Januarkräuterliebe

Diese Liebe, mit der man ein Kräutlein oder ein paar verbliebene Blätter an Pflanzen streicheln kann!
Diese Andacht, die man dabei fühlt!
Die Freude, noch ein Kraut, das lebt, gefunden zu haben.
Die Ehrfurcht beim Konsumieren.
Die Liebe, die einen durchflutet.
Das sind die kleinen Gartenfreuden im Januar.
Und die Sehnsucht wächst.

Heute gefunden: Melisse, Thymian, Rosmarin, ein paar letzte Borretschblättchen und Petersilchen, Pfefferminzchen und Melissenblättchen und auf der Wiese Gänseblümchen, Löwenzahn, Vogelmiere und Franzosenkraut und ganz viel Pimpernelle. (Was bereitet man mit Pimpernelle zu? Und gibt es ein Gedicht, das dieses lebensfrohe Kraut besingt?)

Für den Moment nur

Dem Regen beim Regnen zusehen.
Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Regentag im Juli so sehr freuen wird.
Und ich stehe im Garten, die Augen geschlossen, lausche den Blumen und Blättern beim Danke sagen, den Bäumen beim Durchatmen, den Gräsern beim leisen Wachsen und fühle mich – für den Moment nur – erleichtert.

Nächtliches Säuseln

Der Wind, der leise, der nordostige. In dieser Nacht streicht er um die Bäume, lockt, lächelt, setzt sich ins Gebüsch, stupst die Blätter, an, als wolle er sie ein wenig foppen und aus dem Schlaf reißen. Was sollen sie auch ruhen, wenn er, der Herr, unterwegs sein und ‚winden‘ muss? Nein! Das … geht … nicht. Nicht aus seiner machtgewohnten Warte aus. No way!
Schön ist’s, diesem Spielchen vom Fenster aus zuzusehen.
Reglos fast ruhen sich die Büsche im Garten von dem anstrengenden Windtag und der unbarmherzigen Trockenheit aus. Sie müssen Kraft sammeln für den nächsten sonnigen Windtag, das nächste Abenteuer. Doch der Wind, der sture, nervige Kerl, lässt sie nicht ruhen. Immer wieder zuckt ein anderes Blättchen auf, leise, etwas heftiger werdend und wieder verstummend. Ein kurzes, sanftes Fächeln hier, ein gequältes Aufbäumen dort, ein Winken, ein Wedeln, ein Singen, ein erstummendes Säuseln.
Ein nächtlicher Tanz in erprobter Choreografie.
Die Luft steht still. Starre. Ruhe. Dann ein Säuseln, ein Fächeln, ein Stöhnen, ein Winken. Wieder Ruhe. Windstille. Ein Moment nur und das Spiel beginnt von neuem. Zärtlicher nun, liebevoll, umwerbend. Er umarmt sie, die Blätter. Einzeln. Schmeichelnd. Verliebt? Wer weiß das schon.
Der Störenfried sitzt nun im Jasmin, der seinen Platz an der ungeschützten Seite zur Straße hin hat. Sein liebstes Opfer in diesem nächtlichen Spiel.
Ein fast unhörbares Pusten. Blätter zucken auf, eines nach dem anderen, ein bisschen wedeln die Zweige im Sog seines Atems nun hin und her, als tanzten sie zu einer stummen Melodie einen Walzer, einen langsamen, behutsamen, bedächtigen.
1,2,3/ 2,2,3/ 3,2,3/ 4,2,3. Pause. Atemholen. Ruhe. Und wieder von vorne. 1,2,3/ 2,2,3/ 3,2,3/ 4,2,3. Pause
Ein Zittern erfasst den ganzen Busch und die letzten, welken Blütenblätter schneien zu Boden.
Ich halte den Atem an. So schön ist es, dieses Spiel. So tröstend. Zärtlich. Sanft.
Mitternacht ist längst vorbei. Wir bleiben noch ein bisschen, die Sterne und ich. Und der Wind.


Der alte Jasmin

Die erste Himbeere

Mit Andacht pflücke ich die erste Himbeere vom neu gepflanzten Strauch. Es ist die einzige rote. Ich schnuppere an ihr. Lange. Schließe die Augen. Genieße. Stelle mir vor, wie ich sie auf meine Zunge lege und das Kitzeln ihrer zarten pelzigen Haut erspüre. Ich verharre, genieße die Vorfreude. Sie duftet so würzig und himbeerig nach Sommer, dass ich einen jener Momente erlebe, in denen ich meine, das Glück durch meinen ganzen Körper rieseln und in die Seele einzukuscheln erspüre. So ein Moment ist das. Ein Moment puren Sommerglücks. Ja, er ist da und er verharrt auch. So lange, wie auch ich innehalte, um ihn nicht so schnell zu verlieren. Es soll bleiben, dieses Gefühl, völlig in mir zu sein, in diesem Sommertag, in meinem Leben. Eins und zufrieden, ja, glücklich.
Und glücklich lausche ich den Erinnerungen aus der Kindheit hinterher, in der wir barfuß durch Omas Obstgarten geschlichen sind nach hinten zu den Beerensträuchern. „Pflücken verboten, sonst gibt es keine Marmelade“, hat Oma immer gesagt und dabei den Zeigefinger mahnend erhoben. Ihre Augen aber haben gelächelt und dieses Lächeln haben wir mitgenommen auf unseren Raubzug ins verbotene Beerenland. Es hat das Beerennaschen versüßt und den Sommerferientag so geadelt, dass Beeren – und verbotene Naschraubzüge – für immer nun in unseren Erinnerungen festgemeißelt sind. Wenn wir später mit rot verschmierten Händen und Mündern wieder bei ihr in der Küche eintrafen, lachte Oma und sagte: „Ihr kleinen Räuber! Habt ihr auch für die Vögel noch etwas übrig gelassen – und für eure armen Großeltern?“
Arme Großeltern? Da lachten wir auch, denn in unseren Augen waren Oma und Opa riesig reich, weil sie einen so tollen, großen Garten hatten, den man nur erreichen konnte, wenn man den Mut hatte, sich den Weg alleine durch das schmale, schattige, mit dichten Holunder-, Weißdorn und Wildrosensträuchern fast zugewachsene Pfädchen, das sich zwischen den Schuppen und Ställen hinter dem Haus hindurchschlängelte zum Garten und den Weinbergen hin.
Oma wohnte im Paradies!
Ja, es war ein Paradies und gerade liegt es in meinen Erinnerungen einladend vor mir.
Ich öffne die Augen und bin immer noch glücklich. Ein bisschen wehmütig glücklich.
„Danke, kleine Himbeere“, murmle ich, lege die Beere auf die Zunge und zerdrücke sie ohne weiter nachzudenken mit Zunge und Gaumen. Sie schmeckt sauer. Sehr sauer. Und sehr himbeerig, und darauf kommt es an.
Die Erinnerung an Omas Obstgarten begleitet mich nun durch den Tag, zusammen mit jenem Gefühl des absoluten Glücks, das sich so rein oft nur in der Kindheit verbirgt.


Blümchennostalgie

Ein Sonntagmorgen auf dem Lande

Ein Sonntagmorgen auf dem Lande. Ein Sommermorgen.
Diese Stille! Ich lausche, barfuß im Gras, den ersten Becher Kaffee in den Händen.
Stille?
Nein, still ist es überhaupt nicht. Still ist es nie hier.
Ein Vogelchor singt sein Lied der tausenderlei Stimmen und Stimmungen. Nein, er singt nicht. Er piept, tschilpt, pfeift, kreischt, streitet, fetzt, föhnt, flötet, tiriliert, alles auf einmal und sehr durcheinander. Nicht sonntagsfeierlich. Das kennen sie nicht, die Schwalben, Spatzen, Finken, Amseln, Meisen und wie sie alle heißen. Können sie nicht. Wollen sie nicht.
Will auch ich nicht hören. Ich liebe ihren lauten ‚Durcheinandervogelstimmeleien‘, die die Stille des Morgens ebenso wenig stören wie der Hahn, der irgendwo in der Nähe gerade kräht, die muhenden Kühe auf der Weide, das Geigenkonzert der Grillen, das Meckern des Nachbarhundes und das helle Bimmeln der Kirchenglocken. Sie alle geben der Stille einen Raum, der sie umfängt und liebkost. Eine Stille, die gut tut. Eine ‚Seelenschmeichlerstille‘.
Ich schließe die Augen und nehme diese Stille in mir auf.
Sie streichelt meine Seele und mein Herz macht so seltsame Hüpfer, die es lange nicht mehr gemacht hat. Sind’s Glückshüpfer? Ich versuche, sie festzuhalten, während ich der lauten Stille ringsum lausche.
Aus dem rosafarbenen Meer der Rosenbüsche  lacht mir ein weißer Blütenkopf, frisch aufgeblüht, entgegen. Eine einzige weiße Pfingstrose. Eine Nachzüglerin. Sie macht das Bild mit ihrem Weiß bunt so wie die Vögel mit ihrem Konzert die Stille still machen. ‚Verkehrtverrücktschöne‘ Welt.
Ohmmmmmm!
Ein Motorrad röhrt auf. Es jault mit vielen schmerzlichen ‚Wum-Wum-Wums‘, hallt durch die Straße, wabert über Wiesen, Gärten, Höfe, begleitet von gut gelaunt klingenden Menschenstimmen. Aha, der Nachbar zwei Häuser weiter sattelt seinen Blechgaul, auf den er so stolz ist. Er sattelt lange, will gehört, gesehen werden.
Ich tue ihm den Gefallen, trete an den Zaun, winke ihm zu. Er neigt huldvoll sein helmgekröntes Haupt, drückt mir seine lederkluftbetonte Wampe entgegen und winkt.
„Moorge“, ruft er mir zu.
„Hi!“, rufe ich zurück. „Schönen Sonntag auch.“
„Jouuu!“
„Jo!“
Er wirft mir noch einige ‚Wum-Wum-Wums‘ zu, dann jagt er mit einem satten Röhren über die Straße hinaus aus dem Dorf.
Die Stille wird wieder still, der Vogelchor ‚chort‘ weiter, doch er stört sie nicht, die Stille.


Rosenliebe