Alte Worte

In alten Büchern und Heften und Artikeln gelesen. Querbeet gelesen. Bruchstückhaft teils, dann wieder über längere Passagen hinweg. Festgelesen. Gewundert. Gegraut. Gestöhnt. Geschämt. Geschaudert. Gestaunt. Gefreut. Gewundert wieder. Sehr sogar.
Worte- und Sätze-Recycling.
Vergessenes. Verdrängtes.
Staunen pur
Habe ich das alles (und wann?) verbrochen geschrieben?
Alles alte Worte … und so viel neue Gedanken und Ansätze dabei.

Die erste Himbeere

Mit Andacht pflücke ich die erste Himbeere vom neu gepflanzten Strauch. Es ist die einzige rote. Ich schnuppere an ihr. Lange. Schließe die Augen. Genieße. Stelle mir vor, wie ich sie auf meine Zunge lege und das Kitzeln ihrer zarten pelzigen Haut erspüre. Ich verharre, genieße die Vorfreude. Sie duftet so würzig und himbeerig nach Sommer, dass ich einen jener Momente erlebe, in denen ich meine, das Glück durch meinen ganzen Körper rieseln und in die Seele einzukuscheln erspüre. So ein Moment ist das. Ein Moment puren Sommerglücks. Ja, er ist da und er verharrt auch. So lange, wie auch ich innehalte, um ihn nicht so schnell zu verlieren. Es soll bleiben, dieses Gefühl, völlig in mir zu sein, in diesem Sommertag, in meinem Leben. Eins und zufrieden, ja, glücklich.
Und glücklich lausche ich den Erinnerungen aus der Kindheit hinterher, in der wir barfuß durch Omas Obstgarten geschlichen sind nach hinten zu den Beerensträuchern. „Pflücken verboten, sonst gibt es keine Marmelade“, hat Oma immer gesagt und dabei den Zeigefinger mahnend erhoben. Ihre Augen aber haben gelächelt und dieses Lächeln haben wir mitgenommen auf unseren Raubzug ins verbotene Beerenland. Es hat das Beerennaschen versüßt und den Sommerferientag so geadelt, dass Beeren – und verbotene Naschraubzüge – für immer nun in unseren Erinnerungen festgemeißelt sind. Wenn wir später mit rot verschmierten Händen und Mündern wieder bei ihr in der Küche eintrafen, lachte Oma und sagte: „Ihr kleinen Räuber! Habt ihr auch für die Vögel noch etwas übrig gelassen – und für eure armen Großeltern?“
Arme Großeltern? Da lachten wir auch, denn in unseren Augen waren Oma und Opa riesig reich, weil sie einen so tollen, großen Garten hatten, den man nur erreichen konnte, wenn man den Mut hatte, sich den Weg alleine durch das schmale, schattige, mit dichten Holunder-, Weißdorn und Wildrosensträuchern fast zugewachsene Pfädchen, das sich zwischen den Schuppen und Ställen hinter dem Haus hindurchschlängelte zum Garten und den Weinbergen hin.
Oma wohnte im Paradies!
Ja, es war ein Paradies und gerade liegt es in meinen Erinnerungen einladend vor mir.
Ich öffne die Augen und bin immer noch glücklich. Ein bisschen wehmütig glücklich.
„Danke, kleine Himbeere“, murmle ich, lege die Beere auf die Zunge und zerdrücke sie ohne weiter nachzudenken mit Zunge und Gaumen. Sie schmeckt sauer. Sehr sauer. Und sehr himbeerig, und darauf kommt es an.
Die Erinnerung an Omas Obstgarten begleitet mich nun durch den Tag, zusammen mit jenem Gefühl des absoluten Glücks, das sich so rein oft nur in der Kindheit verbirgt.


Blümchennostalgie

Sprüche und Launen, die keiner braucht

„Du guckst so ernst. Bist du sauer?“, fragte mich heute eine Bekannte, die ich beim Einkaufen traf.
„Nö, ich denke nur nach.“ Ich bemühte mich, freundlich zu lächeln und behielt dieses Lächeln gleich auf meinem Gesicht. Man konnte ja nie wissen.
Falsch gedacht.
„Was grinsen Sie so blöd?“, herrschte mich wenig später eine dralle Dame vor der Bäckerei an. Sie zupfte hektisch an ihrer hautengen Bluse, die gerne ein paar Konfektionsgrößen größer hätte sein dürfen.
Ich blieb höflich. „Ich grinse nicht. Ich denke nur nach.“
„Also, isch konn do derüwer jetza awwa gar net lache“, maulte da eine andere, sehr morgenmuffige Lady. „Wie könne Se denn an nem so dunkle Dag hier Ebbes luschtisch finne?“
„Hä?“ Ich begriff die Welt mal wieder nicht mehr.
Diese Unfreundlichkeit überall, selbst ihr im Landstädtchen!
Ich hatte die Nase voll, zog an meinem Halstuch und hängte es mir über den Kopf.

An manchen Tagen würde ich gerne wie Janus sein, der zweiköpfige Gott der Römer. Dann kann sich jeder das Gesicht herauspicken, das er gerade sehen möchte. Traurig, ernst oder fröhlich. Aber bitte nicht unfreundlich und griesgrämig. Das nicht.

„Jedem Menschen recht getan, ist ein Ding, das keiner kann“, entfuhr es mir noch.
Dann musste ich lachen. Über mich selbst und über die Situation, die mich dazu gebracht hatte, diesen blöden Spruch ohne viel nachzudenken von mir zu geben.
Meine Eltern pflegten ihn in Momenten aufzusagen, in denen sie sich ratlos oder ohnmächtig fühlten oder auch, wenn sie wieder einmal die geballte Kleinstadtmacht der Tratschtanten, Moralapostel und Besserwisser fürchteten.
Ich mochte ihn ebenso wenig wie all die anderen Kalenderblattweisheiten einer Kriegskindergeneration, der meine Eltern angehörten. Wurden sie mit ernster Miene deklamiert, senkte man gerne schon mal vorsorglich den Kopf und tat, als sei man unsichtbar.
„Was werden denn die Leute sagen“ oder „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu gehorchen“ waren ähnliche Drohungen dieses Genres. Auch sie wurden in Situationen, in denen die Eltern nach einem erzieherischen Halt suchten, mit wütenden Gebärden einem Mantra gleich aufgesagt in der Hoffnung, wir Kinder würden nach ihren Vorstellungen und Regeln funktionieren.
Sprüche, die einfach nur nervten.
Wie zum Teufel konnte einer davon heute auf meine Zunge springen?
Ehrlich, für einen Moment war ich auch schlecht gelaunt.