Nicht in Stimmung

„Ich bin nicht in Stimmung. Nein, nein. Aber ich mach’s trotzdem. Weil man es halt so tut. Genau.“
Brummelnd und meckernd hantiert die Frau an einem Tapeziertisch herum, richtet hier, ordnet da, und jede ihrer Hantierungen kommentiert sie mit einem Grunzen. Es klingt unwillig. Und während sie so vor sich hin grunzt, entstehen die schönsten Arrangements auf ihrem alten Tisch. Tannenkränze, Honigkerzen in vielen Größen, Figuren aus Holz, Stroh, Ton und Steinen, Wichtel, Elfen, Bären, Engel, Krippentiere, Maria, Josef, das Jesuskind, Weihnachtsplätzchentüten und Marmeladegläser, und Bilder mit weihnachtlichen Motiven und Grußkarten, selbst bemalt von ihr und ihren Freundinnen. Alles haben sie selbst hergestellt. Ein weihnachtliches Märchenland zieht ein auf diesem schlichten Tisch, der nun gar nicht mehr schlicht aussieht. Ein Weihnachtsstand in einer Zeit, in der es dergleichen nicht geben darf. Weihnachtszeit mit Abstandsgeboten.
Ich trete näher, bestaune die kleinen Kunstwerken. Sie sind wunderschön. Gerade auch, weil ich nicht damit gerechnet habe. Nicht hier und jetzt.
„Das ist großartig!“, entfährt es mir. „Da kriegt man ja doch Freude auf die kommende Zeit.“
Und ich spüre, wie ein kleines warmes Gefühl in mir ganz unerwartet wach wird.
„Ich bin nicht in Stimmung“, sagt sie noch einmal und Wehmut hallt in ihrer Stimme. „Aber ich mach’s trotzdem.“
Und sie erklärt mir, dass der Tisch nun bis Weihnachten vor ihrem Haus verbleiben wird. Niemand wird hier stehen und beraten und Geld verlangen. Es passt nicht in die Zeit, meint sie. Jeder, der mag, darf sich bedienen und er kann selbst entscheiden, ob und was und wie viel er bezahlen und in das Geldkästchen legen möchte. Alles Spenden für einen guten Zweck.
Ich verstehe. Sie hat recht. Und es ist viel mehr. Es ist … ein echtes Stück Weihnachten in einer unechten Zeit.

Novemberlicht

Novemberlicht.
Dein Schein von scheidenden Blättern geschmückt,
als suchten sie bei dir Halt.
Längst weiter gewandert ist ihre Zeit,
das Jahr, das matte, ist alt.
Novemberlicht.
Du schickst dein Lächeln hinaus in die Nacht.
Ein leises Seufzen verhallt.
„Psst!“, flüsterst du und nimmst meine Hand.
Das Dunkel ist nicht mehr kalt.

Abschiede, viele kleine

Am Mittag endlich triumphiert die Sonne über das Nebelgrau, das seit Tagen schwer über dem Tal liegt, und lässt die Spätnovemberwelt in einem warmen Licht erstrahlen. Sie gibt noch einmal alles und ich winke ihr dankbar zu.
Sie sieht es nicht, sie hat Besseres zu tun, und ich auch. Es ist der perfekte Tag für die vielen kleinen Abschiede im Garten. Mit Besen, Schere, Hacke, Spaten und Abfallkorb. Und mit Wehmut im Herzen.
Nur ungern rupfe ich die Pflänzchen, die mir in den letzen Monaten ans Herz gewachsen sind, aus der Erde. Traurig sehen sie aus, verdorrt und ausgelaugt und nur noch wenig lebendig. Immer wieder schließe ich die Augen und sehe sie so vor mir, wie sie vor kurzem noch waren: Strahlend, bunt, lebensfroh. Sie haben mir gute Laune und manchmal auch Trost geschenkt und ich danke ihnen nun, während ich die letzten Samenkapseln sammle. Adieu, ihr Lieben! Es war schön mit euch.
Ich schalte Gedanken und Gefühle aus und tue, was getan werden muss. Und nun ruhen sie auf einem großen Resteberg in der hinteren Gartenecke. Ich bedecke sie mit ein paar Tannenzweigen und wünsche ihnen ein gutes Ruhen. Und da ist mir, als winkten sie mir zu und für einen Moment leuchten ihre lieben Gesichter nochmal fröhlich bunt und strahlend auf.
Ja, ich habe es genau gesehen. Du glaubst mir nicht?

Nebelgeister

Ganz alleine bin ich heute im  Nebel unterwegs. Sie gehört ganz mir, diese helle Nebelwelt, die eine freundliche, stille Welt ist.
Langsam, andächtig fast, schlendere ich durch die Wolken. Nebelgeister mit ausladend weiten grauen Armen, die an Nichtnebeltagen nichts weiter als Bäume sind, begleiten mich auf meinem Weg. Manche nicken mir zu und werfen mir ein paar letzte braune oder gelbe Blätter , die langsam durch die Nebelluft trudeln und mit einem sanften Knistern zu Boden fallen, zu.
Auf einem dieser Nebelgeister sitzen zwei Raben. Sie krächzen mir ihr Nebellied zu. Krah! Krah!
Ich winke ihnen und folge dem Weg weiter bergan in die Weite des Nebelwaldes. Noch lange begleitet mich das „Krah! Krah!“ der Raben. Dann ist es wieder still.
Eine Stille, die gut tut. Ich bleibe stehen, blicke mich um. Man kann sie sehen, die Stille. Wohl und geborgen unter dem Schleier der Stille.
Tief atme ich ein. Es duftet nach November, Blättern und feuchter Erde, nach Tannenzapfen, Harz und ein bisschen auch nach Zuckerwatte und Zimt.
Hmmm …
Ich genieße diese Stille und diesen Duft noch ein Weilchen.
Dann verabschiede ich mich von der stillen Welt des Nebelwaldes. Mehr Romantik trage ich für diesen Tag nicht in mir.

Zitronenträumerei

Ich zeichne heute eine Zitrone. Mit Tusche und Feder. Ganz, halb, als Viertel, innen, außen, ungeschält, geschält, ausgepresst, die Schale, das Fruchtfleisch. Alles. Und im Zimmer duftet es nach Sommer, Blüten, Thymian, frischer Erde und Meer. Und nach Zitronen. Und ich stehe am Rand eines schmalen Sträßleins, das sich in Kurven zwischen Zitronenhainen und Weinbergen, vorbei an Felssprüngen und Abgründen, steil bergaufwärts windet, blicke aufs Meer unter mir, verliere mich im Verlauf der sich kräuselnden Wellen und genieße. Die Weite. Die Wärme. Die Freude, die mich trunken macht. Und ich greife wieder zur Feder und zeichne weiter und es ist gut so.