Fantasie

Du siehst Vögel nicht, die am Himmel stehn,
die träumend in die Wolken sehn?
Und Schmetterlingsküsse auf Apfelbäckchen
in quietschsommerbunten Spätwintereckchen
kann es nicht geben
im realklaren Leben … ?
Die Fantasie trägt eine Maske,
sie hält sich versteckt,
doch an so manch einem Tage,
hab ich sie entdeckt.
Und du?

Tuch übern Kopf

Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben? Das lassen die ungeduldigen Finger, auf denen die Worte gelangweilt lümmeln und warten, nicht zu. Sie wollen endlich auf Reisen geschickt werden und es ist, als riefen sie „Mach! Mach! Mach endlich los! Genug gefaulenzt!“
Hach ja! Ich seufze. Sie haben ja recht, aber wir stecken zwischen den Jahren und das ist gleichbedeutend mit ‚zwischen den Zeiten‘. Aber lümmeln wir, ähnlich den ungeschriebenen Worten, nicht dieses ganze verdammte Jahr schon irgendwie zwischen den Zeiten herum? Was ist nicht alles geschehen – im Großen wie im Kleinen? Und was ist alles nicht geschehen?
Ich neige dazu, Letzteres höher zu bewerten. Vieles, so vieles ist dieses Jahr nicht passiert und geschieht auch noch immer nicht. Auch meinen Roman habe ich wieder nicht fertig geschrieben, doch das ist noch eines der kleinsten unerfüllten Dinge zum Finale, das, wie mir scheint, nahtloser als sonst das nächste elende Jahr einzuläuten scheint selbst für jene, die sich bemühen, an den Wunderimpfstoff, der alles wieder ins Lot bringen wird (!?), zu glauben.
Oh, ich schwafle, aber besser schlecht geschwafelt als gar nichts gesagt. Es ist aber derzeit auch schwer, überhaupt noch etwas zu sagen, denn wenn uns dieses Jahr eines beschert hat, so sind es die Gräben, die uns und unsere Gedanken, Meinungen, Sorgen, Ängste, Wünsche mehr und mehr voneinander trennen. Was darf ich wo und zu wem und wie noch sagen und was besser nicht?
Ja, ich bleibe dabei: Dieses Jahr bietet zu seinem Ende für einen friedlichen Abschied nur eine Möglichkeit: Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben, zumindest nicht dann, wenn eine gute Portion Selbstmitleid mit von der Partie ist.

Heute der rote Schal

Dieser Morgen hat sich ein graues Gewand angezogen. Ein feuchtes, trauriges Nebelgrau, in dem selbst die letzten gelben Blätter der Birken und Eichen und das rostbraune Buchenlaub fahl und von resignierter Abschiedsstimmung geprägt erscheinen. Nur die Weinstöcke wehren sich hier und da noch gegen diese Einheitstristesse und trotzen dieser Oktobermelancholie mit kräftigen roten, braunen und grünblauvioletten Tupfern.
Ich trotze auch, binde mir den knallroten Schal, der mir sonst ein bisschen zu rot ist, um und spaziere in das Grau hinaus, das nach nassem Holz, Nüssen, Steinpilzen, Pfefferminztee und Apfelkuchen duftet und sich tröstlich weich anfühlt.

Egoistisch?

„Wenn du jemanden ohne Lächeln siehst, gib ihm deines.“
(Teebeutelweisheit von heute)

Ich habe mein Lächeln jener Frau geschenkt, die mir vorhin aus dem Spiegel entgegen geblickt hat. Sie konnte es brauchen und trägt es nun mit sich durch diesen Tag …

Die kürzeste Nacht

Einen angemessenen, würdigen Text zur Sonnwendnacht will ich schreiben, doch leider schaffe ich es wieder einmal nicht, meine Fantasie zu zügeln. Während ich beim Schreiben noch über astronomische Jahreszeiten, Äquator, Sonnenhöchststand, Solstitiallinie, Sonnenverehrung, Mittsommerfeste und -gebräuche u.a. nachdenke, sind die tippenden Finger längst ins Märchenland abgedriftet und dort toben sie sich nun weidlich aus. Lassen wir sie austoben. Sie werden halt nie erwachsen.
Tiefer Seufzer.
Nein, ich werde halt nie erwachsen.
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Die kürzeste Nacht
Sie ist da, die kürzeste Nacht im Jahr.
Psst!
Viel ist los in dieser Nacht. Alle feiern ihre Sommerfeste. Nicht nur die Menschen. Auch die Tiere und Pflanzen und – heimlich, verborgen und sehr sehr leise – die Naturgeister.
Das Mittsommerfest zu Sommerbeginn ist ihr wichtigstes Fest im Jahr. Gilt es doch, den Abschluss der ersten Jahreshälfte und das erfolgreiche Naturgeistertreiben in den Winter- und Frühlingsmonaten gebührend zu würdigen. Arbeitsreich sind die vergangenen Monate gewesen. Die Naturgeister, die Elfen, Feen, Zwerge, Kobolde, Wichtel, Sonnenstrählchen, Frostbeulchen, Windbläschen, Schneesternchen, Regenperlchen, Glühwürmchen, Blitzeulchen, Donnermännleins und viele Geisterkollegen mehr (es gibt sehr sehr viele) haben sich dieses Fest redlich verdient. Überall, in Wäldern, Wiesen, Feldern, Parks, Gärten, Flussauen, an Ufern und Stränden, wirklich überall, wird gefeiert. Es ist wie immer ein sehr fröhliches Fest: stimmungsvoll, freundlich, liebevoll, romantisch, fröhlich, ausgelassen, ein bisschen albern auch und wirklich … psst! … sehr sehr leise. So leise, dass kaum ein Mensch es wahrzunehmen vermag.
Eine magische Nacht ist diese Nacht in der Sommermitte.
Lausche! Wie von weit weg hörst du hier und da die Musik der Sommerelfen. Es sind heitere, lebensfrohe Weisen, die sie singen. Lieder, die weit durch die Nacht, die nicht dunkel werden will, klingen.
 Psst!
Allüberall in der Natur herrscht jenes geheimnisvolles festliche Treiben, das nur einmal im Jahr zu erahnen ist. Eben in der Nacht des erwachenden Sommers.
Du meinst, ich hätte das nur erfunden?
 Ha! Schau Dich einmal um! Manchmal kannst du am nächsten Morgen Überreste der Naturgeisterfeste und -parties entdecken. Wie zum Beispiel die schimmernden Funkelperlen oder die Glühwürmchengoldglitzerpunkte, die der Sommer wie Konfetti über die Feiernden und über die Waldwiese gestreut hat und die die Menschen Morgentau nennen, weil sie es nicht anders wissen. Schau mal!