Abschiede, viele kleine

Am Mittag endlich triumphiert die Sonne über das Nebelgrau, das seit Tagen schwer über dem Tal liegt, und lässt die Spätnovemberwelt in einem warmen Licht erstrahlen. Sie gibt noch einmal alles und ich winke ihr dankbar zu.
Sie sieht es nicht, sie hat Besseres zu tun, und ich auch. Es ist der perfekte Tag für die vielen kleinen Abschiede im Garten. Mit Besen, Schere, Hacke, Spaten und Abfallkorb. Und mit Wehmut im Herzen.
Nur ungern rupfe ich die Pflänzchen, die mir in den letzen Monaten ans Herz gewachsen sind, aus der Erde. Traurig sehen sie aus, verdorrt und ausgelaugt und nur noch wenig lebendig. Immer wieder schließe ich die Augen und sehe sie so vor mir, wie sie vor kurzem noch waren: Strahlend, bunt, lebensfroh. Sie haben mir gute Laune und manchmal auch Trost geschenkt und ich danke ihnen nun, während ich die letzten Samenkapseln sammle. Adieu, ihr Lieben! Es war schön mit euch.
Ich schalte Gedanken und Gefühle aus und tue, was getan werden muss. Und nun ruhen sie auf einem großen Resteberg in der hinteren Gartenecke. Ich bedecke sie mit ein paar Tannenzweigen und wünsche ihnen ein gutes Ruhen. Und da ist mir, als winkten sie mir zu und für einen Moment leuchten ihre lieben Gesichter nochmal fröhlich bunt und strahlend auf.
Ja, ich habe es genau gesehen. Du glaubst mir nicht?

Zitronenträumerei

Ich zeichne heute eine Zitrone. Mit Tusche und Feder. Ganz, halb, als Viertel, innen, außen, ungeschält, geschält, ausgepresst, die Schale, das Fruchtfleisch. Alles. Und im Zimmer duftet es nach Sommer, Blüten, Thymian, frischer Erde und Meer. Und nach Zitronen. Und ich stehe am Rand eines schmalen Sträßleins, das sich in Kurven zwischen Zitronenhainen und Weinbergen, vorbei an Felssprüngen und Abgründen, steil bergaufwärts windet, blicke aufs Meer unter mir, verliere mich im Verlauf der sich kräuselnden Wellen und genieße. Die Weite. Die Wärme. Die Freude, die mich trunken macht. Und ich greife wieder zur Feder und zeichne weiter und es ist gut so.

Werde golden

Märchenzeit

„Ich friere“, begehrte der November eines Herbsttages auf. „Du raubst mir meine Tage!“
„Ich? Beraube dich?“ Der Oktober schüttelte sich. „Das verstehe ich nicht.“
Ärger ergriff den November. „Du nimmst mir mein Wetter, meine Stimmungen und Launen und schickst dem Land meinen kalten Novemberregen, meinen Nebel, meine kühlen Zeiten. Womit, sag, kann ich die Menschen noch überraschen? Auf Oktoberstürme warten sie nun und milde Tage, an denen die Sonne das Laub der Blätter golden färbt und das Herbstland in ein Märchenland verwandelt. Sie brauchen das, um ihre Seelen zu stärken, bevor ich, der traurige Nebelmonat komme. Und nun? Sieh sie dir an, die Menschen! Es geht ihnen nicht gut in deiner tristen, kalten, nassen Oktoberwelt! Mach die Augen auf, spitze die Ohren, öffne dein Herz! Und …“
Der November redete und redete und der Oktober hörte betroffen zu,
„Es … es tut mir leid“, murmelte er schließlich. „Ich habe nicht nachgedacht. Was kann ich tun?“
„Werde freundlich und hell und golden!“, bat der November.
„Das kann ich nicht.“ Der Oktober schüttelte sein Haupt. „Ich kann die Wolken nicht zurückziehen, die Winde nicht mehr festhalten und die kalte Luft nicht vertreiben. Dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber … aber … ich schenke dir meine Farben. Nimm sie mit in deine Zeit und werde du golden.“
„Ich?“ Erschrocken blickte der November auf. „Ich … kann das nicht. Ich …“
Noch während er sprach, fingen seine Augen an zu strahlen und über seine Wangen breitete sich ein warmes Lächeln aus. „Goldener November! Wie schön das klingt! Meinst du, es wird den Menschen gefallen?“
„Und wie!“, brummte der Oktober, der nur schwer seine Rührung verbergen konnte. „Mach das Beste daraus und lasse unseren Herbst in diesem Jahr fröhlich ausklingen, so bunt und golden, dass ihn keiner je vergessen möge.“
Und so geschah es auch und von diesem November sprachen die Menschen noch lange, besonders, wenn sie sich an trüben Herbsttagen müde und traurig fühlten.

Sehnsucht – Dienstagspoesie

Sehnsucht

Ich saß oft unterm Feigenbaum
und träumte einen Sommertraum
von Sonne, Wärme, Blütenduft
und würzig frischer Abendluft.

Mein Traum dort unterm Feigenbaum,
ich träumt‘ ihn oft und lebt‘ ihn kaum.
Des Lebens Fülle lockte breit,
nur eines fehlte, das war Zeit.

So lief ich unterm Feigenbaum
ihm hinterher, dem Zaubertraum.
Er lag in Fesseln gut verschnürt,
von Freiheit hab ich nichts gespürt.

Ein Traum gegen die Herbstkälte – innen und außen und nicht nur dem Wetter und der Jahreszeit geschuldet.

Diese Momente

Grauweißgrau der Tag. Schneematschgrau.
„Auch das Wintergrau ist schön!“, sagst du und reichst mir Farbkasten und Pinsel. „Los! Schenke dem Tag ein neues Gesicht!“
„Ich kann nicht malen!“, maule ich.
Ich setze Kopfhörer auf, nehme Stift und Papier und male mir zu lauter Musik mit Worten die Welt bunt, gebe dem Tag ein helles, strahlendes Gelb und versehe es mit Tupfen. Bunten Tupfen, einem fröhlichen Sommerkleid gleich. Ein Lachgesicht zwinkert mir zu, ein Streichholz zischt und der Duft einer glimmenden Kerze zaubert ein Leuchten in deine Augen.
Das Leben ist schön!