Heute der rote Schal

Dieser Morgen hat sich ein graues Gewand angezogen. Ein feuchtes, trauriges Nebelgrau, in dem selbst die letzten gelben Blätter der Birken und Eichen und das rostbraune Buchenlaub fahl und von resignierter Abschiedsstimmung geprägt erscheinen. Nur die Weinstöcke wehren sich hier und da noch gegen diese Einheitstristesse und trotzen dieser Oktobermelancholie mit kräftigen roten, braunen und grünblauvioletten Tupfern.
Ich trotze auch, binde mir den knallroten Schal, der mir sonst ein bisschen zu rot ist, um und spaziere in das Grau hinaus, das nach nassem Holz, Nüssen, Steinpilzen, Pfefferminztee und Apfelkuchen duftet und sich tröstlich weich anfühlt.

Egoistisch?

„Wenn du jemanden ohne Lächeln siehst, gib ihm deines.“
(Teebeutelweisheit von heute)

Ich habe mein Lächeln jener Frau geschenkt, die mir vorhin aus dem Spiegel entgegen geblickt hat. Sie konnte es brauchen und trägt es nun mit sich durch diesen Tag …

Die kürzeste Nacht

Einen angemessenen, würdigen Text zur Sonnwendnacht will ich schreiben, doch leider schaffe ich es wieder einmal nicht, meine Fantasie zu zügeln. Während ich beim Schreiben noch über astronomische Jahreszeiten, Äquator, Sonnenhöchststand, Solstitiallinie, Sonnenverehrung, Mittsommerfeste und -gebräuche u.a. nachdenke, sind die tippenden Finger längst ins Märchenland abgedriftet und dort toben sie sich nun weidlich aus. Lassen wir sie austoben. Sie werden halt nie erwachsen.
Tiefer Seufzer.
Nein, ich werde halt nie erwachsen.
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Die kürzeste Nacht
Sie ist da, die kürzeste Nacht im Jahr.
Psst!
Viel ist los in dieser Nacht. Alle feiern ihre Sommerfeste. Nicht nur die Menschen. Auch die Tiere und Pflanzen und – heimlich, verborgen und sehr sehr leise – die Naturgeister.
Das Mittsommerfest zu Sommerbeginn ist ihr wichtigstes Fest im Jahr. Gilt es doch, den Abschluss der ersten Jahreshälfte und das erfolgreiche Naturgeistertreiben in den Winter- und Frühlingsmonaten gebührend zu würdigen. Arbeitsreich sind die vergangenen Monate gewesen. Die Naturgeister, die Elfen, Feen, Zwerge, Kobolde, Wichtel, Sonnenstrählchen, Frostbeulchen, Windbläschen, Schneesternchen, Regenperlchen, Glühwürmchen, Blitzeulchen, Donnermännleins und viele Geisterkollegen mehr (es gibt sehr sehr viele) haben sich dieses Fest redlich verdient. Überall, in Wäldern, Wiesen, Feldern, Parks, Gärten, Flussauen, an Ufern und Stränden, wirklich überall, wird gefeiert. Es ist wie immer ein sehr fröhliches Fest: stimmungsvoll, freundlich, liebevoll, romantisch, fröhlich, ausgelassen, ein bisschen albern auch und wirklich … psst! … sehr sehr leise. So leise, dass kaum ein Mensch es wahrzunehmen vermag.
Eine magische Nacht ist diese Nacht in der Sommermitte.
Lausche! Wie von weit weg hörst du hier und da die Musik der Sommerelfen. Es sind heitere, lebensfrohe Weisen, die sie singen. Lieder, die weit durch die Nacht, die nicht dunkel werden will, klingen.
 Psst!
Allüberall in der Natur herrscht jenes geheimnisvolles festliche Treiben, das nur einmal im Jahr zu erahnen ist. Eben in der Nacht des erwachenden Sommers.
Du meinst, ich hätte das nur erfunden?
 Ha! Schau Dich einmal um! Manchmal kannst du am nächsten Morgen Überreste der Naturgeisterfeste und -parties entdecken. Wie zum Beispiel die schimmernden Funkelperlen oder die Glühwürmchengoldglitzerpunkte, die der Sommer wie Konfetti über die Feiernden und über die Waldwiese gestreut hat und die die Menschen Morgentau nennen, weil sie es nicht anders wissen. Schau mal!

Dorfkerwenacht

Die Nacht ist anders. Das sonst so stille Dorf ist weniger still, es parken ein paar Autos bei der Kneipe und es rauschen auch ein paar mehr von ihnen durch die Dorfstraße. Die Stille ist weniger still und von gelegentlichem Kreischjuchzern der Frauen, angesoffenen Brüllern der Männer und schrill sägenden Gitarrenriffs durchbrochen.
Es hat sich nichts geändert seit damals. Die jungen – und alten – Frauen umwerben noch immer in einer Weise, die Feministinnen die Schamesröte ins Gesicht treibt, die Männer, ob angebetet oder nicht, und biedern sich ihnen an. Die Schminke ist vielleicht ein bisschen anders, die Klamotten auch, obwohl, nein, Haut hatten wir damals auch gezeigt. Oder es zumindest versucht.
Die Männer kehren noch immer die Machos heraus. Die sehr besoffenen Machos. Sie reißen dämliche Witze, über die die Frauen in gekünstelter Zurschaustellung dümmlich lachen, obwohl sie diese Zoten gar nicht witzig finden. Es ist wie vor dreißig Jahren und keinen Deut anders. Selbst die Band spielt die gleichen alten, sinnfreien Schlager, nur dass die nun wirklich alt sind und nicht aktuell wie damals. Als ob es keine neue, bessere Musik gäbe.
Das sonst so stille Dorf windet sich und es scheint, als halle ein Raunen zwischen den Häusern, das trösten sollte, in klagendem Ton hin und her: „Einmal im Jahr, beruhigt euch, es ist nur einmal im Jahr und übermorgen wieder vorbei.“
Doch die Grillen zirpen heute nicht, die Rehe oben im Wald sind still, der Waldkauz auch und da ist auch keine Kuh, die in dieser Nacht ihr Kälbchen, das sie nie würde sehen dürfen, bekommt. Selbst die verliebten Frühlingskater singen heute nicht ihre Liebeslieder. Man hört und sieht sie nicht, die Tiere  von Dorf, Feld, Wiese, Wald. Sie warten und harren auf bessere Zeiten. Ab und zu bellt ein Hund ein paar gequälte Beller, die rasch in einer jähen Stille enden. Nur die Fledermäuse umkreisen auch heute mit eleganten, weiten Schwingen stumm die Laterne vorm Nachbarhaus, so wie sie es immer tun in Frühlings- und Sommernächten.
Es ist wie alle Jahre in Dorfnächten, in denen die Kerwe „tobt“.



Dorfnacht © Stocksnap/pixabay