Werde golden

Märchenzeit

„Ich friere“, begehrte der November eines Herbsttages auf. „Du raubst mir meine Tage!“
„Ich? Beraube dich?“ Der Oktober schüttelte sich. „Das verstehe ich nicht.“
Ärger ergriff den November. „Du nimmst mir mein Wetter, meine Stimmungen und Launen und schickst dem Land meinen kalten Novemberregen, meinen Nebel, meine kühlen Zeiten. Womit, sag, kann ich die Menschen noch überraschen? Auf Oktoberstürme warten sie nun und milde Tage, an denen die Sonne das Laub der Blätter golden färbt und das Herbstland in ein Märchenland verwandelt. Sie brauchen das, um ihre Seelen zu stärken, bevor ich, der traurige Nebelmonat komme. Und nun? Sieh sie dir an, die Menschen! Es geht ihnen nicht gut in deiner tristen, kalten, nassen Oktoberwelt! Mach die Augen auf, spitze die Ohren, öffne dein Herz! Und …“
Der November redete und redete und der Oktober hörte betroffen zu,
„Es … es tut mir leid“, murmelte er schließlich. „Ich habe nicht nachgedacht. Was kann ich tun?“
„Werde freundlich und hell und golden!“, bat der November.
„Das kann ich nicht.“ Der Oktober schüttelte sein Haupt. „Ich kann die Wolken nicht zurückziehen, die Winde nicht mehr festhalten und die kalte Luft nicht vertreiben. Dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber … aber … ich schenke dir meine Farben. Nimm sie mit in deine Zeit und werde du golden.“
„Ich?“ Erschrocken blickte der November auf. „Ich … kann das nicht. Ich …“
Noch während er sprach, fingen seine Augen an zu strahlen und über seine Wangen breitete sich ein warmes Lächeln aus. „Goldener November! Wie schön das klingt! Meinst du, es wird den Menschen gefallen?“
„Und wie!“, brummte der Oktober, der nur schwer seine Rührung verbergen konnte. „Mach das Beste daraus und lasse unseren Herbst in diesem Jahr fröhlich ausklingen, so bunt und golden, dass ihn keiner je vergessen möge.“
Und so geschah es auch und von diesem November sprachen die Menschen noch lange, besonders, wenn sie sich an trüben Herbsttagen müde und traurig fühlten.

Schenkst du mir einen Regenbogen?

„Schenkst du mir einen Regenbogen?“
Mit bettelnden Augen sah mich das Kind an.
„Einen Regenbogen?“, staune ich. „Wie kann man einen Regenbogen verschenken?“
Das Kind zuckt mit den Schultern. „Weiß ich nicht“, meint es und aus seiner Stimme klingt ein bisschen Trotz mit. „Du bist doch alt. Du musst das wissen.“
Ich bin ein bisschen gekränkt. Natürlich bin ich alt, in den Augen des Kindes sogar uralt oder steinzeitalt.
„Weil ich alt bin?“, frage ich gedehnt.
„Das auch. Und weil du alles weißt, wo du doch so viele Bücher gelesen hast! Da kannst du mir auch einen Regenbogen schenken.“
So viel Ehre wird mir zugetan? Irgendwie freue ich mich nun auch. Wollte ich nicht immer als altes weises Weib, dem mit dem Respekt des Bewunderers begegnet wird, enden? Nun, vielleicht hatte ich dieses mir stets als unrealistisch und größenwahnsinnig erschienenes Lebensziel ja doch in gewisser Weise erreicht? Chapeau!
Ich klopfe mir innerlich auf die Schulter, während ich krampfhaft überlege, ob wir heute zufällig ein Regenbogenwetter haben, das es mir in meiner Eigenschaft als Wunderalte, ja, ich meine nicht ‚wunderliche Alte‘, obwohl dies eher zutreffen würde, ermöglichen würde, einen Regenbogen aus meiner nicht vorhandenen Trickkiste zu zaubern. Aber keine Chance. Es wird ein Tag ohne Regenschauer bleiben, was mir normalerweise sehr angenehm ist, wenn ich nicht gerade einen Regenbogen an den Himmel zaubern sollte.
„Es wird nicht gehen“, sage ich schließlich vorsichtig. „Das Wetter hat heute keine Lust, den Himmel mit Regenbögen zu verzieren. Sollen wir, äh … einen Regenbogen malen? Einen schönen, großen, bunten.“
Hoffnungsvoll blicke ich das Kind an, doch es schüttelt den Kopf.
„Das ist langweilig“, mault es.
Herrje! Was kann ich tun, um nicht mehr in seine enttäuscht blickenden Augen blicken zu müssen?
„Ich könnte dir auch eine Regenbogengeschichte erzählen „, sage ich schlapp und wappne mich schon gegen die nächsten Unmutsäußerungen. Aber nein. Das Kind beginnt zu jubeln.
„Au Ja!“, ruft es lauthals. „Das machen wir! Du erzählst mir ganz viele Geschichten. Aber es müssen neue sein. Viele tolle neue Regenbogengeschichten. Nein, besser du schreibst sie auf! “
Ich nicke und irgendwie fühle ich mich überrumpelt. Und ich schweige erstmal.
„Das ist mega!“, ruft das Kind da aus und klatscht in die Hände. „Das muss ich gleich den anderen erzählen. Tschü-hüs!“
Und ehe ich noch etwas sagen kann, rennt es los. In der Ferne höre ich es jubeln und seinen Freunden ein „Es hat geklappt! Sie wird uns neue Regenbogengeschichten fürs Schulfest schreiben. Juchhu!“
Diese Schelme. Ich lache glucksend in mich hinein. Sie sind genau wie ich es einmal als Kind gewesen bin, damals vor hundert oder zweihundert Jahren.

 

Alte Worte

In alten Büchern und Heften und Artikeln gelesen. Querbeet gelesen. Bruchstückhaft teils, dann wieder über längere Passagen hinweg. Festgelesen. Gewundert. Gegraut. Gestöhnt. Geschämt. Geschaudert. Gestaunt. Gefreut. Gewundert wieder. Sehr sogar.
Worte- und Sätze-Recycling.
Vergessenes. Verdrängtes.
Staunen pur
Habe ich das alles (und wann?) verbrochen geschrieben?
Alles alte Worte … und so viel neue Gedanken und Ansätze dabei.

Das Drängeln im Kopf

Diese unstillbare Sehnsucht, etwas (für mich) Großartiges zu erschaffen/schreiben. Immer und immer wieder nagt sie an mir und ich weiß genau: Ich müsste mich nur vor eine leere Datei setzen, die Finger auf die Tasten legen und schreiben. Ich weiß, es würde dann aus mir schreiben. Wort für Wort für Wort zu Geschichten, Texten, Naturbeschreibungen und, ja, vielleicht auch zu etwas Großartigem. Wort für Wort für Wort.
Doch warum fühlen sich meine Finger so wortlos? Warum locken sie nicht, warum schreien sie nicht danach, auf eine Tastatur gelegt zu werden, um all die ungesagten, die geträumten, erhofften, gewünschten, ersehnten Worte niederzuschreiben? Warum schreien sie nicht nach einer Tastatur und nach einem leeren Blatt?
Ist es, weil der Kopf es nicht zulassen will? Dieser sture, störrische Kopf, der wie bei einer Müllhalde die Worte auf vielen unaufgeräumten Wortmüllhalden stapelt und nicht bereit ist zum Entrümpeln und Aufräumen und … Freigeben?
Ist es das?
Wird wohl so sein.
Und was tue ich nun?
Vor Sehnsucht ersticken mit all dem ungefilterten Wortmüll im Kopf?

Etwas Neues möchte ich schaffen. Etwas … Neues …
Und bitte, nicht vergessen, lieber Kopf, der du so sehr grübelst und mit allen inneren Schweinehunden zusammen klüngelst: Wir könnten es uns leisten, etwas Neues zu schaffen. Denn das Alte ist nicht mehr neu genug.
Was zögerst du noch, du Zweifelbirne?

Wenn Sterne tanzen

Am Kirchplatz vor der hohen Weihnachtstanne machte sie Halt. Das Licht ihrer Kerzen tanzte im Schein der Nebelschwaden Irrlichtern gleich durch den frühen Abend und es verlieh dem Dunkel eine fast mythisch anmutende Unwirklichkeit, die fast als schön zu bezeichnen war. Von der Kirche her erklang Orgelmusik. Nicht feierlich, wie sie es aus früheren Kirchgängen her kannte. Es war ein heiter leichtes Lied, das dem schweren Nebel eine lange Nase zu zeigen versuchte.
Das Spiel von Musik, Licht und Nebel hielt die Frau fest. Die Unwirklichkeit der Szenerie ließ sie ihren Kummer vergessen. Wie gebannt starrte sie auf die Lichter der Tanne. Für einen Moment wich der Nebel und ein Lichtblitz huschte über den kleinen Platz. Ein Lichtblitz? Oder war es ein Stern gewesen?
Die Frau konnte nicht länger ernst bleiben. Und plötzlich war alles anders. Wer Sterne über Plätze tanzen sah, vermochte auch Einhörner zu sehen, Feen, Zauberer und Engel. So einfach war das.
So einfach?
Nun lachte die Frau. Es war, als wäre die Schaltuhr des Lebens wieder zurückgestellt auf Null. Auf einen neuen Anfang.
FROHE WEIHNACHT! 🎄