Trotz alledem

Noch nie habe ich einen Rückblick zum Ende eines Jahres geschrieben.
Heute habe ich lange darüber nachgedacht, meine Gedanken zum Jahr auch einmal festzuhalten, sei es für mich alleine oder vielleicht sogar hier im Blog.
Es blieb beim Nachdenken, obgleich ich vieles zu diesem Jahr 2019 schreiben könnte.
Könnte das Jahr sprechen, würde es mir vielleicht erzählen, wie schwierig es ist, alle Wünsche und Ansprüche, die man zu Beginn eines neuen Jahres hat, zu erfüllen. Es hat recht. Und daher möge es nun ruhen, das Jahr. Es hat diese Ruhe verdient. Ich werfe ihm ein fröhliches Dankeschön zu. Ein Dankeschön, dass es mich (über)leben ließ. Dass es mir auch an grauen Tagen viele kleine und große und leise Glücksmomente schenkte, und dies jeden Tag aufs Neue.
Danke, Jahr! Trotz alledem.

Wenn Sterne tanzen

Am Kirchplatz vor der hohen Weihnachtstanne machte sie Halt. Das Licht ihrer Kerzen tanzte im Schein der Nebelschwaden Irrlichtern gleich durch den frühen Abend und es verlieh dem Dunkel eine fast mythisch anmutende Unwirklichkeit, die fast als schön zu bezeichnen war. Von der Kirche her erklang Orgelmusik. Nicht feierlich, wie sie es aus früheren Kirchgängen her kannte. Es war ein heiter leichtes Lied, das dem schweren Nebel eine lange Nase zu zeigen versuchte.
Das Spiel von Musik, Licht und Nebel hielt die Frau fest. Die Unwirklichkeit der Szenerie ließ sie ihren Kummer vergessen. Wie gebannt starrte sie auf die Lichter der Tanne. Für einen Moment wich der Nebel und ein Lichtblitz huschte über den kleinen Platz. Ein Lichtblitz? Oder war es ein Stern gewesen?
Die Frau konnte nicht länger ernst bleiben. Und plötzlich war alles anders. Wer Sterne über Plätze tanzen sah, vermochte auch Einhörner zu sehen, Feen, Zauberer und Engel. So einfach war das.
So einfach?
Nun lachte die Frau. Es war, als wäre die Schaltuhr des Lebens wieder zurückgestellt auf Null. Auf einen neuen Anfang.
FROHE WEIHNACHT! 🎄

Wunschzettel

Liebes Christkind!
Heute schreibe ich dir einen Wunschzettel und ich verspreche es dir, liebes Christkind: Es ist kein Wunsch, der Geld kostet und den man als Geschenk in bunte Päckchen verpacken kann. Es ist ein ganz kleiner, leiser, bescheidener Wunsch:
Bitte mach, dass die Leute sich wieder erinnern, dass du es bist, das bald Geburtstag hat, und dass du dir Ruhe und Gemütlichkeit und Besinnlichkeit und Frieden wünschst und nicht diesen Trubel, die Drängeleien und Hetzereien auf Straßen und in den Städten. Und bitte, sagt ihnen auch, dass du auch jene grässlich bunten Glitzerflimmerschmuckhäuser und -fenster so gar nicht leiden magst. Weißt du, liebes Christkind, das alles nämlich machen die Menschen in den Wochen vor Heiligabend nur deinetwegen, und sie sind dabei so gestresst, dass sie das Lachen vergessen und oft sehr grimmig dreinschauen, dass sie so sehr drängeln und sich unterwegs arg unfreundlich und trubelig verhalten. Sie nennen es Weihnachtsvorbereitungen, doch sag, Christkind, wünschst du dir diese „Vorbereitungen“ überhaupt?
Liebe Grüße, auch an deine Eltern und Ochs und Esel
Deine E.

 

Diese Momente

Grauweißgrau der Tag. Schneematschgrau.
„Auch das Wintergrau ist schön!“, sagst du und reichst mir Farbkasten und Pinsel. „Los! Schenke dem Tag ein neues Gesicht!“
„Ich kann nicht malen!“, maule ich.
Ich setze Kopfhörer auf, nehme Stift und Papier und male mir zu lauter Musik mit Worten die Welt bunt, gebe dem Tag ein helles, strahlendes Gelb und versehe es mit Tupfen. Bunten Tupfen, einem fröhlichen Sommerkleid gleich. Ein Lachgesicht zwinkert mir zu, ein Streichholz zischt und der Duft einer glimmenden Kerze zaubert ein Leuchten in deine Augen.
Das Leben ist schön!

Wut

Zwischenzeiten, so nannte ich das Gedicht, das hier als letzter Eintrag vom 20.7. veröffentlicht wurde.
Zwischenzeiten, als hätte ich es geahnt, dass ich bald zwischen den Zeiten und zwischen allen Stühlen sitzen werde.
Dann nämlich kam der Schlag, der das Leben, das von nun an in einem neuen Kapitel beschrieben werden wollte, völlig durcheinander wirbelte. Damals, im Juli. Am 22., um genau zu sein. Schlag(anfall)artig.

Ich hatte immer so etwas befürchtet. Bei jeder Zigarette, die er sich anzündete, und das waren viele in einem langen Musikerleben. Und dann lag er vor mir an jenem Sonntagnachmittag, bewegungsunfähig, hilflos und in meinem Kopf spulten sich in Sekundenschnelle alle Albträume der letzten Jahre schreckensgleich ab. Im gleichen Augenblick verschwand jene surreale Angst, die mich immer irgendwie beherrscht hatte, denn das, wovor mir so sehr bangte, war ja nun eingetreten. Sie machte einer unbändigen Wut auf das Rauchen und die Dummheit Platz, die mir Kraft verlieh, das, was nun kam, zu bewältigen.
Ich konnte noch atmen, wenn auch ziemlich atemlos und krampfig.
Atemlos waren auch die Tage, Wochen, Monate, die dem Schlag folgten, und sie sind es noch immer.
Zum Bloggen war keine Zeit – und kein Nerv – geblieben. Zum Sabbatjahr auch nicht.

Wie es hier mit dem Blog weitergeht, weiß ich nicht. Das Schreiben fehlt, das Fabulieren, Fantasieren, Träumen, die Leichtigkeit, das sich Treibenlassen, und ich hätte es gerne wieder. Aber ob ich das noch kann? Ich bin nämlich immer noch wütend. Sehr. Und würde ich hier womöglich nur wüten oder klagen oder heulen oder alles zusammen in der Annahme, im Blog ein Ventil gefunden zu haben? Ist es das wert?

Ich grüble weiter.