Ne-e-ein.“
Dieses  „Ne-e-ein“ ähnelt im Sound dem einer Rakete, die an uns vorbei zischt und gleich einschlagen wird.
„Nun sag es schon! Du siehst doch, ich bin etwas im Stress. Es steht noch so viel auf meinem Plan heute und ich …
„Genau das ist es!“ Er atmet tief durch. „Ich bin froh, dass du es selbst gerade erkannt hast.“
„Was? Ich …“. Ich atme nun auch tief durch und blicke auf meine Hände, die ungeduldig und hastig an den Minzblättern zerren. Viel zu ungeduldig und rasch, wie ich feststelle. What the hell!
Ich verlangsame meine Bewegungen, halte inne, nehme auf einmal bewusst wahr, was ich tue. Der milde Minzduft erreicht endlich meine Nase und die Seele atmet auf.
„Danke!“, sage ich und lächle.
Er lächelt auch.
Dieses Ding mit der Achtsamkeit aber auch!  Es wird noch ein Stück Arbeit sein, sie als festes Mitglied in mein Leben mit aufzunehmen.

Ein Kommentar zu „„Darf ich dich etwas fragen?“

  1. Hui! Ich kann mir die Szene lebhaft vorstellen – bei uns liefe sie allerdings andersherum ab. Und ja, du hast recht, es ist nicht so einfach, loszulassen, achtsam zu sein und den Moment zu genießen – kommen wir doch oft aus einer völlig anderen Haltung.
    Und: Mir ist bewusst, dass das Spüren und das Erkennen, was ich tue, bereits darauf hinweisen, dass ein erster Schritt gelungen ist. In diesem Sinn: Herzlichen Glückwunsch und bleib weiter dran.
    Gute Nacht, Judith

    Gefällt 1 Person

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