Mystisch geträumt …

…Als der Zug endlich über die Lagune fuhr, verspürte ich so etwas wie Faszination. Ich trat ans Fenster, blickte auf das Wasser, das unter der Nachmittagssonne geheimnisvoll funkelte, starrte auf die Dächer und goldenen Kuppeln der Stadt, die sich langsam aus dem Dunst schälten. Ein magisch betörendes Bild, das Venedig mir zur Begrüßung bot.
Mein Herz klopfte eigentümlich, während das Bootstaxi später durch den Canale Grande tuckerte. Um mich abzulenken, sah ich mir die bröckelnden Fassaden in blassen Rot-, Blau-, Gelb- und Weißtönen und die filigran verzierten Balkone der an mir vorbei gleitenden Palazzi an, lugte in kleine, versteckte Kanäle, die sich, von Bogenbrücken überspannt, in geheimnisvollem Dunkel verloren. Und überall, auf den Gassen und Brücken, entlang der Kanäle und in den Booten, sah ich sie, Gespenstern gleich: die Masken des Carnevale. Es waren unheimlich anmutende weiße Masken, deren Träger in tiefes Schwarz gehüllt waren, historische, graziöse, dämonische, bunte, lustige Gestalten und immer wieder die Figuren der Comedia dell Arte, der Alecchino, die Colombina und die Pulcinella. Einige standen da wie Denkmäler, andere liefen in buntem Treiben umher, gafften, rempelten, schrieen, lachten …
Es herrschte eine so mystische Atmosphäre, dass ich selbst nicht mehr wusste, ob es sich bei jenen Wesen um verkleidete Menschen handelte oder um Gespenster. Fast war ich mir sicher, dass ich einige von Venedigs echten Gespenstern für wirkliche Menschen hielt. Gespenster, die mir zunickten und deren Gruß ich erwiderte.

Lächeln, um die Zeiten schön zu malen

Nein, sie muss nicht immer scheinen, die Sonne. Sie will es auch nicht. Aber sie darf lachen und kitzeln und streicheln und kuscheln und kleine Seelenhüpfer zur Erde senden, und das tut sie auch von ihrem Versteck hinter den Wolken aus. Jeden Tag schickt sie klitzekleine Wintersonnengedanken. Die ’schluppern‘ heimlich, still, leise über unsere Nasen, liebkosen unsere Wangen, kribbeln über die Augenlider und schummeln sich in unsere Seelen. Zu jedem kommen sie, vielfach und jeden Tag aufs Neue, und manchmal, wenn der Mensch sie erkennt, schleicht sich ein leises Lächeln in seine Mundwinkel. Ein kleines, feines Wintersonnenlächeln.
Mich besuchten sie auch hin und wieder, jene kleinen ‚Wintersonnen‘, obwohl die letzte Zeit mit Wirrnissen, Ärgernissen, Ängsten und Arbeit vor allem oftmals so gar keine schöne war. Und jedes Mal habe ich gelächelt … und ich lächle auch jetzt.
Irgendwie, stelle ich fest, ’schluppern‘ sich in meine Blogbeiträge immer wieder jene kleinen Ablenkungsmanöver, die die Zeiten schön malen.
Will ich das? Wollte ich das, als ich mit dem Bloggen begann? Wollte ich nicht viel mehr von mir, vom Alltag, von Wichtigem und Nichtigem, aber auch vom nicht geschönten Realen hier erzählen. Das wollte ich und was nicht ist, kann noch werden.
Oder doch nicht? Fühlt es sich nicht besser an, Schönworte zu zeichnen, unernst, verklärt, ablenkend? Ja, es hat etwas. Hm?

Wer ist schon verrückt?

Als ich vorhin aus dem Fenster blickte, sah ich den Elf. Er stand auf der Straße und winkte zu mir herauf.
Das konnte doch nicht sein? Wer war er? Ein Spinner, ein Verrückter, ein Weihnachtszwerg. Ja, genau so sah er aus. Ich rieb mir die Augen. Träumte ich das nur? Spielte mir die Fantasie einen Streich? Ich schloss die Augen, öffnete sie wieder, starrte.
In der Tat. Es war ein Elf und der zwinkerte mir zu. Ich sah es genau.
„Meinst du mich, Herr Elf?“, fragte ich vorsichtig.
Der Elf nickte.
„Ich bin schon lange kein Kind mehr“, wehrte ich ab. „Die Kinder solltest du besuchen, gerade in dieser Zeit vor dem Fest. Ich habe mein Leben gelebt. Abenteuer und Märchen finden nur noch in meinem Kopf statt.“
Der Elf nickte wieder. Er lächelte, holte eine silberne Flöte aus seiner Tasche und spielte. Bridge over troubled water. Schön klang das. Schön schräg.
Ich musste lachen. „Du bist genau so verrückt wie ich, du Elf!“
Er stimmte in mein Lachen mit ein. „Ja. Ja. Verrückt! Das ist eines der Worte, die nur ihr Menschen kennt. Das nenne ich verrückt. Hoho! Aber nun muss ich weiter. Ich wünsche dir eine gute Zeit und ein frohes Fest.“
Der Elf verneigte sich und im nächsten Moment war er verschwunden.
Ich blinzelte.  Hatte ich mir diese Begegnung nur eingebildet? Nein, den freundlichen Weihnachtself hatte ich genau so wirklich gesehen wie im letzten Jahr das Einhorn mit den Silberglöckchen und im Jahr davor den Mitternachtstanz der Rentiere. In der Weihnachtszeit war schließlich alles möglich.

Abschiede, viele kleine

Am Mittag endlich triumphiert die Sonne über das Nebelgrau, das seit Tagen schwer über dem Tal liegt, und lässt die Spätnovemberwelt in einem warmen Licht erstrahlen. Sie gibt noch einmal alles und ich winke ihr dankbar zu.
Sie sieht es nicht, sie hat Besseres zu tun, und ich auch. Es ist der perfekte Tag für die vielen kleinen Abschiede im Garten. Mit Besen, Schere, Hacke, Spaten und Abfallkorb. Und mit Wehmut im Herzen.
Nur ungern rupfe ich die Pflänzchen, die mir in den letzen Monaten ans Herz gewachsen sind, aus der Erde. Traurig sehen sie aus, verdorrt und ausgelaugt und nur noch wenig lebendig. Immer wieder schließe ich die Augen und sehe sie so vor mir, wie sie vor kurzem noch waren: Strahlend, bunt, lebensfroh. Sie haben mir gute Laune und manchmal auch Trost geschenkt und ich danke ihnen nun, während ich die letzten Samenkapseln sammle. Adieu, ihr Lieben! Es war schön mit euch.
Ich schalte Gedanken und Gefühle aus und tue, was getan werden muss. Und nun ruhen sie auf einem großen Resteberg in der hinteren Gartenecke. Ich bedecke sie mit ein paar Tannenzweigen und wünsche ihnen ein gutes Ruhen. Und da ist mir, als winkten sie mir zu und für einen Moment leuchten ihre lieben Gesichter nochmal fröhlich bunt und strahlend auf.
Ja, ich habe es genau gesehen. Du glaubst mir nicht?

Zitronenträumerei

Ich zeichne heute eine Zitrone. Mit Tusche und Feder. Ganz, halb, als Viertel, innen, außen, ungeschält, geschält, ausgepresst, die Schale, das Fruchtfleisch. Alles. Und im Zimmer duftet es nach Sommer, Blüten, Thymian, frischer Erde und Meer. Und nach Zitronen. Und ich stehe am Rand eines schmalen Sträßleins, das sich in Kurven zwischen Zitronenhainen und Weinbergen, vorbei an Felssprüngen und Abgründen, steil bergaufwärts windet, blicke aufs Meer unter mir, verliere mich im Verlauf der sich kräuselnden Wellen und genieße. Die Weite. Die Wärme. Die Freude, die mich trunken macht. Und ich greife wieder zur Feder und zeichne weiter und es ist gut so.