Durch den Wind

Tage wie diese möchte man nicht häufig haben. Es ist ein dunkler Tag. Regenwetter. Wind. Kühle. Verzerrte Gesichter mit misslaunigen Mienen. Masken habe ich hier im Dorf noch nie gesehen und ich bin froh darum. Man hält Abstand, das genügt. Aber es ist ein unzufriedener Abstand, der die Leute unglücklich macht. Das Lächeln fällt schwer. Mir auch. Ich gebe mir Mühe. „Kopf hoch, und wenn der Hals auch schmutzig ist, und lächeln.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mal nicht gut drauf war. Ein typisches Kriegskindermotto. Bloß nicht zeigen, was man fühlt und wie es einem geht. Nein. Lächeln. Lächeln wir alles tot, bis wir uns selbst nicht mehr spüren.
Kriegskinder sind die Leute heute nicht mehr (ganz wenige ausgenommen), vielleicht lächeln sie deshalb nicht, sondern zeigen ihre unzufriedenen Muffelgesichter? Wer weiß? Doch was rede ich da überhaupt? Nein, ich lösche das nun nicht. Es käme einem aufgesetzten Lächeln mit Killergedanken gleich. Killergedanken gegen dieses unsichtbare Virus, das uns das Leben gerade gründlich versaut (auch das wird nicht zensiert, heute darf das sein) auf Jahre hinaus. Oder glaubt etwa jemand, in einem Monat ist das alles vorbei und wir feiern ein Weihnachtsfest, so wie wir es gewohnt sind? Sie werden wieder tagen so kurz vor Ende des Novembers und … Nein, ich sage es nicht. Nicht heute. Ich bin heute durch den Wind und damit ganz sicher nicht allein. Punkt. Ich habe fertig. Oder?

7 Kommentare zu „Durch den Wind

    1. Unsere Eltern sind Kriegskinder oder Nachkriegskinder und irgendwie haben sie alle eine ähnliche Prägung, was sehr verständlich ist. Ja, und Sprüche dieser Art waren da sehr beliebt. Leider. Jeder Spruch ein kleines Trauma für den, der ihn hören muss.
      Da haben wir es besser gehabt und ich hoffe, Corona macht das nicht kaputt.
      Lieber Gruß, Ella

      Gefällt 1 Person

  1. Alles hat seine Zeit. Und in jeder Zeit wurden Sprüche gesagt, die die Leute prägten. Auch ich sage manchmal zu meinen Mädels: Alles geht immer weiter! Vielleicht müssen wir wieder mehr daran glauben, ja vielleicht… Doch den Kopf in den Sand werden wir nicht stecken, darauf bestehe ich.
    Die Menschen haben zeitlebens immer aus allem etwas gemacht, was ihnen zum Guten gereicht hat, trotz schwerer Tiefschläge oft.
    Meine Mutter musste aus dem Sudetenland mit einer Armbinde, auf der *Nemec* – Deutsche, stand, raus – nur mit fünf Kilo Gepäck! Und sie hat es geschafft!!! Wind allein bläst keine dicken Backen, das war ihr Motto…
    Aber nun genug abgeschweift. Da siehst du mal, wie gut dein Text war, wenn ich mich so darin verlieren kann….

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