Lächeln, um die Zeiten schön zu malen

Nein, sie muss nicht immer scheinen, die Sonne. Sie will es auch nicht. Aber sie darf lachen und kitzeln und streicheln und kuscheln und kleine Seelenhüpfer zur Erde senden, und das tut sie auch von ihrem Versteck hinter den Wolken aus. Jeden Tag schickt sie klitzekleine Wintersonnengedanken. Die ’schluppern‘ heimlich, still, leise über unsere Nasen, liebkosen unsere Wangen, kribbeln über die Augenlider und schummeln sich in unsere Seelen. Zu jedem kommen sie, vielfach und jeden Tag aufs Neue, und manchmal, wenn der Mensch sie erkennt, schleicht sich ein leises Lächeln in seine Mundwinkel. Ein kleines, feines Wintersonnenlächeln.
Mich besuchten sie auch hin und wieder, jene kleinen ‚Wintersonnen‘, obwohl die letzte Zeit mit Wirrnissen, Ärgernissen, Ängsten und Arbeit vor allem oftmals so gar keine schöne war. Und jedes Mal habe ich gelächelt … und ich lächle auch jetzt.
Irgendwie, stelle ich fest, ’schluppern‘ sich in meine Blogbeiträge immer wieder jene kleinen Ablenkungsmanöver, die die Zeiten schön malen.
Will ich das? Wollte ich das, als ich mit dem Bloggen begann? Wollte ich nicht viel mehr von mir, vom Alltag, von Wichtigem und Nichtigem, aber auch vom nicht geschönten Realen hier erzählen. Das wollte ich und was nicht ist, kann noch werden.
Oder doch nicht? Fühlt es sich nicht besser an, Schönworte zu zeichnen, unernst, verklärt, ablenkend? Ja, es hat etwas. Hm?

Der kurze Tag und die blaue Stunde

„Du wirst nie erwachsen, kleiner Tag. So kann aus dir nie etwas werden“, sagte die blaue Stunde, die heute nicht zur Ruhe kam.
„Ich komme heute einfach nicht zur Ruhe“, klagte sie da auch schon. „Deinen ganzen seltsamen Tag lang sitze ich hier in Wartestellung und weiß nicht, was ich machen soll.“
„Du? Machen? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag rieb sich die Augen. Es fiel ihm schwer, sie richtig zu öffnen. Er war so müde. Und das an dem Tag, der sein Tag sein sollte. „Worauf wartest du denn?“
„Dass du mit deinem Tagwerk endlich beginnst. Sorge dafür, dass es hell wird da draußen in deinen Tageszeiten, damit ich gehen kann. Aber beeile dich. Die Zeit, zu der ich wie gewohnt zurückkehren werde, rückt schon wieder näher und da sollte ich pünktlich antreten.“
„Schon wieder? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag versuchte vorsichtig, ein paar Schritte zu gehen. Er stolperte. Ach, warum war er nur so müde? „Dieser Tag ist doch mein Tag. Warum willst du da schon wieder kommen? Du bist bis jetzt nicht einmal gegangen. Oh, ich verstehe gar nichts. Was ist das bloß für ein Tag wieder?“
„Dein Tag!“ Die blaue Stunde klang verzweifelt. „Aber er ist es nicht mehr lange. Du verbummelst ihn gerade und im Land will und will es nicht hell werden. Was für ein dunkler und trister Tag dein Tag doch ist!“
Der kleine Tag nickte. „Kurz und dunkel, wie mir scheint, und so fühle ich mich auch. Dabei lässt mir das Jahr doch nur wenig Zeit, mein Bestes zu geben und ein fröhliches Gesicht zu zeigen.“ Er seufzte. „Du kannst mir glauben, es ist nicht einfach, ein kurzer Tag zu sein. Der kürzeste, um es genau zu sagen. Ach! Was soll ich da tun?“
„Auch kurze und sehr kurze und kürzeste Tage können ihr Gesicht zeigen. Und Licht. Viel helles Licht.“ Die blaue Stunde klang ungehalten. „Am besten, du lüpfst den traurig dunklen Wolkenschleier, mit dem du dich bedeckst. So schenkst du der Sonne – und dem Tageslauf – noch ein oder zwei helle Stunden und…“
Die blaue Stunde kam nicht weiter. Rüde wurde sie von der Melancholie unterbrochen. „Diese Zeit ist meine Zeit und dieser kurze Tag, der nicht hell werden will, ist der meine, und so soll es bleiben.“
Und ehe die blaue Stunde dazu etwas erwidern konnte, hatte die Melancholie einen Tränenvorhang voller silbrig glänzender Nebelnieseltröpfchen über den Tag geworfen.
Der schwieg. Er war zu kurz, um sich zu wehren. Außerdem war er immer noch müde. Und die blaue Stunde, die beschloss, heute blau zu machen und sah zu, dass sie davon kam.

Wer ist schon verrückt?

Als ich vorhin aus dem Fenster blickte, sah ich den Elf. Er stand auf der Straße und winkte zu mir herauf.
Das konnte doch nicht sein? Wer war er? Ein Spinner, ein Verrückter, ein Weihnachtszwerg. Ja, genau so sah er aus. Ich rieb mir die Augen. Träumte ich das nur? Spielte mir die Fantasie einen Streich? Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, starrte.
In der Tat. Es war ein Elf und der zwinkerte mir zu. Ich sah es genau.
„Meinst du mich, Herr Elf?“, fragte ich vorsichtig.
Der Elf nickte.
„Ich bin schon lange kein Kind mehr“, wehrte ich ab. „Die Kinder solltest du besuchen, gerade in dieser Zeit vor dem Fest. Ich habe mein Leben gelebt. Abenteuer und Märchen finden nur noch in meinem Kopf statt.“
Der Elf nickte wieder. Er lächelte, holte eine silberne Flöte aus seiner Tasche und spielte. Bridge over troubled water. Schön klang das. Schön schräg.
Ich musste lachen. „Du bist genau so verrückt wie ich, du Elf!“
Er stimmte in mein Lachen mit ein. „Ja. Ja. Verrückt! Das ist eines der Worte, die nur ihr Menschen kennt. Das nenne ich verrückt. Hoho! Aber nun muss ich weiter. Ich wünsche dir eine gute Zeit und ein frohes Fest.“
Der Elf verneigte sich und im nächsten Moment war er verschwunden.
Ich blinzelte.  Hatte ich mir diese Begegnung nur eingebildet? Nein, den freundlichen Weihnachtself hatte ich genau so wirklich gesehen wie im letzten Jahr das Einhorn mit den Silberglöckchen und im Jahr davor den Mitternachtstanz der Rentiere. In der Weihnachtszeit war schließlich alles möglich.

Das wäre ja noch schöner!

Irgendwie waren die letzten Wochen etwas heftig, stressig. Ich spüre es in den Knochen, in Geist und Seele und ich lese es zwischen den Zeilen meiner Texte. Es wäre Zeit für eine Aus-Zeit.
„Ha!“, ruft der kleine Zeitgeist. „Das wäre ja noch schöner! Ausruhen? Wo kämen wir denn da hin?“
Ich sehe ihn vor mir. Ein kleiner, zorniger, sehr temperamentvoller Kerl mit einem Vollmondgesicht, das zur Zornesröte neigt.
„Ha!“ Er brüllt es fast, dieses „HA!“
Und ich? Ich muss trotz aller Müdigkeit grinsen.
Ich bücke mich zu ihm hinunter, fasse ihn bei den Ohren, die knallrot werden vor Zorn ob dieser Behandlung, hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schulter. Hier kann er weiter toben und von hier aus hat er auch den besseren Überblick.
Gemeinsam sehen wir – fast wie durch eine Wahrsagerkugel – in die nächste, nicht so ferne Ferne. Und nein, ich zähle nun nicht auf, was wir alles sehen. Es niederzuschreiben würde schon zu sehr anstrengen und für heute habe ich mir eine klitzekleine Stressfreiheit verordnet.
„Ha! Ja! Ha! Aber …“, brüllt er mir da schon wieder ins Ohr, der kleine Zeitgeist. Und er treibt mich weiter und weiter durch dieses aufregend traurige Jahr. Er ist neugierig, begierig, rastlos, ungeduldig … und die Seele, sie taumelt hinterher.

Das stumme Wort

Auf einer Wolke
schwebt leise das Wort,
das niemals gesagte,
für immer nun fort.

Und dieses Wort, es
zieht weit übers Land,
von allen gesehen
und doch nicht erkannt.

Wohin mag es treiben
im Tanz mit dem Wind?
„Halt! Ich will dich schreiben!“,
ruft leise ein Kind.

Es hat es gesehen
im Traume so nah.
Da war das vermisste
Wort ganz plötzlich da.

Es wollt nach ihm greifen.
Das Wort blieb ihm fern.
Doch hielt in den Händen
das Kind einen Stern.

Das Wort, es raunt leise:
„Ich kehre zurück
zu anderen Zeiten,
den Zeiten von Glück.“

Ich bin leider derzeit auch etwas stumm. Es liegt zu viel Arbeit auf meinem Schreibtisch wie immer in dieser Zeit. Auf bald wieder! Habt eine schöne Zeit! 💛