Wunschzettel

Liebes Christkind!
Heute schreibe ich dir einen Wunschzettel und ich verspreche es dir, liebes Christkind: Es ist kein Wunsch, der Geld kostet und den man als Geschenk in bunte Päckchen verpacken kann. Es ist ein ganz kleiner, leiser, bescheidener Wunsch:
Bitte mach, dass die Leute sich wieder erinnern, dass du es bist, das bald Geburtstag hat, und dass du dir Ruhe und Gemütlichkeit und Besinnlichkeit und Frieden wünschst und nicht diesen Trubel, die Drängeleien und Hetzereien auf Straßen und in den Städten. Und bitte, sagt ihnen auch, dass du auch jene grässlich bunten Glitzerflimmerschmuckhäuser und -fenster so gar nicht leiden magst. Weißt du, liebes Christkind, das alles nämlich machen die Menschen in den Wochen vor Heiligabend nur deinetwegen, und sie sind dabei so gestresst, dass sie das Lachen vergessen und oft sehr grimmig dreinschauen, dass sie so sehr drängeln und sich unterwegs arg unfreundlich und trubelig verhalten. Sie nennen es Weihnachtsvorbereitungen, doch sag, Christkind, wünschst du dir diese „Vorbereitungen“ überhaupt?
Liebe Grüße, auch an deine Eltern und Ochs und Esel
Deine E.

 

Duett …

„Hilfe! Ein Überfall!“
Die Tasten des Konzertflügels zucken zusammen, als sich ihnen zwei Hände nähern. Eine linke, leicht behaarte Hand mit energisch drängelnden Fingern und eine rechte, weiche, mit einem Brillantring geschmückte Hand, ebenfalls mit, nein, mit noch energischer drängelnden, kräftigen Fingern.
„Drei – zwei – eins – zero!“, erklingt eine Stimme aus dem Off. „Das Due-(tt)ll beginnt. Guten Abend, meine Damen und Herren! Sie hören …“
„Oh je“, wispern die Tasten des Musikinstruments. „Ich mag gar nicht hören, was wir nun zu hören bekommen. Wenn wir uns nur wehren könnten.“
Sie seufzen und ergeben sich in ihr Schicksal. Geduckt warten sie auf die ersten (An)Schläge.
Die linke Hand drängelt sich vor und vereint mit einem rauen Schlag drei Tasten zu einem Akkord. Kling-ping-boing. Er klingt schräg, der Klang.
Die rechte Hand prescht hinterher, schlägt zu. Ein dröhnender Vierer-Akkord. Hart und … irgendwie daneben gegriffen. Klong-pong-bäng.
Die linke Hand wehrt sich gegen den Eindringling von rechts und nudelt eine nicht enden wollende aufwärts steigende Tonleiter die Reihe der Tasten entlang. Sie endet mit einem triumphierenden T(h)riller in Bach’scher Manier.
Unverschämtheit! Die rechte Hand tritt dem Eindringling entgegen. Sie wehrt sich und dudelt die Tonleiterreihe in lautem Tschaikowksy-Stakkato wieder abwärts, um in einem dröhnenden Ta-ta-taaaaa auf dem tiefen C zu enden.
Jetzt erst beginnt das Duett-ll so richtig und in den nächsten Minuten, die den Klaviertasten wie unendlich lange Stunden anmuten, hämmern sich die beiden Duettanten, pardon, Duellanten durch ihren Vortrag. Lange währt die Qual. Die Klaviertasten geben mit verzerrten Gesichtern ihren Schmerz den Saiten im Klangkörper weiter. Die reagieren ob der rüden, unwirklich anmutenden Behandlung … verstimmt. Um das Gedröhne zu ertragen, verziehen und dehnen und (ver)schwingen und verbiegen sie sich und die Töne, die wiederzugeben ihr Job ist, klingen … falsch. Sie meinen es nicht böse, die Saiten, doch sie können sich nicht wehren.
Die Zuhörer meinen es auch nicht böse. Sie verziehen verstohlen die Gesichter … doch auch sie können sich … nicht … wehren.
Oder doch?


Dorfkerwenacht

Die Nacht ist anders. Das sonst so stille Dorf ist weniger still, es parken ein paar Autos bei der Kneipe und es rauschen auch ein paar mehr von ihnen durch die Dorfstraße. Die Stille ist weniger still und von gelegentlichem Kreischjuchzern der Frauen, angesoffenen Brüllern der Männer und schrill sägenden Gitarrenriffs durchbrochen.
Es hat sich nichts geändert seit damals. Die jungen – und alten – Frauen umwerben noch immer in einer Weise, die Feministinnen die Schamesröte ins Gesicht treibt, die Männer, ob angebetet oder nicht, und biedern sich ihnen an. Die Schminke ist vielleicht ein bisschen anders, die Klamotten auch, obwohl, nein, Haut hatten wir damals auch gezeigt. Oder es zumindest versucht.
Die Männer kehren noch immer die Machos heraus. Die sehr besoffenen Machos. Sie reißen dämliche Witze, über die die Frauen in gekünstelter Zurschaustellung dümmlich lachen, obwohl sie diese Zoten gar nicht witzig finden. Es ist wie vor dreißig Jahren und keinen Deut anders. Selbst die Band spielt die gleichen alten, sinnfreien Schlager, nur dass die nun wirklich alt sind und nicht aktuell wie damals. Als ob es keine neue, bessere Musik gäbe.
Das sonst so stille Dorf windet sich und es scheint, als halle ein Raunen zwischen den Häusern, das trösten sollte, in klagendem Ton hin und her: „Einmal im Jahr, beruhigt euch, es ist nur einmal im Jahr und übermorgen wieder vorbei.“
Doch die Grillen zirpen heute nicht, die Rehe oben im Wald sind still, der Waldkauz auch und da ist auch keine Kuh, die in dieser Nacht ihr Kälbchen, das sie nie würde sehen dürfen, bekommt. Selbst die verliebten Frühlingskater singen heute nicht ihre Liebeslieder. Man hört und sieht sie nicht, die Tiere  von Dorf, Feld, Wiese, Wald. Sie warten und harren auf bessere Zeiten. Ab und zu bellt ein Hund ein paar gequälte Beller, die rasch in einer jähen Stille enden. Nur die Fledermäuse umkreisen auch heute mit eleganten, weiten Schwingen stumm die Laterne vorm Nachbarhaus, so wie sie es immer tun in Frühlings- und Sommernächten.
Es ist wie alle Jahre in Dorfnächten, in denen die Kerwe „tobt“.



Dorfnacht © Stocksnap/pixabay

Der Todo

„Keine Chance hat er heute bei mir, der Todo“, sage ich beim Frühstück und lächele. „Ich muss nur noch rasch dies und jenes und das erledigen, dann werde ich ihn für dieses Wochenende zum Teufel schicken.“
Ihn, den Todo.
Sage ich und erledige noch rasch dies und jenes und das und noch eins, zwei, drei, vier, fünf oder mehr Kleinigkeiten mehr.
„Nun geh, Todo!“, bitte ich ihn gegen Nachmittag. „Wir haben Wochenende und frei.“
„Frei?“, fragt er mich und schaut mich mit diesen strengen Blicken an, die sich wie juckende Pfeile in meinen Körper bohren.
Ich kratze mich dezent und suche nach einer Waffe, mit der ich ihn ähnlich wie mit einer Fliegenklatsche zum Schweigen bringen kann. Die Kuscheldecke tut es in dem Falle auch. Ich breite sie über Todo und seine Werkzeug-Utensilien und sage: „Ätsch!“
„Ätsch!“, hallt es unter der Decke hervor. Es hallt nur leise. 
Dann ist Ruhe und ich blicke fröhlich aus dem Fenster.
Die Sonne hat den Morgennebel vertrieben, der Himmel ist blau, die Bäume schimmern rot, gelb, golden braun. 
Welt, ich komme!
„Warum liegt die Decke über deinem Schreibtisch?“, fragt der Liebste in diesem Augenblick.
„Todo schläft“, antworte ich. „Er braucht eine Pause, der lästige Kerl.“
„Was für’n Kerl?“ Der Liebste sieht mich misstrauisch an, ballt unmerklich die Fäuste und blickt sich im Zimmer um. Einen fremden Kerl aber sieht er nicht. Kann er auch nicht. Den habe ich ja unter der Decke begraben.
In dem Augenblick bimmelt das Smartphone. Es liegt bei Todo unter der Decke.
Ich zögere, die Neugier siegt … und Todo ist wieder frei.
 Und wie frei er ist! Mit nichts mehr ist er zu bändigen und schon gar nicht will er sich noch einmal unter eine Decke oder sonst wohin verbannen lassen.
Geht auch nicht. Nach dem Telefonat nämlich sitze ich neben dem grinsenden Todo sinnend am Schreibtisch und schreibe eine neue Liste für die nächsten Tage. Überschrift: „To do“!
(Darunter, ganz klein: Vergiss nicht das Sabbatjahr!) 😉



Bildquelle (C) Free-Photos/pixabay

Sprüche und Launen, die keiner braucht

„Du guckst so ernst. Bist du sauer?“, fragte mich heute eine Bekannte, die ich beim Einkaufen traf.
„Nö, ich denke nur nach.“ Ich bemühte mich, freundlich zu lächeln und behielt dieses Lächeln gleich auf meinem Gesicht. Man konnte ja nie wissen.
Falsch gedacht.
„Was grinsen Sie so blöd?“, herrschte mich wenig später eine dralle Dame vor der Bäckerei an. Sie zupfte hektisch an ihrer hautengen Bluse, die gerne ein paar Konfektionsgrößen größer hätte sein dürfen.
Ich blieb höflich. „Ich grinse nicht. Ich denke nur nach.“
„Also, isch konn do derüwer jetza awwa gar net lache“, maulte da eine andere, sehr morgenmuffige Lady. „Wie könne Se denn an nem so dunkle Dag hier Ebbes luschtisch finne?“
„Hä?“ Ich begriff die Welt mal wieder nicht mehr.
Diese Unfreundlichkeit überall, selbst ihr im Landstädtchen!
Ich hatte die Nase voll, zog an meinem Halstuch und hängte es mir über den Kopf.

An manchen Tagen würde ich gerne wie Janus sein, der zweiköpfige Gott der Römer. Dann kann sich jeder das Gesicht herauspicken, das er gerade sehen möchte. Traurig, ernst oder fröhlich. Aber bitte nicht unfreundlich und griesgrämig. Das nicht.

„Jedem Menschen recht getan, ist ein Ding, das keiner kann“, entfuhr es mir noch.
Dann musste ich lachen. Über mich selbst und über die Situation, die mich dazu gebracht hatte, diesen blöden Spruch ohne viel nachzudenken von mir zu geben.
Meine Eltern pflegten ihn in Momenten aufzusagen, in denen sie sich ratlos oder ohnmächtig fühlten oder auch, wenn sie wieder einmal die geballte Kleinstadtmacht der Tratschtanten, Moralapostel und Besserwisser fürchteten.
Ich mochte ihn ebenso wenig wie all die anderen Kalenderblattweisheiten einer Kriegskindergeneration, der meine Eltern angehörten. Wurden sie mit ernster Miene deklamiert, senkte man gerne schon mal vorsorglich den Kopf und tat, als sei man unsichtbar.
„Was werden denn die Leute sagen“ oder „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu gehorchen“ waren ähnliche Drohungen dieses Genres. Auch sie wurden in Situationen, in denen die Eltern nach einem erzieherischen Halt suchten, mit wütenden Gebärden einem Mantra gleich aufgesagt in der Hoffnung, wir Kinder würden nach ihren Vorstellungen und Regeln funktionieren.
Sprüche, die einfach nur nervten.
Wie zum Teufel konnte einer davon heute auf meine Zunge springen?
Ehrlich, für einen Moment war ich auch schlecht gelaunt.