Kleiner Flow

Dieses Aufwachen aus einer Geschichte. Aus dem Schreiben. Nein, nein, flehst du. Noch nicht! Es ist zu früh! Du hebst den Kopf, reißt die Augen auf und drehst schnell, ganz schnell, den Lautstärkeregler auf ganz laut, um mit der Musik, die du gerade hörst, zurückzutanzen in die Welt, die du gerade mit klappernden Fingerspitzen auf Tasten erschaffen hast und die du noch nicht so schnell verlassen willst. Und die eGitarre treibt die Melodie, die in dir singt, in weite, nie geahnte Höhen. Und dann, wenn der Flow noch ein wenig mit dir spielen mag, blühen die Worte weiter in deiner neuen, wunderbaren Welt. Manchmal. Des vies!

Werde golden

Märchenzeit

„Ich friere“, begehrte der November eines Herbsttages auf. „Du raubst mir meine Tage!“
„Ich? Beraube dich?“ Der Oktober schüttelte sich. „Das verstehe ich nicht.“
Ärger ergriff den November. „Du nimmst mir mein Wetter, meine Stimmungen und Launen und schickst dem Land meinen kalten Novemberregen, meinen Nebel, meine kühlen Zeiten. Womit, sag, kann ich die Menschen noch überraschen? Auf Oktoberstürme warten sie nun und milde Tage, an denen die Sonne das Laub der Blätter golden färbt und das Herbstland in ein Märchenland verwandelt. Sie brauchen das, um ihre Seelen zu stärken, bevor ich, der traurige Nebelmonat komme. Und nun? Sieh sie dir an, die Menschen! Es geht ihnen nicht gut in deiner tristen, kalten, nassen Oktoberwelt! Mach die Augen auf, spitze die Ohren, öffne dein Herz! Und …“
Der November redete und redete und der Oktober hörte betroffen zu,
„Es … es tut mir leid“, murmelte er schließlich. „Ich habe nicht nachgedacht. Was kann ich tun?“
„Werde freundlich und hell und golden!“, bat der November.
„Das kann ich nicht.“ Der Oktober schüttelte sein Haupt. „Ich kann die Wolken nicht zurückziehen, die Winde nicht mehr festhalten und die kalte Luft nicht vertreiben. Dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber … aber … ich schenke dir meine Farben. Nimm sie mit in deine Zeit und werde du golden.“
„Ich?“ Erschrocken blickte der November auf. „Ich … kann das nicht. Ich …“
Noch während er sprach, fingen seine Augen an zu strahlen und über seine Wangen breitete sich ein warmes Lächeln aus. „Goldener November! Wie schön das klingt! Meinst du, es wird den Menschen gefallen?“
„Und wie!“, brummte der Oktober, der nur schwer seine Rührung verbergen konnte. „Mach das Beste daraus und lasse unseren Herbst in diesem Jahr fröhlich ausklingen, so bunt und golden, dass ihn keiner je vergessen möge.“
Und so geschah es auch und von diesem November sprachen die Menschen noch lange, besonders, wenn sie sich an trüben Herbsttagen müde und traurig fühlten.

Danke auch …

„Ich weiß, dass wir längst zu den welken Blättern gehören,“ sagt die Frau in der Bäckerei und blickt mich vielsagend an. Ich nicke und überlege, wie es sich anfühlt, vom Baum zu fallen und in einer Pfütze zu landen.
Viel mehr ist über diesen Vormittag, glaube ich, nicht zu sagen.
Doch, gerade habe ich alle Verabredungen und Termine in diesem Jahr abgesagt und möchte einfach mal weinen. Danke auch, Corona!

Hast du schon mal eine Blume gestreichelt? 

Hast du schon mal eine Blume gestreichelt?
Jetzt in dieser Jahreszeit möchtest du jede liebkosen und ihr ein „Bleib noch ein bisschen!“ und ein „Lass dich nicht unterkriegen“ zuflüstern. Festhalten möchtest du sie mit allen Fasern deines Seins, mit deinen Händen, deiner Nase, deiner Seele, die immer hungrig ist auf Blütenfarben und Blütendüfte. Im Frühling ganz besonders, wenn die Sehnsucht ins Unermessliche gestiegen ist und wieder im Herbst, wenn Abschiedsschmerz und Wehmut dein Gemüt mit nostalgischen Gedanken und Gefühlen besetzt, während du im Sommer sie, die Blumen, gerne achtlos zu übersehen neigst. Es gibt ja so viele von ihnen. Der Fluch der Fülle. Und der der reuigen Gedanken, die dich im Herbst jeden Tag mehr beschleichen, bedeutet doch jeder Tag mehr ein leises Abschiedsnehmen.
Du beschwörst nun die Sonne, sich nicht von Wolken und Nebelschleiern vertreiben zu lassen und den wenigen verbliebenen Oktoberblümchen im Garten und auf den Wiesen ringsum mit ihren Strahlen noch viel Kraft zu schenken, auf dass diese noch lange, lange, lange am Leben bleiben mögen.
Wie wertvolle Schätze behandelst du sie nun, deine Blümchen, und du verfluchst die Nebelschwaden, die sich in den Morgenstunden über sie legen und ihnen die Kräfte – und ein bisschen auch den Mut zum Weiterleben – rauben.
Doch dann, wenn die Sonnenstrahlen die depressive Nebelsuppe für diesen Tag doch wieder überwinden konnten, gehst du hinaus, begrüßt die überlebenden Blümchen, die gelb, rosa, rostfarbenen Zinien, die bunten Dahlien, die Astern, Cosmeen, Nelken, Rosen und Malvenblüten, und bedenkst sie mit zärtlichen Koseworten. Worten, die du sonst nur für liebe Menschen, Katzenbabys und Hundewelpen findest. Deine Hand streicht zärtlich über Blütenköpfe und du staunst. Samtweich fühlen sie sich an, wie das Fell junger Hunde. Und dann weinst du ein bisschen und das ist gut so.
Sie ist eine sensible Zeit, die Zeit des Oktobers, der windschnell durch die Tage rast und dir die letzten Sommerreste raubt. Du darfst sie zeigen, die Gefühle, die dir diese Momente des Abschiednehmens bescheren. Ja, das darfst du. Mit Tränen.

Sehnsucht – Dienstagspoesie

Sehnsucht

Ich saß oft unterm Feigenbaum
und träumte einen Sommertraum
von Sonne, Wärme, Blütenduft
und würzig frischer Abendluft.

Mein Traum dort unterm Feigenbaum,
ich träumt‘ ihn oft und lebt‘ ihn kaum.
Des Lebens Fülle lockte breit,
nur eines fehlte, das war Zeit.

So lief ich unterm Feigenbaum
ihm hinterher, dem Zaubertraum.
Er lag in Fesseln gut verschnürt,
von Freiheit hab ich nichts gespürt.

Ein Traum gegen die Herbstkälte – innen und außen und nicht nur dem Wetter und der Jahreszeit geschuldet.