Sehnsucht

Du legst deine Arme um den knorrigen Stamm des alten Kirschbaums und blickst zu den Zweigen empor.
Du freust dich an den duftig weißen Kirschblüten.
Es sind so viele, dass du die Äste des Baumes fast nicht mehr erkennen kannst.
Wie Schnee sehen sie aus, die Äste.
„Frühlingsblütenschnee“, denkst du und lächelst.
Entzückt schaust du zu diesem Blütenmeer empor.
Dir ist, als winkten dir die Blüten einladend zu.
Sie locken dich mit ihrem Duft.
Köstlich süß duften sie.
Nach Frühling.
Hmmmm …

So, das musste jetzt sein! Und überhaupt: Wer nicht träumt, lebt nicht (mehr), sagt der fröhliche Mensch, der mich das Mentaltraining lehrt. Er hat recht.
Und ab heute Nacht könnte es hier bei uns im tiefen Wald schneien.
Wintersternchenschnee, ganz ohne Blütenduft.
Auch schön, aber leider nur „auch“.

 

 

Diese Momente

Grauweißgrau der Tag. Schneematschgrau.
„Auch das Wintergrau ist schön!“, sagst du und reichst mir Farbkasten und Pinsel. „Los! Schenke dem Tag ein neues Gesicht!“
„Ich kann nicht malen!“, maule ich.
Ich setze Kopfhörer auf, nehme Stift und Papier und male mir zu lauter Musik mit Worten die Welt bunt, gebe dem Tag ein helles, strahlendes Gelb und versehe es mit Tupfen. Bunten Tupfen, einem fröhlichen Sommerkleid gleich. Ein Lachgesicht zwinkert mir zu, ein Streichholz zischt und der Duft einer glimmenden Kerze zaubert ein Leuchten in deine Augen.
Das Leben ist schön!

Kopfkinoreise

Auf die Frage, warum mir dieses Lieblingsgedicht seit gestern nicht mehr aus dem Kopf geht, kann ich nur mit einem leisen Kopfschütteln und einem „Ich-weiß-es-nicht“ antworten. Vielleicht, weil mein Kopf, mein Bauch, das kleine innere Kind, mich ablenken und auf eine Reise in der Fantasie/im Traum schicken möchte? Wenn ja, so gestehe ich: Gerade jetzt sind mir solche Kopfkinoreisen höchst willkommen. Ein bisschen schützen sie die müde Seele.

Mondnacht

Es war, als hätt‘ der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
die Ähren wogten sacht,
es rauschten leis‘ die Wälder,
so sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
weit ihre Flügel aus,
flog durch die stillen Lande,
als flöge sie nach Haus.

Joseph von Eichendorff

 

Reichtum

Mit Farbe und Pinsel
mich in die Welt träumen
zu Zypressen, Zikaden und Meer,
ist ein bisschen
wie ein leises, heimliches
Davonschleichen
vom Trott
einfach so.
Und das kannst
du, du oder du
mir nicht nehmen.

Ich bin reich.

Blaue Stunde

Heute Morgen wollte sich die Blaue Stunde so gar nicht von der Bühne verabschieden.
Sie flirtete noch ein Weilchen mit der Sonne, die sich ihren Aufgang durch den sommerlichen Frühnebel schwer erkämpfen musste, und reichte ihr die Hand.
Ich glaube, sie wollte mit ihr und dem beginnenden Tag ein wenig spielen.
Mit einem Lächeln habe ich den Beiden zugeschaut … und obwohl das Waldleben in diesem Augenblick mucksmäuschenstill verharrte, war mir, als schauten unzählig viele Augen diesem Spiel zu.
Wie ein Raunen ging es durch den Wald, über die Baumwipfel bis hoch in die Lüfte, als sich die Blaue Stunde schließlich zurückzog und der Sonne ihren Platz am Himmel einräumte.
Ein Raunen aus Abertausend und mehr klitzekleiner Stimmchen.
Meine Stimme war eine davon.