Nichts wie es scheint

Die Stunde, von der Zeit geschenkt, atmet die Sekunden im Licht des Herbstmorgens. Der Regen der letzten Tage hat die meisten Blätter von den Bäumen gefegt. Wie Goldmünzen sind sie vom Himmel gefallen und schmücken nun den Waldboden mit einem bunten Teppich. Ein nicht enden wollender Goldregen. Blätter, deren Farben der Zeit hinterher laufen. Von Stunde zu Stunde mehr hauchen sie ihr Lächeln aus. Braune Ränder des Vergänglichen lassen ihren Teppich alt, verschlissen erscheinen. Ein einst bunter Teppich der Vergänglichkeit.
Noch senden die Scheidenden ihre Düfte in das Land. Warme, weiche Düfte nach Honig, Karamell, Vanille, Steinpilzen, Waldmoos und Traubenmost. Sie locken, lassen das Sterben süß erscheinen. Süß, duftig, weich – alles in einem.
Ein Schnuppern. Es ist warm geworden. Auch sie lockt, diese Wärme.
Ich schließe die Augen, lasse mich von ihr tragen in den Sommer zurück. Es ist ein zartes, liebevolles Tragen. Ein verführerisches.
Es währt nur kurz. Wolken huschen über das schmeichelnden Strahlen der Sonne hinweg. Sie tauchen das Tal vor mir in einen herbstlichen Schatten. Ein trügerischer Tag. Nicht Sommer, nicht Herbst, nicht Winter.
„Halte dich warm!“, raunt mir eine Stimme zu. „Es ist nicht, wie es scheint.“
„Wahrlich!“, seufze ich. „Nichts ist mehr wie es scheint. Die Fassaden werden löchrig und nichts wird mehr sein, wie es einmal war. Gar nichts.“
Die Träne, die ich nicht zurückhalten kann, tropft zu Boden. Sie landet auf einem rostbraunen Buchenblatt und überzieht es mit einem unwirklichen Glanz, der dem Ende ein auftrumpfendes Leuchten schenkt.

Durch den Wind

Tage wie diese möchte man nicht häufig haben. Es ist ein dunkler Tag. Regenwetter. Wind. Kühle. Verzerrte Gesichter mit misslaunigen Mienen. Masken habe ich hier im Dorf noch nie gesehen und ich bin froh darum. Man hält Abstand, das genügt. Aber es ist ein unzufriedener Abstand, der die Leute unglücklich macht. Das Lächeln fällt schwer. Mir auch. Ich gebe mir Mühe. „Kopf hoch, und wenn der Hals auch schmutzig ist, und lächeln.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mal nicht gut drauf war. Ein typisches Kriegskindermotto. Bloß nicht zeigen, was man fühlt und wie es einem geht. Nein. Lächeln. Lächeln wir alles tot, bis wir uns selbst nicht mehr spüren.
Kriegskinder sind die Leute heute nicht mehr (ganz wenige ausgenommen), vielleicht lächeln sie deshalb nicht, sondern zeigen ihre unzufriedenen Muffelgesichter? Wer weiß? Doch was rede ich da überhaupt? Nein, ich lösche das nun nicht. Es käme einem aufgesetzten Lächeln mit Killergedanken gleich. Killergedanken gegen dieses unsichtbare Virus, das uns das Leben gerade gründlich versaut (auch das wird nicht zensiert, heute darf das sein) auf Jahre hinaus. Oder glaubt etwa jemand, in einem Monat ist das alles vorbei und wir feiern ein Weihnachtsfest, so wie wir es gewohnt sind? Sie werden wieder tagen so kurz vor Ende des Novembers und … Nein, ich sage es nicht. Nicht heute. Ich bin heute durch den Wind und damit ganz sicher nicht allein. Punkt. Ich habe fertig. Oder?

Rotkehlchen

Draußen singt ein Rotkehlchen. Es singt so laut und niedlich, dass ich es durch die geschlossenen Fenster hören kann. Morgengesang im Spätherbst zu so früher Stunde? Wie schön!
Ich öffne die Küchengartentür und gehe mit dem Kaffeebecher in der Hand hinaus, dem Gesang entgegen. Mein Herz schlägt schneller. Vor Freude, aus reiner Freude nur.
„Hallo!“, flüstere ich ins Dunkel. „Guten Morgen, kleiner Sänger. Ich freue mich, dass du da bist.“
„Ich freue mich auch!“, hallt es zu mir zurück. „Es wird ein guter Tag werden, hörst du? Nicht traurig sein!“
„Nein“, rufe ich. „Ich bin nicht traurig. Du bist ja nun da. Singe noch ein bisschen für mich, kleiner Vogel!“
Und das tut er. Ich schließe die Augen und träume … vom Frühling, von milder Luft und Blütenduft, wenn die Hausspatzen ringsum wieder den Gesang des Rotkehlchens mit wüstem Gestreite ummalen werden.
Es ist halb sieben und dunkel und arschkalt. Na und?

Herbst ist auch schön

Wetterwechsel. Die Oktobersonne hat sich verabschiedet und die milde Luft mitgenommen. Es ist kühl geworden.
Ich stehe oben am Berg und schnaufe. Irgendwie ist der Aufstieg heute schwer gefallen. Die Beine fühlen sich an wie Blei, ich ringe nach Luft und kämpfe gegen Tränen, die sich ganz ohne Grund in meiner Kehle festsetzen. Was ist los?
Ich lehne mich an den Stamm einer verkrüppelten Eiche, die hier über dem Steinbruch ein karges Dasein fristet, blicke in die oktoberbunte Blätterkrone und lausche dem Gesang der Blätter. Deren Stimmen klingen etwas hart, rau. Wenn sie in leichten Windbrisen einander berühren, klackert es leise. Klack, klack! Die Sonne hat sie ausgetrocknet. Sie flüstern nicht mehr im Wind, sie klackern. Klack, klack! Die Blättermelodie des Herbstes, denke ich, und irgendwie gefällt mir dieses ‚Klack, klack!“.
Ich fühle mich besser, ruhiger, und spüre, wie Freude die schlechte Laune vertreibt.
„Herbst ist auch schön“, klackklacken die Blätter und ich denke an Herbsteintöpfe und gebratene Pfifferlinge mit Petersilie, an Honigapfeltee und Apfelkuchen mit Zimt, an Vanillekerzen und Kuschelmusik, an raschelnde Blätterwege und … und fange an, mich zu freuen.
„Stimmt“, rufe ich zu den Blättern hinauf und die erröten und strahlen für einen kurzen Moment in einem gelb-rost-rot-braunen Gewand zu mir herab.
„Bunt!“, lachen sie mir zu. „Bu-hunt!“
„Ja, bunt“, sage ich und lache auch. „Und Dankeschön!“
Und mit einem wundervollen Gefühl der Dankbarkeit – und Freude – mache ich mich auf den Heimweg.