Seelenmagersucht

„Wer nicht träumt, lebt nicht mehr“, sagt er und erklärt mir, wie wichtig Träume sind. Damit man überhaupt Freude empfinden könne. Vorfreude vor allem, die bekanntlich die schönste Freude sei und an die real erlebte Freude nicht heranzureichen vermöge. Und eben diese freudenmachende Vorfreude erlebe man nur in Träumen, besser gesagt in Tagträumereien. Das müsse ich doch wissen. Jedes Kind wisse das.
Nein, das weiß ich nicht und Tagträume, erkläre ich, verbäte ich mir schon seit vielen Jahren, denn sie führten zu nichts. Im Gegenteil. Sie brachten nur Enttäuschungen und trügen Albträume mit sich im Gepäck.
„Und deine Seele weint“, antwortet er darauf. Dann schweigt er.
Ich schweige auch und meine Seele weint auch wieder. Eigentlich weint sie immer, doch das sage ich nicht. Das muss keiner wissen.
„Ich habe es neulich im Mentaltraining gelernt“, sagt er nach einer langen Schweigepause. „Unsere Seele braucht Träume, um nicht zu verhungern. Sie braucht dieses Gefühl des Freuens, der Vorfreude.“
„Ich weiß“, flüstere ich. „Fast ist sie auch schon verhungert, meine Seele. Aber sie lässt einfach keine Nahrung mehr zu. Allein bei dem Gedanken daran wird ihr schon übel. Es ist wie bei einer Magersucht. Seelenmagersucht.“
„Und du weißt es?“
Ich nicke. „Seit eben, glaube ich.“
Dann schweigen wir wieder und ich träume von einer Zeit, in der das nicht so war … 

Feuer im Kopf

Achtsamkeit. Veränderung. Bewusstsein für das Leben. Vermeiden von Stress. Abschalten des stets fordernden Kopfkinos. Gesunde Nahrung. Gute Lektüre, die erhellt, ermutigt, freut, unterstützt. Zuwendung zurück zur Natur. Gesundheit. Seelenfreude. Angstfreiheit.
Viele Pläne, die sich wie hohe Berge vor einem aufbauen. Und schon wieder ist er da, der Stress.
Nein! Ich halte inne. Atme durch. Tief ein und aus. Ein Atmen im Bauch. Ein achtsames Atmen. Das beruhigt.
Dabei denke ich gelb! Gelb wie Sonne, Sand, Blüten. Dann grün wie eine Wiese, ein dichtes Blätterdach des Waldes, blau wie der Himmel und rot wie der Horizont hinter den Bergen zur blauen Stunde. Gelb macht heiter, Grün beruhigt, Blau inspiriert, Rot tröstet. Gelb. Grün. Blau. Rot. Die Farben des Lebens. Sauber. Klar. Freundlich. Friedlich auch.
Ja, das ist es. Und sauber, klar, freundlich, friedlich fühle auch ich mich nun ein bisschen mehr. Und freier. Das vor allem. Die Gedankenströme im Kopf werden langsamer, das Pochen im Ohr leiser, das Zittern lässt nach.
Ich weiß, dass der Trubel im Kopf gleich wieder einsetzen wird, um den Motor aufs Neue anzuheizen und am Laufen zu halten. Er soll nicht mehr so sehr hochfahren, der Motor. Große Strecken wollen/können/dürfen wir in nächster Zeit nicht fahren. Ein paar Gänge herunter schalten. Schritttempo. Gemächliches, zufrieden freundliches Voranschleichen mit vielen, sehr vielen Haltestopps auf der Strecke, die vor uns liegt. Wir haben Zeit. Viel Zeit. Ein Leben lang. 
Hörst du, Körper? Hörst du, Seele? Und hörst auch du meine Bitte, du kleines hyperaktives Kerlchen im Kopf!
Hört ihr alle es? Seid ihr bereit, zuzuhören, innezuhalten und eine neue Art der Fortbewegung anzunehmen?
Auf geht’s!

Und ich habe gerade Lust, einmal keine Lust zu haben. Die Lust auf Nichts.

Wir sind viele

Januarbilanz mit Koller! Ein Blick nach draußen: Es ist kalt und weiß und grau. Der Innenblick: Das gleiche Bild. Und still ist es und es wird immer stiller.
Man wagt fast nichts mehr zu sagen, weiß man doch nicht, wie der andere neuerdings tickt und denkt. Man ahnt es und hält lieber den Mund, um keinen Keil in die Beziehung zu treiben.
Aber worüber redet man dann? Über Dinge, die nicht stattfinden (dürfen)? Pläne, die nicht geschmiedet werden können – oder dürfen? Treffen, die nicht… du ahnst es? Genau, die auch nicht sein dürfen. Nur Gespräche, die dürfen sein. Im Idealfall aus fünf oder mehr Metern Entfernung oder noch besser: per Telefon oder Chat oder Stream oder sonst wo auch.
Und worüber spricht man da? Leider nicht über das, was einem am Herzen liegt, denn, siehe oben, weiß man doch nicht, wie der andere gerade tickt oder denkt. Oder man weiß es und erschrickt und stellt alles, was gewesen ist, auf einmal in Frage. Man stellt auch sich in Frage, weil man weiß, dass man eben anderer Meinung ist. Oder auch nur in manchen Dingen etwas abweichender Meinung, was auch schon fast einem Verbrechen zu gleichen scheint und für einen Bruch reicht. Einem Verbrechen an der langen Beziehung, die man zueinander pflegt. Neuerdings, wie gesagt, denn vor einem Jahr noch war alles anders. Normal halt.
Heute schweigt man, um nichts zu zerstören und um das, was man aneinander hat und hatte, in eine bessere Zukunft zu retten. Doch man grollt insgeheim und entfernt sich so doch immer weiter und weiter vom einst guten Freund, der besten Freundin aller Zeiten, der superguten Bekannten und wem auch immer.
Es wird still um einen und einsam. Still und einsam auch die Streifzüge durch die Natur, dem Freund, dem man noch alles erzählen kann, und lauscht den Antworten, die für den Moment trösten. Doch nur da. Vielleicht trifft man unterwegs die Nachbarin, die auch der Einsamkeit in der Einsamkeit zu entfliehen versucht, man freut sich, einander zu sehen, auf Abstand, und denkt fieberhaft über ein unverfängliches Thema nach und … Sie oben.
Es ist nicht nur ein Virus …
Ich mag das alles nicht mehr. Ich möchte wieder ehrlich sein und sagen, was ich denke, allen Bedenken zum Trotz. Was kann auch groß passieren? Alleine ist man so oder so und eigentlich doch nicht, denn wir sind viele und wir werden immer mehr.

Wintertraum

Du öffnest die Augen und siehst das weiße Weiß. Schnee! Ringsum nur Schnee und blauer Himmel. Die tief stehende Wintersonne lässt Schneeflockensternchen und Eiskristalle glitzern und funkeln. Sie verwandelt das Land in ein Zauberland.
Du staunst und spürst, wie die Freude dein Herz jenes Bisschen schneller schlagen lässt, das sich anfühlt wie das erste große Verliebtsein. Du genießt dieses Gefühl. Tief atmest du ein. Die frische, klare, frostige Schneeluft möchtest du einatmen. Das Prickeln der Kälte auf deinem Gesicht willst du spüren. Jenes eisig kalte Prickeln, das sich anfühlt, als pickten kleine Nadeln auf deinen Wangen. Und das Kribbeln an Füßen und Fingerspitzen. Du möchtest spüren, wie eine trockene Schneekälte langsam durch die dicke Wolle deiner Socken und Handschuhe kriecht und sich auf Zehen und Finger legt. Jenes ‚Winterkribbeln‘, bei dem du dich lebendig fühlst und das sich verstärkt, wenn du aus der Kälte ins warme Zimmer kommst.
Na, spürst du es?
Ich tue es gerade auch und ich kann dir sagen: Es ist saukalt und es sind „nur“ noch 48 Tage bis Frühlingsanfang.
Ich schließe die Augen und träume mich hinaus … auf eine Löwenzahnwiese. 💛🌼

Gerade im Wald

Lausig kalt war es heute Morgen und mehr als dreißig Minuten habe ich es beim täglichen Waldgang nicht ausgehalten. Ganz sacht schlichen sich ein paar wenige Schneeflocken vom Nebelwolkenhimmel und das sah sehr stimmungsvoll aus. Dennoch war  etwas ganz anders als es in den letzten Waldwintertagen gewesen ist. Vögel. Überall traf ich Vögel, und die waren im sonst so stillen Winterwald heute gar nicht still. Die Bussardfamilie, die seit Jahrzehnten schon ihren Horst oben im Berg hat, schwebte – erregt irgendwie – mit lauter Unterhaltung (es klingt wie Möwen am Meer) über die Bäume und übers Tal. Raben – oder Krähen? – krächzten und dazu, das war das Wundervolle, kleine Vögel tschilpten und zwitscherten und sangen so fröhlich, als hätte sich für heute noch der Frühling angekündigt. Leider kenne ich mich mit Vogelarten wenig aus. Meisen waren es auf jeden Fall, Finken und sogar der Regenpfeifer erzählte mir, dass es heute wohl Regen – naja, Schnee eher – geben würde. Bis nach Hause haben sie mich singend und tschilpend begleitet. Wäre es nicht so verdammt kalt gewesen, ich hätte geschworen, es sei März.
Wundervolle Momente waren es und wundersam zugleich – und nun überlege ich, was mir die Vögel wohl erzählen wollten? Hat die Kältezeit ein Ende? Für die Waldtiere sicher ein Segen. Doch insgeheim wünsche ich mir doch, dass diese schneefröhliche Winterphase noch ein Weilchen andauern möge. Und auch wieder nicht. Man weiß ja gerade nicht mehr, was man sich wünschen soll und was lieber nicht.