Der kurze Tag und die blaue Stunde

„Du wirst nie erwachsen, kleiner Tag. So kann aus dir nie etwas werden“, sagte die blaue Stunde, die heute nicht zur Ruhe kam.
„Ich komme heute einfach nicht zur Ruhe“, klagte sie da auch schon. „Deinen ganzen seltsamen Tag lang sitze ich hier in Wartestellung und weiß nicht, was ich machen soll.“
„Du? Machen? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag rieb sich die Augen. Es fiel ihm schwer, sie richtig zu öffnen. Er war so müde. Und das an dem Tag, der sein Tag sein sollte. „Worauf wartest du denn?“
„Dass du mit deinem Tagwerk endlich beginnst. Sorge dafür, dass es hell wird da draußen in deinen Tageszeiten, damit ich gehen kann. Aber beeile dich. Die Zeit, zu der ich wie gewohnt zurückkehren werde, rückt schon wieder näher und da sollte ich pünktlich antreten.“
„Schon wieder? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag versuchte vorsichtig, ein paar Schritte zu gehen. Er stolperte. Ach, warum war er nur so müde? „Dieser Tag ist doch mein Tag. Warum willst du da schon wieder kommen? Du bist bis jetzt nicht einmal gegangen. Oh, ich verstehe gar nichts. Was ist das bloß für ein Tag wieder?“
„Dein Tag!“ Die blaue Stunde klang verzweifelt. „Aber er ist es nicht mehr lange. Du verbummelst ihn gerade und im Land will und will es nicht hell werden. Was für ein dunkler und trister Tag dein Tag doch ist!“
Der kleine Tag nickte. „Kurz und dunkel, wie mir scheint, und so fühle ich mich auch. Dabei lässt mir das Jahr doch nur wenig Zeit, mein Bestes zu geben und ein fröhliches Gesicht zu zeigen.“ Er seufzte. „Du kannst mir glauben, es ist nicht einfach, ein kurzer Tag zu sein. Der kürzeste, um es genau zu sagen. Ach! Was soll ich da tun?“
„Auch kurze und sehr kurze und kürzeste Tage können ihr Gesicht zeigen. Und Licht. Viel helles Licht.“ Die blaue Stunde klang ungehalten. „Am besten, du lüpfst den traurig dunklen Wolkenschleier, mit dem du dich bedeckst. So schenkst du der Sonne – und dem Tageslauf – noch ein oder zwei helle Stunden und…“
Die blaue Stunde kam nicht weiter. Rüde wurde sie von der Melancholie unterbrochen. „Diese Zeit ist meine Zeit und dieser kurze Tag, der nicht hell werden will, ist der meine, und so soll es bleiben.“
Und ehe die blaue Stunde dazu etwas erwidern konnte, hatte die Melancholie einen Tränenvorhang voller silbrig glänzender Nebelnieseltröpfchen über den Tag geworfen.
Der schwieg. Er war zu kurz, um sich zu wehren. Außerdem war er immer noch müde. Und die blaue Stunde, die beschloss, heute blau zu machen und sah zu, dass sie davon kam.

6 Kommentare zu „Der kurze Tag und die blaue Stunde

  1. Die Melancholie als Klärerin – das gefällt mir. Und mir gefällt dieses Für und Gegen.
    Der kurze Tag sitzt wie stets am kürzeren Hebel. Die blaue Stunde – sie wird uns
    ganz sicher noch andere Male erhalten bleiben.
    Mensch, Ella, ich liebe deine Geschichten!
    Dir mein ganzes Lächeln schenke!

    Gefällt 1 Person

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