Zeitlos

Wo ist der Tag hin, sag mir, wohin?
Ich zähle die Stunden, überlege, denke zurück, hinterher und gebe sie als verloren aus.
Die Stunden, nicht der Tag. Der nämlich war gut, freundlich, heiter, arbeitsreich – die Arbeit der anderen Art, die nicht am Schreibtisch stattfindet und doch so viel mehr Überzeugung und Tun bedeutet, wenn sie noch vor einem liegt, und die glücklich macht, ist sie erledigt. Die. Jeder kennt sie. Du auch.
Dazu die Begegnung, unverhofft, liebevoll, mit einem Lachen umkränzt dort, wo kein Lachen ist derzeit. Und doch.
Und die Hoffnung, die saß auf beide Schultern währenddessen, stoisch, präsent, ermutigend und immer da und das ist gut so.
Ja, es war ein guter Tag und noch ist er nicht vorbei.
Die Stunden, die verloren geglaubten, die schenke ich mir oder dir oder dir.

Den Blättern hinterher geträumt

Tagträume. Sie sind wieder da und ich nehme sie liebevoll in den Arm, liebkose sie, hege sie und gebe sie nicht mehr her. Wer nicht tagträumt, lebt nicht mehr (richtig), die Bilder im Kopf sind schwarz-weiß, die Seele schwächelt grau vor sich hin. Traumlos eben. Traumlos ist ziellos, ist freudlos. Getagträumtes macht das Leben bunter und so mancher Traum wandert mit in die Realität und machen das Leben bunter. Verrückter. Lebenswerter halt.
Träumend, die Waldruhe genießend, sehe ich heute den Blättern, die der Wind von den Bäumen zupft, hinterher – und ich begleite sie für eine Weile auf ihre fröhlichen Reise durch die Luft. Manche schaffen es im Aufwind weit nach oben in die Lüfte und verschwinden auf Nimmerwiedersehen im Irgendwo. Andere plumpsen nach einem kurzen Trudeln zu Boden, wo sie sich mit vielen gelb, rot, braunen Kollegen treffen und zu einer Abschiedsfete auf dem Boden zusammenrollen. Was sie sich wohl alles zu erzählen haben?
Der Versuch, mich ganz klein zu machen und für ein Weilchen mit ihnen zu feiern und Spaß zu haben, scheitert. In der Wirklichkeit. Nicht aber im Traum.

Und dieser Ausflug ins Träumen muss heute sein. Eine kleine Flucht vor den Nachrichten und den Realitäten, die so schräg wieder anmuten, dass man meinen könnte, man befände sich in einem skurrilen dystopischen Roman, einem heiter bitteren Narrenspiel. Mehr sag ich heute nicht zur aktuellen Lage. Es reicht, dass mein Kopf meint, gleich überlaufen zu müssen. Schnell zurück zu den Träumen.

Ich gebe auf …

Ich gebe auf. Den Computer fahre ich herunter, die Arbeitsbücher neben mir schließe ich, nein, ich knalle sie zu, um ehrlich zu sein. Sie nerven mich heute. Ebenso wie die Musik, die mich immer beim Arbeiten begleitet (Verzeih, JJG!), und der innere Kritiker, der zum Durchhalten mahnt. Selbst der Kaffee schmeckt bitter. Aber ehrlich, irgendwann ist Schluss! Der Kopf raucht und die Seele weint und bibbert und bangt und hofft. Alles auf einmal. Und ich glaube, ich bin damit nicht alleine heute.
Wovon ich rede? Na, worüber alle heute reden und irgendwie auch grübeln: Wien, US-Wahlen und unser Dauerbrenner Corona, um die drei schaurigsten Ereignisse/Zustände zu nennen. Die drei genügen auch für heute. Sie sind alle drei entscheidend für unsere Zukunft bei wenig erfreulichen Prognosen. Und man sitzt da und harrt auf neues Unheil, nicht glaubend, dass es sich irgendwo irgendwie zum Guten wendet. Die furchtsame Seele sieht nur schwarz heute. WIE BITTE SOLL MAN DA KREATIV ARBEITEN und schöne Texte schreiben? Bitte wie?
Eben. Eine Antwort weiß keiner.
Ich werde jetzt noch eine Runde Sport machen. Online bei meinem allerliebsten Sportstudio*, das mir meine Rückenschmerzen weggezaubert hat und das gerade von der Schließung betroffen ist und dennoch online tapfer weitermacht. Und dann, dann werde ich mich mit Rotwein und Käsebrot aufs Sofa fläzen und den Fernseher einschalten. Den ganzen Abend Glotze satt. Das hatte ich schon lange nicht mehr und heute ist es wohl nötig.
Bloß nicht denken dabei. Nichts denken. Nichts.  Nur angenehme Leere.
Vielleicht schaue ich auch bei Twitter vorbei. Man muss ja auf dem Laufenden bleiben. Und der Kreislauf beginnt von vorne…

 

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Durch den Wind

Tage wie diese möchte man nicht häufig haben. Es ist ein dunkler Tag. Regenwetter. Wind. Kühle. Verzerrte Gesichter mit misslaunigen Mienen. Masken habe ich hier im Dorf noch nie gesehen und ich bin froh darum. Man hält Abstand, das genügt. Aber es ist ein unzufriedener Abstand, der die Leute unglücklich macht. Das Lächeln fällt schwer. Mir auch. Ich gebe mir Mühe. „Kopf hoch, und wenn der Hals auch schmutzig ist, und lächeln.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mal nicht gut drauf war. Ein typisches Kriegskindermotto. Bloß nicht zeigen, was man fühlt und wie es einem geht. Nein. Lächeln. Lächeln wir alles tot, bis wir uns selbst nicht mehr spüren.
Kriegskinder sind die Leute heute nicht mehr (ganz wenige ausgenommen), vielleicht lächeln sie deshalb nicht, sondern zeigen ihre unzufriedenen Muffelgesichter? Wer weiß? Doch was rede ich da überhaupt? Nein, ich lösche das nun nicht. Es käme einem aufgesetzten Lächeln mit Killergedanken gleich. Killergedanken gegen dieses unsichtbare Virus, das uns das Leben gerade gründlich versaut (auch das wird nicht zensiert, heute darf das sein) auf Jahre hinaus. Oder glaubt etwa jemand, in einem Monat ist das alles vorbei und wir feiern ein Weihnachtsfest, so wie wir es gewohnt sind? Sie werden wieder tagen so kurz vor Ende des Novembers und … Nein, ich sage es nicht. Nicht heute. Ich bin heute durch den Wind und damit ganz sicher nicht allein. Punkt. Ich habe fertig. Oder?

Frühstück im Wald

Es regnet Bindfäden. Trotzdem eise ich mich – und vor allem den inneren Schweinehund – vom Frühstückstisch los, streife die alte, verwaschene Schimanskijacke des Mannes über meine Nachtklamotten und stakse durch die kleine Birkenallee bergaufwärts zu meinem Sommerfrühstücksplatz dort wo die Wiesen enden und der Wald anfängt. Clogs sind übrigens keine gute Idee für einen regennassen Herbstmorgen im Wald. Überhaupt ist es keine gute Idee, Sommertraditionen auch in der ungastlichen Jahreszeit beibehalten zu wollen. Nur mal so gesagt, ich lerne ja noch.
Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor an den Stamm der alten Birke gelehnt, den Kaffeebecher in der Hand (Auch eine Schnapsidee, der Kaffee ist kalt und schmeckt nach Regenwasser), und blicke aufs Dorf hinab.
Wie ausgestorben liegt es da, kein Leben regt sich und wüsste ich es nicht besser, könnte ich es für eine ausgestorbene, aufgelassene Waldsiedlung halten. Doch sie ist voller Leben, sogar mehr als sonst. Die Kinder haben Ferien und das Leben ist schön! Und alle ducken sich vor dem Virus wieder ein bisschen mehr als die Monate zuvor. Er macht das Leben auch hier im Walddorf still, verzagt, ratlos. Zu still.
Doch, halt, von der anderen Seite des Talgrunds her ertönt das röhrende Stöhnen einer Kuh. „Das machen sie nur, wenn sie gebären“, hat mir der Bauer einmal erklärt, und ich stelle mir vor, wie ein niedliches Kälbchen das Licht der Welt erblickt und sogleich von der Mutter entrissen wird, weil das so wirtschaftlicher ist. Ich seufze und vergieße ein paar Tränen. Da ist nichts von Landromantik, wie es uns Heimatfilme und Hochglanzhefte übers Landleben weismachen. Es ist halt nichts mehr so, wie man es sich vorstellen möchte. In diesen Tagen schon gar nicht.
Die Romantik des Regenmorgens ist nun endgültig dahin und ich beeile mich, ins Warme zu kommen, bevor ich mich erkälte. Das muss in diesen Zeiten ja nun wirklich nicht sein. Auf weitere Waldfrühstücksausflüge werde ich wohl besser verzichten … bis zum Frühling (Noch 163 Tage!)

Nachtrag:
Ich rätsele übrigens gerade über eine grammatikalische Frage nach zu dem obigen Satzbeginn:
„Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor …“ Eigentlich wollte ich schreiben: „Und da stehe ich nun wie an vielen Sommermorgen zuvor …“, doch das klingt seltsam. Aber man kann doch nicht „Sommermorgenden“ schreiben!? Darf der Morgen kein Plural haben?
Ja, ich ahne die Antwort. Aber komisch klingt es schon, oder? Oder ist mir mein kleiner Ausflug gerade nicht bekommen?