Jetzt. Endlich.

Frühlingssonne, Vogelgezwitscher und Bienensummen. Es fühlt sich an, als bekäme man das Leben neu geschenkt.
Besuch der Wildbienen im Traubenhyazinthentopf im Zimmer. Da war es plötzlich, dieses Summen und Brummen, aufgeregt, freudig, an einen neuen Anfang erinnernd. Wundervoll. Und im Kopf bildet sich eine neue Geschichte von einer alten Dame, deren Einsamkeit durch den Besuch der Wildbienen eine Unterbrechung findet und die sich noch mehr Bienenbesuche wünscht. Deshalb rafft sie sich auf wider alle Traurigkeit und Winterdepression und macht die nahe Gärtnerei unsicher, wo sie fast ihr ganzes Geld für Blumen ausgibt und interessante Begegnungen hat und sich auf einmal gar nicht mehr einsam fühlt. Im Gegenteil. Sie hat eine Mission, denn wer sagt, dass alte Menschen nicht auch etwas für die Bienen und damit auch etwas für die Umwelt tun können?
Das könnte fast ein Romänchen werden, zunächst aber mal eine Geschichte.
„Wer anderen eine Blume sät, blüht selber auf“

Bei den Ahnen

Vorgestern habe ich meine Ahnen besucht. Das geht nicht? Das ist Aberglaube, Einbildung, esoterischer Kram? Ja, das habe ich auch gedacht, obwohl ich schon viel Sinn fürs Übersinnliche habe und an manchen Schamanen genau so glaube wie an die vielen kleinen Geisterchen in der Natur. Aber die Ahnen besuchen? No way. Dachte ich.
Nun hat man mich eingeladen zu einem dreistündigen  Webinar – Versöhnung mit den Ahnen. Versöhnung klingt immer gut, denke ich, und ich lasse mich darauf ein, schalte mich in das Zoom-Meeting dazu und harre der Dinge. Skeptisch. Lächelnd. Wissend. Überheblich fast. Und doch beschließe ich, es zuzulassen, mitzugehen, mich treiben zu lassen.
Eine gute Entscheidung. Ich lasse mich treiben und besuche in der ersten Meditation mit Anleitung der Moderatorin die mütterliche Ahnenreihe der Frauen meiner Familie. Das waren lauter Nette, so die Überlieferung. Leichte Sache also, denke ich und schließe die Augen. Ich sehe und höre und rieche und fühle nichts, weder bei den Worten der Führenden noch beim Trommelgetrommel. Im Gegenteil, es nervt ein bisschen … und genervt, sehr genervt komme ich von dieser Reise zurück. Ich bin nervös geworden, der Puls rast, das Cortisol feiert Party in meinen Adern, ich will hier rrrrraus!
Okay, denke ich, diese Parallelwelt ist nichts für mich und als ich die Kommentare der anderen, die Was-weiß-ich-noch-alles gesehen, gefühlt, geschmeckt haben, lese, sehe ich mich in meiner Meinung bestätigt: Das ist nichts für mich, mir fehlt dazu die Fantasie, obwohl ich eigentlich viel davon habe. In dieser Welt und in meinen eigenen kleinen Welten.
Pause. Ich hole die Post, packe ein Paket aus, koche einen Kaffee, träufle mir wie ferngesteuert ein paar Tropfen Williams Christ (wirklich nur ein paar, denn ich trinke nie Schnaps) in das heiße Gebräu (Warum mache ich das? Das habe ich doch noch nie gemacht!?) und beschließe, das Webinar abzubrechen. Nun nämlich kommen die Männer der männlichen Linie an die Reihe und das sind, soweit ich von ihnen weiß, alles überhaupt keine Netten. Die muss ich mir nicht antun. Besser, ich gehe in den Wald.
Und dann schließe ich doch folgsam die Augen, als die zweite Runde beginnt und fühle wieder nichts. Dieses Mal ist es eine Rassel, die die Versöhnung mit den Ahnen einleitet und meine Ohren quält. Laut, zerrend, eklig. Ich will schreien, doch es geht nicht. Also dulde ich. Endlich ist die Qual zu Ende, ich öffne die Augen und überlege, ob ich einen etwas ironischen Kommentar schreiben soll so nach dem Motto, ich hätte mich im Urwald wiedergefunden und … Nein, diese krude Fantasie will ich hier nicht wiederholen. Ich öffne also die Augen und spüre … nichts. Aber gar nichts. Ich bin einfach nur ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, wie ich unruhiger Geist es seit Jahren nicht mehr gewesen bin.
Habe ich noch Puls? Ich checke das. Ja, er schlägt noch, ruhig, angenehm ruhig. Schööön. Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Diese Ruhe in mir! Diese tiefe Ruhe, als läge ich frei von allen nervenden Gedanken auf einer Wolke und schwebe so vor mich hin. Und nein, es kommt nicht vom Schnaps im Kaffee, die Tasse steht noch unberührt vor mir, erkaltet. Ich probiere einen Schluck und kippe den Rest in den Ausguss. Brauch ich nicht. Jetzt nicht.
Mal sehen, wie lange die Ruhe anhält, lästert ein Teufelchen in mir.
Egal, knurre ich. Wichtig ist, sie überhaupt mal wieder zu spüren, dieses sorglose  Gefühl, die Freiheit per se.
Und mit zwei Tagen Abstand kann ich sagen: Es ist immer noch da. Und ich bin verwirrt. Sehr sehr verwirrt. Was ist da mit mir geschehen?

Mystisch geträumt …

…Als der Zug endlich über die Lagune fuhr, verspürte ich so etwas wie Faszination. Ich trat ans Fenster, blickte auf das Wasser, das unter der Nachmittagssonne geheimnisvoll funkelte, starrte auf die Dächer und goldenen Kuppeln der Stadt, die sich langsam aus dem Dunst schälten. Ein magisch betörendes Bild, das Venedig mir zur Begrüßung bot.
Mein Herz klopfte eigentümlich, während das Bootstaxi später durch den Canale Grande tuckerte. Um mich abzulenken, sah ich mir die bröckelnden Fassaden in blassen Rot-, Blau-, Gelb- und Weißtönen und die filigran verzierten Balkone der an mir vorbei gleitenden Palazzi an, lugte in kleine, versteckte Kanäle, die sich, von Bogenbrücken überspannt, in geheimnisvollem Dunkel verloren. Und überall, auf den Gassen und Brücken, entlang der Kanäle und in den Booten, sah ich sie, Gespenstern gleich: die Masken des Carnevale. Es waren unheimlich anmutende weiße Masken, deren Träger in tiefes Schwarz gehüllt waren, historische, graziöse, dämonische, bunte, lustige Gestalten und immer wieder die Figuren der Comedia dell Arte, der Alecchino, die Colombina und die Pulcinella. Einige standen da wie Denkmäler, andere liefen in buntem Treiben umher, gafften, rempelten, schrieen, lachten …
Es herrschte eine so mystische Atmosphäre, dass ich selbst nicht mehr wusste, ob es sich bei jenen Wesen um verkleidete Menschen handelte oder um Gespenster. Fast war ich mir sicher, dass ich einige von Venedigs echten Gespenstern für wirkliche Menschen hielt. Gespenster, die mir zunickten und deren Gruß ich erwiderte.

Lächeln, um die Zeiten schön zu malen

Nein, sie muss nicht immer scheinen, die Sonne. Sie will es auch nicht. Aber sie darf lachen und kitzeln und streicheln und kuscheln und kleine Seelenhüpfer zur Erde senden, und das tut sie auch von ihrem Versteck hinter den Wolken aus. Jeden Tag schickt sie klitzekleine Wintersonnengedanken. Die ’schluppern‘ heimlich, still, leise über unsere Nasen, liebkosen unsere Wangen, kribbeln über die Augenlider und schummeln sich in unsere Seelen. Zu jedem kommen sie, vielfach und jeden Tag aufs Neue, und manchmal, wenn der Mensch sie erkennt, schleicht sich ein leises Lächeln in seine Mundwinkel. Ein kleines, feines Wintersonnenlächeln.
Mich besuchten sie auch hin und wieder, jene kleinen ‚Wintersonnen‘, obwohl die letzte Zeit mit Wirrnissen, Ärgernissen, Ängsten und Arbeit vor allem oftmals so gar keine schöne war. Und jedes Mal habe ich gelächelt … und ich lächle auch jetzt.
Irgendwie, stelle ich fest, ’schluppern‘ sich in meine Blogbeiträge immer wieder jene kleinen Ablenkungsmanöver, die die Zeiten schön malen.
Will ich das? Wollte ich das, als ich mit dem Bloggen begann? Wollte ich nicht viel mehr von mir, vom Alltag, von Wichtigem und Nichtigem, aber auch vom nicht geschönten Realen hier erzählen. Das wollte ich und was nicht ist, kann noch werden.
Oder doch nicht? Fühlt es sich nicht besser an, Schönworte zu zeichnen, unernst, verklärt, ablenkend? Ja, es hat etwas. Hm?

Wer ist schon verrückt?

Als ich vorhin aus dem Fenster blickte, sah ich den Elf. Er stand auf der Straße und winkte zu mir herauf.
Das konnte doch nicht sein? Wer war er? Ein Spinner, ein Verrückter, ein Weihnachtszwerg. Ja, genau so sah er aus. Ich rieb mir die Augen. Träumte ich das nur? Spielte mir die Fantasie einen Streich? Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, starrte.
In der Tat. Es war ein Elf und der zwinkerte mir zu. Ich sah es genau.
„Meinst du mich, Herr Elf?“, fragte ich vorsichtig.
Der Elf nickte.
„Ich bin schon lange kein Kind mehr“, wehrte ich ab. „Die Kinder solltest du besuchen, gerade in dieser Zeit vor dem Fest. Ich habe mein Leben gelebt. Abenteuer und Märchen finden nur noch in meinem Kopf statt.“
Der Elf nickte wieder. Er lächelte, holte eine silberne Flöte aus seiner Tasche und spielte. Bridge over troubled water. Schön klang das. Schön schräg.
Ich musste lachen. „Du bist genau so verrückt wie ich, du Elf!“
Er stimmte in mein Lachen mit ein. „Ja. Ja. Verrückt! Das ist eines der Worte, die nur ihr Menschen kennt. Das nenne ich verrückt. Hoho! Aber nun muss ich weiter. Ich wünsche dir eine gute Zeit und ein frohes Fest.“
Der Elf verneigte sich und im nächsten Moment war er verschwunden.
Ich blinzelte.  Hatte ich mir diese Begegnung nur eingebildet? Nein, den freundlichen Weihnachtself hatte ich genau so wirklich gesehen wie im letzten Jahr das Einhorn mit den Silberglöckchen und im Jahr davor den Mitternachtstanz der Rentiere. In der Weihnachtszeit war schließlich alles möglich.