Mystisch geträumt …

…Als der Zug endlich über die Lagune fuhr, verspürte ich so etwas wie Faszination. Ich trat ans Fenster, blickte auf das Wasser, das unter der Nachmittagssonne geheimnisvoll funkelte, starrte auf die Dächer und goldenen Kuppeln der Stadt, die sich langsam aus dem Dunst schälten. Ein magisch betörendes Bild, das Venedig mir zur Begrüßung bot.
Mein Herz klopfte eigentümlich, während das Bootstaxi später durch den Canale Grande tuckerte. Um mich abzulenken, sah ich mir die bröckelnden Fassaden in blassen Rot-, Blau-, Gelb- und Weißtönen und die filigran verzierten Balkone der an mir vorbei gleitenden Palazzi an, lugte in kleine, versteckte Kanäle, die sich, von Bogenbrücken überspannt, in geheimnisvollem Dunkel verloren. Und überall, auf den Gassen und Brücken, entlang der Kanäle und in den Booten, sah ich sie, Gespenstern gleich: die Masken des Carnevale. Es waren unheimlich anmutende weiße Masken, deren Träger in tiefes Schwarz gehüllt waren, historische, graziöse, dämonische, bunte, lustige Gestalten und immer wieder die Figuren der Comedia dell Arte, der Alecchino, die Colombina und die Pulcinella. Einige standen da wie Denkmäler, andere liefen in buntem Treiben umher, gafften, rempelten, schrieen, lachten …
Es herrschte eine so mystische Atmosphäre, dass ich selbst nicht mehr wusste, ob es sich bei jenen Wesen um verkleidete Menschen handelte oder um Gespenster. Fast war ich mir sicher, dass ich einige von Venedigs echten Gespenstern für wirkliche Menschen hielt. Gespenster, die mir zunickten und deren Gruß ich erwiderte.

Der kurze Tag und die blaue Stunde

„Du wirst nie erwachsen, kleiner Tag. So kann aus dir nie etwas werden“, sagte die blaue Stunde, die heute nicht zur Ruhe kam.
„Ich komme heute einfach nicht zur Ruhe“, klagte sie da auch schon. „Deinen ganzen seltsamen Tag lang sitze ich hier in Wartestellung und weiß nicht, was ich machen soll.“
„Du? Machen? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag rieb sich die Augen. Es fiel ihm schwer, sie richtig zu öffnen. Er war so müde. Und das an dem Tag, der sein Tag sein sollte. „Worauf wartest du denn?“
„Dass du mit deinem Tagwerk endlich beginnst. Sorge dafür, dass es hell wird da draußen in deinen Tageszeiten, damit ich gehen kann. Aber beeile dich. Die Zeit, zu der ich wie gewohnt zurückkehren werde, rückt schon wieder näher und da sollte ich pünktlich antreten.“
„Schon wieder? Ich verstehe nicht.“ Der kleine Tag versuchte vorsichtig, ein paar Schritte zu gehen. Er stolperte. Ach, warum war er nur so müde? „Dieser Tag ist doch mein Tag. Warum willst du da schon wieder kommen? Du bist bis jetzt nicht einmal gegangen. Oh, ich verstehe gar nichts. Was ist das bloß für ein Tag wieder?“
„Dein Tag!“ Die blaue Stunde klang verzweifelt. „Aber er ist es nicht mehr lange. Du verbummelst ihn gerade und im Land will und will es nicht hell werden. Was für ein dunkler und trister Tag dein Tag doch ist!“
Der kleine Tag nickte. „Kurz und dunkel, wie mir scheint, und so fühle ich mich auch. Dabei lässt mir das Jahr doch nur wenig Zeit, mein Bestes zu geben und ein fröhliches Gesicht zu zeigen.“ Er seufzte. „Du kannst mir glauben, es ist nicht einfach, ein kurzer Tag zu sein. Der kürzeste, um es genau zu sagen. Ach! Was soll ich da tun?“
„Auch kurze und sehr kurze und kürzeste Tage können ihr Gesicht zeigen. Und Licht. Viel helles Licht.“ Die blaue Stunde klang ungehalten. „Am besten, du lüpfst den traurig dunklen Wolkenschleier, mit dem du dich bedeckst. So schenkst du der Sonne – und dem Tageslauf – noch ein oder zwei helle Stunden und…“
Die blaue Stunde kam nicht weiter. Rüde wurde sie von der Melancholie unterbrochen. „Diese Zeit ist meine Zeit und dieser kurze Tag, der nicht hell werden will, ist der meine, und so soll es bleiben.“
Und ehe die blaue Stunde dazu etwas erwidern konnte, hatte die Melancholie einen Tränenvorhang voller silbrig glänzender Nebelnieseltröpfchen über den Tag geworfen.
Der schwieg. Er war zu kurz, um sich zu wehren. Außerdem war er immer noch müde. Und die blaue Stunde, die beschloss, heute blau zu machen und sah zu, dass sie davon kam.

Das wäre ja noch schöner!

Irgendwie waren die letzten Wochen etwas heftig, stressig. Ich spüre es in den Knochen, in Geist und Seele und ich lese es zwischen den Zeilen meiner Texte. Es wäre Zeit für eine Aus-Zeit.
„Ha!“, ruft der kleine Zeitgeist. „Das wäre ja noch schöner! Ausruhen? Wo kämen wir denn da hin?“
Ich sehe ihn vor mir. Ein kleiner, zorniger, sehr temperamentvoller Kerl mit einem Vollmondgesicht, das zur Zornesröte neigt.
„Ha!“ Er brüllt es fast, dieses „HA!“
Und ich? Ich muss trotz aller Müdigkeit grinsen.
Ich bücke mich zu ihm hinunter, fasse ihn bei den Ohren, die knallrot werden vor Zorn ob dieser Behandlung, hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schulter. Hier kann er weiter toben und von hier aus hat er auch den besseren Überblick.
Gemeinsam sehen wir – fast wie durch eine Wahrsagerkugel – in die nächste, nicht so ferne Ferne. Und nein, ich zähle nun nicht auf, was wir alles sehen. Es niederzuschreiben würde schon zu sehr anstrengen und für heute habe ich mir eine klitzekleine Stressfreiheit verordnet.
„Ha! Ja! Ha! Aber …“, brüllt er mir da schon wieder ins Ohr, der kleine Zeitgeist. Und er treibt mich weiter und weiter durch dieses aufregend traurige Jahr. Er ist neugierig, begierig, rastlos, ungeduldig … und die Seele, sie taumelt hinterher.

Einmal wieder Kind sein

„Einmal wieder Kind sein! Das wünschte ich mir!“, sagte der Mann, der in den letzten Jahren viel zu sehr erwachsen sein musste. Er stand in der Fußgängerzone vor den Auslagen der Spielzeugwarengeschäfts und beobachtete die Kinder, die mit strahlenden Gesichtern und gierigen Bettelblicken in den Augen von ihren Eltern an diesem verführerischen Schaufenster vorbei gezogen wurden. Diese Freude, die in ihnen loderte, würde er gerne auch noch einmal verspüren. Und diese ungeduldige Neugierde. Was war das schön gewesen, damals, als er ein kleiner, vorwitziger und sehr neugieriger kleiner Junge gewesen war! Aufregend schön.
„Man müsste die Uhr noch einmal zurückdrehen können und wieder Kind sein dürfen“, murmelte er. „Nur für einen Augenblick. Oder zwei oder drei. Das würde schon genügen.“ Und auf einmal gab es nichts, was er sich mehr wünschte.
„Kann man verloren geglaubte Zeiten wieder zum Leben erwecken?“, murmelte er. „Wer nicht mehr träumt, lebt nicht mehr. Irgendein schlauer Mensch hat das einmal gesagt.“
Ein Ruck durchfuhr ihn und irgendetwas in ihm schaltete jene Gedanken aus, die er seine ‚Erwachsenengedanken‘ nannte. Er lachte auf, dann bahnte er sich einen Weg durch die Menschenmenge und steuerte das kleine Schokoladenlädchen am Marktplatz an. Dort kaufte er einen Adventskalender mit dem Bild eines gemütlich dicken Weihnachtsmannes, der vierundzwanzig mit Schokolade gefüllte Türen in seinem Bauch hatte. Dann eilte er nach Hause, schloss sich in sein Arbeitszimmer ein und futterte alle Türchen auf einmal leer … und er fühlte sich dabei wie der kleine, ungeduldige Junge, der er einst gewesen war. Ah! Wie gut das tat! Und wie fein es schmeckte! Es war der erste Adventskalender, den er für sich selbst gekauft, und die leckerste Schokolade, die er je in seinem Leben gegessen hatte.

Blütenherbst oder Besser als nix oder „Die Sonntagsgeschichte“

Weil es auch das ganze Wochenende arbeitsmäßig so turbulent bei mir ist, ich dieses Blog aber nicht (wieder) zu sehr vernachlässigen möchte, blogge ich hier einfach mal eine ältere Geschichte, die ich sehr mag. Eine Sonntagsgeschichte. Ich hoffe, sie gefällt dir – oder dir oder dir – auch ein bisschen.
Überhaupt ist die Idee der Sonntagsgeschichte gar keine so schlechte, wie ich gerade bemerke. Schau’n wir mal! 🙂

* * *

Blütenherbst

Zwei Blumentöpfe schmückten den Rand der Terrasse. Es waren alte, blau bemalte Steinguttröge mit einem himbeerrot blühenden Rosenstrauch und einem gelb leuchtenden Chrysanthemenbusch.
„Blass sind deine Farben geworden“, sagte die Chysantheme eines Tages zur Rose.
Die hatte ihre Hauptblütezeit lange hinter sich gelassen, doch noch immer erblühten ein paar wenige zartrote Röslein.
„Meine Zeit neigt sich dem Ende zu“, murmelte die Rose nun. „Allein die Liebe am Leben und die Freude an den Farben des Himmels lassen mich noch einige meiner Knospen öffnen.“
„Ha!“, spottete die Chrysantheme. „Die Sonne beachtet dich längst nicht mehr. Du bist ihr nicht schön genug. Mich aber liebt sie. Sieh meine Blüten! Wie kleine Sonnen machen sie den Tag heller und erfreuen ihn mit ihrem Blütenlächeln.“
Blütenlächeln. Das klang schön. Die Rose fühlte sich hässlich und schwieg.
Und so verbrachten sie die letzten Sommertage schweigend, die Chrysantheme strahlend und stolz mit ihrem sonnengelben Blütenmeer, die Rose klein und bescheiden, wusste sie doch, dass sie mit ihren wenigen Blüten keinen großen Eindruck mehr machen würde.
Der Herbst kam und mit ihm die Tage der kühlen Nächte und des Regens. Nebel machte der Sonne oft erst zur späten Mittagszeit Platz.
Es waren keine guten Tage für Blumen.
Die Rose kämpfte und es gelang ihr, ab und zu eine oder zwei Knospen zum Blühen zu bringen. Daneben prunkte die Chrysantheme. Aber auch ihre Farben verblassten. Mit jedem Tag sahen die einst fröhlich strahlenden Blüten trauriger aus. Braun färbten sich ihre Spitzen, dann schmutzig gelb und welk, an nassen Tagen sogar feucht und faulig. Von Tag zu Tag verlor der Chrysanthemenbusch ein bisschen mehr von seiner einstigen Schönheit. Er fiel in sich zusammen, wurde klein und kleiner, bis nur noch dürre Zweiglein von ihm übrig waren.
„Eintagsfliege!“, murmelte die Rose, die den Niedergang ihrer Konkurrentin mit Verwunderung beobachtet hatte. „Nein, eher eine ‚Einherbstfliege‘.“
Sie beschloss, sich im kommenden Jahr über Blumenkolleginnen nicht mehr zu wundern oder sich ihretwegen zu grämen.
„Wichtig ist, sich zu mögen, wie man ist. Dann muss man nicht mit Neid oder Wehmut auf den Nachbarn blicken. Davon nämlich wird man nicht schöner und auch nicht mehr geliebt. Und überhaupt, ich mag mich noch immer gut leiden, auch jetzt kurz vor dem Winter.“
Und weil sie sich schön und zufrieden fühlte, erblühten bis zum Ende des Herbstes immer wieder eine oder zwei oder drei kleine Rosen. Selbst noch in der Adventszeit. Als der erste Schnee fiel, bedeckte ein zierlich weißer Schneeflockenhut das rote Blütenhaupt der letzten Rose, und alle, die zu ihr auf die Terrasse blickten, freuten sich über dieses kleine Adventswunder.