Die leise Zeit

Nein, ich bin wahrlich kein Wintermensch. Dennoch, diese frostigen Tage genieße ich gerade. Sehr sogar. Sie bringen Stille. Sie bringen Ruhe. Die Unruhe der letzten Monate und Wochen lässt nun doch langsam nach und mir gelingt immer öfter, einfach einmal nichts zu tun. Auch nicht zu bloggen 😊
Es tut gut, am Fenster zu stehen und den wirbelnden Schneeflocken zuzusehen.
Es macht Spaß, dick eingemummelt durch den Winterwald zu stapfen und – pssst – der Stille, die gar keine Stille ist, zu lauschen.
Es ist interessant zu spüren, wie die Natur all den Stress und das Ungute im und beim „Menscheln“ deutlich macht und das Negative langsam für ein paar stille Momente verdrängt.
Ja, das tut gut.
Ich lerne und übe mich darin, mich auf mich zu besinnen, nach innen zu lauschen, die verlorene Mitte ein bisschen wieder zu finden.
Es ist ein einfaches SEIN, und dieses Spüren wieder zu spüren (was für ein Satz!), ist erholsam und gibt Kraft. Hoffe ich.

Kurzum: Ein selbst verordneter „Urlaub“ von all dem da draußen und ein erholsames, bewusstes „Wintern“ … mit leisen Tönen.
Ehrlich, DAS hatte ich seit Jahren nicht mehr.
Es hat gefehlt.
Und ich fange wieder zu schreiben, zu lesen. Nur das Klavier schweigt weiter und das ist richtig so. Ich habe es an Kinder in Dorf verliehen und das stimmt mich innerlich friedlich. Sehr.

Seelenmagersucht

„Wer nicht träumt, lebt nicht mehr“, sagt er und erklärt mir, wie wichtig Träume sind. Damit man überhaupt Freude empfinden könne. Vorfreude vor allem, die bekanntlich die schönste Freude sei und an die real erlebte Freude nicht heranzureichen vermöge. Und eben diese freudenmachende Vorfreude erlebe man nur in Träumen, besser gesagt in Tagträumereien. Das müsse ich doch wissen. Jedes Kind wisse das.
Nein, das weiß ich nicht und Tagträume, erkläre ich, verbäte ich mir schon seit vielen Jahren, denn sie führten zu nichts. Im Gegenteil. Sie brachten nur Enttäuschungen und trügen Albträume mit sich im Gepäck.
„Und deine Seele weint“, antwortet er darauf. Dann schweigt er.
Ich schweige auch und meine Seele weint auch wieder. Eigentlich weint sie immer, doch das sage ich nicht. Das muss keiner wissen.
„Ich habe es neulich im Mentaltraining gelernt“, sagt er nach einer langen Schweigepause. „Unsere Seele braucht Träume, um nicht zu verhungern. Sie braucht dieses Gefühl des Freuens, der Vorfreude.“
„Ich weiß“, flüstere ich. „Fast ist sie auch schon verhungert, meine Seele. Aber sie lässt einfach keine Nahrung mehr zu. Allein bei dem Gedanken daran wird ihr schon übel. Es ist wie bei einer Magersucht. Seelenmagersucht.“
„Und du weißt es?“
Ich nicke. „Seit eben, glaube ich.“
Dann schweigen wir wieder und ich träume von einer Zeit, in der das nicht so war … 

Wir sind viele

Januarbilanz mit Koller! Ein Blick nach draußen: Es ist kalt und weiß und grau. Der Innenblick: Das gleiche Bild. Und still ist es und es wird immer stiller.
Man wagt fast nichts mehr zu sagen, weiß man doch nicht, wie der andere neuerdings tickt und denkt. Man ahnt es und hält lieber den Mund, um keinen Keil in die Beziehung zu treiben.
Aber worüber redet man dann? Über Dinge, die nicht stattfinden (dürfen)? Pläne, die nicht geschmiedet werden können – oder dürfen? Treffen, die nicht… du ahnst es? Genau, die auch nicht sein dürfen. Nur Gespräche, die dürfen sein. Im Idealfall aus fünf oder mehr Metern Entfernung oder noch besser: per Telefon oder Chat oder Stream oder sonst wo auch.
Und worüber spricht man da? Leider nicht über das, was einem am Herzen liegt, denn, siehe oben, weiß man doch nicht, wie der andere gerade tickt oder denkt. Oder man weiß es und erschrickt und stellt alles, was gewesen ist, auf einmal in Frage. Man stellt auch sich in Frage, weil man weiß, dass man eben anderer Meinung ist. Oder auch nur in manchen Dingen etwas abweichender Meinung, was auch schon fast einem Verbrechen zu gleichen scheint und für einen Bruch reicht. Einem Verbrechen an der langen Beziehung, die man zueinander pflegt. Neuerdings, wie gesagt, denn vor einem Jahr noch war alles anders. Normal halt.
Heute schweigt man, um nichts zu zerstören und um das, was man aneinander hat und hatte, in eine bessere Zukunft zu retten. Doch man grollt insgeheim und entfernt sich so doch immer weiter und weiter vom einst guten Freund, der besten Freundin aller Zeiten, der superguten Bekannten und wem auch immer.
Es wird still um einen und einsam. Still und einsam auch die Streifzüge durch die Natur, dem Freund, dem man noch alles erzählen kann, und lauscht den Antworten, die für den Moment trösten. Doch nur da. Vielleicht trifft man unterwegs die Nachbarin, die auch der Einsamkeit in der Einsamkeit zu entfliehen versucht, man freut sich, einander zu sehen, auf Abstand, und denkt fieberhaft über ein unverfängliches Thema nach und … Sie oben.
Es ist nicht nur ein Virus …
Ich mag das alles nicht mehr. Ich möchte wieder ehrlich sein und sagen, was ich denke, allen Bedenken zum Trotz. Was kann auch groß passieren? Alleine ist man so oder so und eigentlich doch nicht, denn wir sind viele und wir werden immer mehr.

Tuch übern Kopf

Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben? Das lassen die ungeduldigen Finger, auf denen die Worte gelangweilt lümmeln und warten, nicht zu. Sie wollen endlich auf Reisen geschickt werden und es ist, als riefen sie „Mach! Mach! Mach endlich los! Genug gefaulenzt!“
Hach ja! Ich seufze. Sie haben ja recht, aber wir stecken zwischen den Jahren und das ist gleichbedeutend mit ‚zwischen den Zeiten‘. Aber lümmeln wir, ähnlich den ungeschriebenen Worten, nicht dieses ganze verdammte Jahr schon irgendwie zwischen den Zeiten herum? Was ist nicht alles geschehen – im Großen wie im Kleinen? Und was ist alles nicht geschehen?
Ich neige dazu, Letzteres höher zu bewerten. Vieles, so vieles ist dieses Jahr nicht passiert und geschieht auch noch immer nicht. Auch meinen Roman habe ich wieder nicht fertig geschrieben, doch das ist noch eines der kleinsten unerfüllten Dinge zum Finale, das, wie mir scheint, nahtloser als sonst das nächste elende Jahr einzuläuten scheint selbst für jene, die sich bemühen, an den Wunderimpfstoff, der alles wieder ins Lot bringen wird (!?), zu glauben.
Oh, ich schwafle, aber besser schlecht geschwafelt als gar nichts gesagt. Es ist aber derzeit auch schwer, überhaupt noch etwas zu sagen, denn wenn uns dieses Jahr eines beschert hat, so sind es die Gräben, die uns und unsere Gedanken, Meinungen, Sorgen, Ängste, Wünsche mehr und mehr voneinander trennen. Was darf ich wo und zu wem und wie noch sagen und was besser nicht?
Ja, ich bleibe dabei: Dieses Jahr bietet zu seinem Ende für einen friedlichen Abschied nur eine Möglichkeit: Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben, zumindest nicht dann, wenn eine gute Portion Selbstmitleid mit von der Partie ist.

Das wäre ja noch schöner!

Irgendwie waren die letzten Wochen etwas heftig, stressig. Ich spüre es in den Knochen, in Geist und Seele und ich lese es zwischen den Zeilen meiner Texte. Es wäre Zeit für eine Aus-Zeit.
„Ha!“, ruft der kleine Zeitgeist. „Das wäre ja noch schöner! Ausruhen? Wo kämen wir denn da hin?“
Ich sehe ihn vor mir. Ein kleiner, zorniger, sehr temperamentvoller Kerl mit einem Vollmondgesicht, das zur Zornesröte neigt.
„Ha!“ Er brüllt es fast, dieses „HA!“
Und ich? Ich muss trotz aller Müdigkeit grinsen.
Ich bücke mich zu ihm hinunter, fasse ihn bei den Ohren, die knallrot werden vor Zorn ob dieser Behandlung, hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schulter. Hier kann er weiter toben und von hier aus hat er auch den besseren Überblick.
Gemeinsam sehen wir – fast wie durch eine Wahrsagerkugel – in die nächste, nicht so ferne Ferne. Und nein, ich zähle nun nicht auf, was wir alles sehen. Es niederzuschreiben würde schon zu sehr anstrengen und für heute habe ich mir eine klitzekleine Stressfreiheit verordnet.
„Ha! Ja! Ha! Aber …“, brüllt er mir da schon wieder ins Ohr, der kleine Zeitgeist. Und er treibt mich weiter und weiter durch dieses aufregend traurige Jahr. Er ist neugierig, begierig, rastlos, ungeduldig … und die Seele, sie taumelt hinterher.