Gewettet

„Ich wette“, sagt er, „dass du keine Geschichte über das XXX schreiben wirst.“
„Wie kannst du so etwas wetten?“, frage ich.
„Weil ich gerne wette“, sagt er. „Und weil ich diese Wette ganz leicht gewinnen werde.“
„Eine Sache, die man leicht gewinnen kann, ist es nicht wert, dass man um sie wettet“, antworte ich. „Es fehlt das Prickeln, das Herzwummern, das Mitfiebern. Der Gewinn aus dieser Wette freut nur mäßig. Wetten?“
Ich bin mir da ganz sicher. „Alles, was man ohne Anstrengung erlangen kann, hinterlässt ein Gefühl der Langeweile. So ein Einerleigefühl, weißt du? Ein ‚Ich-hab’s-ja-gleich-gewusst-Gefühl’.“
Er grinst. „Ich wusste, dass dir dieser Gedanken nicht schmecken wird.“
„Mir?“ Ich sehe ihn an, grinse auch. „Dir muss es schmecken. Schließlich bist du es, der wetten möchte. Der ganz leicht und flixflux eben mal eine ungleiche Wette gewinnen möchte.“
„Ungleich?“, fragt er zurück. „Wer sagt, dass es sich um eine ungleiche Wette handelt? Wo liegt das Problem. Du sammelst die Buchstaben ein, die du wie Puderzucker seit Wochen um dich herum verteilt hast wie lästigen Staub, sortierst sie und ordnest sie zu Worten. Aus Worte werden Sätze, aus Sätzen …“
„Ja doch! Netter Versuch“, unterbreche ich ihn und streiche mit dem Finger durch den Buchstabenstaub, der die Tischplatte ziert.
Ich male einen Fußball, einen Smiley, eine Blume, ein Herz. Die Herzlinie macht einen Schlenker und noch einen und noch einen und ein Wort wächst aus dem Staub. Ihm folgt ein zweites und noch eines und noch eines und noch eines, bis die Tischplatte mit Staubworten bekritzelt ist. Die Worte formen sich zu Sätzen und die bilden eine Kette. Ein Luftzug streicht über den Tisch und lässt all die Buchstaben und Worte und Sätze im staubigen Schein eines vorwitzigen Sonnenstrahls über dem Tisch tanzen. Erst sacht und vorsichtig, dann werden sie übermütiger, jene neu geborenen Worte. Federleicht schwirren sie durchs Zimmer. Sie tanzen einen Walzer, wie mir scheint. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei. Und eins, zwei, drei umkreisen sie mich in ihrem Tanze, drehen Pirouetten über meinem Haupt. Ich kann sie nicht mehr sehen. Ich fühle sie. Und ich spüre, wie sie von mir und meinen Gedanken Besitz ergreifen. Ein zärtlicher Überfall, der mich wehrlos macht.
Ich setze mich und beginne, die Worte, die nun in meinem Kopf tanzen, in die Tastatur meines Laptops zu tippen.
‚“Ich wette“, sagt er „dass du …“’schreibe ich.
Sein Grinsen, das sehe ich nicht mehr. Ich höre auch nicht, wie er leise „Gewonnen!“ sagt. Nichts mehr nehme ich wahr. Ich schreibe nämlich. Es wird auch Zeit.


Vom Licht am Ende des … Ihr wisst Bescheid?

(Warum sich die Fotos hier in der Blogsoftware am iPad nicht vergrößern lassen, ist mir noch ein Rätsel, das auch noch geknackt werden wird. Wetten? 😉)

Das Drängeln im Kopf

Diese unstillbare Sehnsucht, etwas (für mich) Großartiges zu erschaffen/schreiben. Immer und immer wieder nagt sie an mir und ich weiß genau: Ich müsste mich nur vor eine leere Datei setzen, die Finger auf die Tasten legen und schreiben. Ich weiß, es würde dann aus mir schreiben. Wort für Wort für Wort zu Geschichten, Texten, Naturbeschreibungen und, ja, vielleicht auch zu etwas Großartigem. Wort für Wort für Wort.
Doch warum fühlen sich meine Finger so wortlos? Warum locken sie nicht, warum schreien sie nicht danach, auf eine Tastatur gelegt zu werden, um all die ungesagten, die geträumten, erhofften, gewünschten, ersehnten Worte niederzuschreiben? Warum schreien sie nicht nach einer Tastatur und nach einem leeren Blatt?
Ist es, weil der Kopf es nicht zulassen will? Dieser sture, störrische Kopf, der wie bei einer Müllhalde die Worte auf vielen unaufgeräumten Wortmüllhalden stapelt und nicht bereit ist zum Entrümpeln und Aufräumen und … Freigeben?
Ist es das?
Wird wohl so sein.
Und was tue ich nun?
Vor Sehnsucht ersticken mit all dem ungefilterten Wortmüll im Kopf?

Etwas Neues möchte ich schaffen. Etwas … Neues …
Und bitte, nicht vergessen, lieber Kopf, der du so sehr grübelst und mit allen inneren Schweinehunden zusammen klüngelst: Wir könnten es uns leisten, etwas Neues zu schaffen. Denn das Alte ist nicht mehr neu genug.
Was zögerst du noch, du Zweifelbirne?

Zwischenzeit(en)

Sitze sinnend,
Fäden spinnend,
die sich binden,
die sich trennen,
sich verknoten,
sich erkennen.
Trödle lustvoll
vor mich hin.
Sommerzeit.
Im Licht. Ich bin
umgarnt, betört
von der Natur.
Verzauberung.
Die andre Welt.
Lust am Leben pur.


Matschbirnenhirne

Wie der Tag heute ist?
Schwül, nachvollmondig, nervig allen Ortes, unkonzentriert.
Es kommt der Augenblick, an dem eine Handvoll Schreiberlinge, die allesamt mit dösigen oder kopfschmerzigen Nasen vor den Bildschirmen sitzen und sich außerstande sehen, vernünftig und kreativ zu arbeiten, den ungeschriebenen Worten entflieht und sich auf die Suche nach Leidensgenossen macht.
Früher kam man an solchen Matschbirnehirntagen in Kaffeehäusern oder Bistros zusammen und tauschte sich bei einem Glas Rotwein – oder zwei oder drei -aus.
Heute trifft man sich in Blogs, Chats, bei Twitter, Facebook oder sonstwo auch, ohne tröstenden Roten, und obwohl ich persönlich liebend gerne die Kaffeehausvariante vorgezogen hätte, genieße ich doch sehr das Autorenkaffeehaus 2.0 bei einem kleinen Gespräch und Leidensgenossensplausch. Matschbirnenhirnig.
An einem unkreativen Tag wie diesem tut das richtig gut.
Man nennt es heutzutage auch Prokrastination.
Autorenleben 2.0.

 

 

Ein Sonntagmorgen auf dem Lande

Ein Sonntagmorgen auf dem Lande. Ein Sommermorgen.
Diese Stille! Ich lausche, barfuß im Gras, den ersten Becher Kaffee in den Händen.
Stille?
Nein, still ist es überhaupt nicht. Still ist es nie hier.
Ein Vogelchor singt sein Lied der tausenderlei Stimmen und Stimmungen. Nein, er singt nicht. Er piept, tschilpt, pfeift, kreischt, streitet, fetzt, föhnt, flötet, tiriliert, alles auf einmal und sehr durcheinander. Nicht sonntagsfeierlich. Das kennen sie nicht, die Schwalben, Spatzen, Finken, Amseln, Meisen und wie sie alle heißen. Können sie nicht. Wollen sie nicht.
Will auch ich nicht hören. Ich liebe ihren lauten ‚Durcheinandervogelstimmeleien‘, die die Stille des Morgens ebenso wenig stören wie der Hahn, der irgendwo in der Nähe gerade kräht, die muhenden Kühe auf der Weide, das Geigenkonzert der Grillen, das Meckern des Nachbarhundes und das helle Bimmeln der Kirchenglocken. Sie alle geben der Stille einen Raum, der sie umfängt und liebkost. Eine Stille, die gut tut. Eine ‚Seelenschmeichlerstille‘.
Ich schließe die Augen und nehme diese Stille in mir auf.
Sie streichelt meine Seele und mein Herz macht so seltsame Hüpfer, die es lange nicht mehr gemacht hat. Sind’s Glückshüpfer? Ich versuche, sie festzuhalten, während ich der lauten Stille ringsum lausche.
Aus dem rosafarbenen Meer der Rosenbüsche  lacht mir ein weißer Blütenkopf, frisch aufgeblüht, entgegen. Eine einzige weiße Pfingstrose. Eine Nachzüglerin. Sie macht das Bild mit ihrem Weiß bunt so wie die Vögel mit ihrem Konzert die Stille still machen. ‚Verkehrtverrücktschöne‘ Welt.
Ohmmmmmm!
Ein Motorrad röhrt auf. Es jault mit vielen schmerzlichen ‚Wum-Wum-Wums‘, hallt durch die Straße, wabert über Wiesen, Gärten, Höfe, begleitet von gut gelaunt klingenden Menschenstimmen. Aha, der Nachbar zwei Häuser weiter sattelt seinen Blechgaul, auf den er so stolz ist. Er sattelt lange, will gehört, gesehen werden.
Ich tue ihm den Gefallen, trete an den Zaun, winke ihm zu. Er neigt huldvoll sein helmgekröntes Haupt, drückt mir seine lederkluftbetonte Wampe entgegen und winkt.
„Moorge“, ruft er mir zu.
„Hi!“, rufe ich zurück. „Schönen Sonntag auch.“
„Jouuu!“
„Jo!“
Er wirft mir noch einige ‚Wum-Wum-Wums‘ zu, dann jagt er mit einem satten Röhren über die Straße hinaus aus dem Dorf.
Die Stille wird wieder still, der Vogelchor ‚chort‘ weiter, doch er stört sie nicht, die Stille.


Rosenliebe