Morgenwiese

Die Morgentränen der Nacht
ruhen auf der Wiese
in den Halmen der Gräser
und Knospen der Blumen
und schmücken sie
kostbaren Schmuckstücken gleich
im Licht der ersten Sonnenstrahlen
mit Abermillionen funkelnder Perlchen,
bevor sie die Reise in jene andere Welt,
die ihnen zur Vorbereitung
auf ihre Wiederkehr dient, antreten.
Es ist ihr Abschiedsgruß an die Nacht
mit Perlengefunkel,
Träne für Träne für Träne,
und ein Danke
an das Leben.

Der Giersch und das Jäten mit allen Sinnen

Sei sanftmütig zum Giersch! Fasse ihn zärtlich an, ziehe nur leicht und denke freundliche Gedanken! Er zeigt sich dankbar und löst sich und seine Wurzeln für einen Moment, um dir entgegen zu kommen. Ein Moment der Schwäche – ja, auch ein Giersch vermag es, Schwäche zu zeigen – und ein zupfender Ruck deiner Hände, und schon hast du ihn elegant dem Boden entrissen, nein, sanft entzogen. Denke weiter freundliche Gedanken und zeige deinen Triumph nicht und das nächste Gierschpflänzlein seufzt in seiner leisen Gier, gestreichelt zu werden, dir schon entgegen und merkt nicht, dass es das nächste Opfer sein wird.
Merke: Denke freundlich, zeige Sanftmut und Geduld, und selbst die Wildkräuter, die geduldeten, danken es dir dann mit einem freundlichen Entgegenkommen. Bedanke auch du dich bei ihnen! Streichle ihre bebenden Blätter, bevor du sie mit Schwung auf den Komposthaufen pfefferst. Pssst!
.
Merke:
Jäte Unkraut mit Achtsamkeit und meditativen Gedanken!
Setze dich ruhig hin ins Gras oder auf einen von der Sonne gewärmten Stein! Schließe die Augen! Genieße den Moment! Lausche!
Konzentriere dich auf all das, was du hörst!
Versuche die Laute, die dein Ohr und deine Seele erreichen, aufzuzählen und zu beschreiben.
Lausche nun!
.
Und ja, ich lausche nun auch, gebe mich ganz dem Moment hin und höre:
Spatzengezwitscher, Wildbienengesumm, Grillengegrille, Vogelgesang, Meisengezirpe, Spatzengezwitscher, ein Flugzeug, den Briefträger, Hahnenkrähen, Amselgesang, ein Auto, noch ein Auto, Wassergeplätscher, Käfergebrumm, noch mehr Grillen, Spatzengezwitscher, der Nachbar kommt nach Hause, und noch ein Auto, ein Motorrad, zwei Traktoren, Spatzengezwitscher, Bussarde am Himmel, Taubengurren, ein Traktor, der Milchlaster, Kuhmuhen, Spatzengezwitscher, Buchfinksonate, Hummelbrummeln, Hundebellen, eine Frauenstimme, nein zwei, Spatzengezwitscher, Handygebimmel, wieder ein Traktor, drei Autos, ein Fahrrad, Gänseblümchengekicher, Motorrad, die Telekom, Spatzengezwitscher, eine Autotür und … Spatzengezwitscher
Und das alles in zehn Minuten.
Dorfstille zur Mittagszeit.
Und die Spatzen, die zwitschern noch immer. Wie immer klingt es, als würden sie streiten.
Nur der verbliebene Giersch schweigt mit gesenkten Blättern. Er verdaut noch den Schrecken. Vielleicht trauert er auch seinen gejäteten Kollegen hinterher?


Prachtvoller Giersch

Für einen Tag nur

Für einen Tag nur, dafür aber prächtig, kräftig, anziehend und fotogen.
Ein kleines Kunstwerk für sich ist sie, die Taglilie, die ihrem Namen alle Ehre macht. Ihre Einzelblüten entfalten tatsächlich nur für einen Tag ihre orange-rot-braun-farbene Pracht.
Schade eigentlich. So einen Aufwand für einen Tag nur? Lohnt sich das?

Was für eine Frage! Nur ein Stadtmensch, ein Zeitfresser und -stresser, wie ich es bis vor Kurzem gewesen war (und zu oft auch noch immer bin), kann sie stellen. Ist doch jeder Tag für sich etwas ganz Besonderes, jede Stunde, jede Minute, jeder Moment. (Kapiert man erst, wenn man gerade „lernt“, sich an ländliche Gemütlichkeit und Langsamkeit zu gewöhnen).
Es sind viele  Momente also auch im Leben einer eintägigen Tagblütenblüte, und jeder einzelne davon erzählt seine eigene Geschichte, so man denn einen Moment des Lauschens und/oder des Erzählens erübrigen kann.
Kann ich?
Ja, ich kann. Jeden Moment, jede Stunde, jeden Tag ein bisschen mehr.
Und du? Kannst du es auch?

Sie lasen: Eine Lektion des ländlichen Entstressungskurses am Beispiel des Tages einer Taglilie.

Noch ein Nachtrag: Taglilien kann man essen, lese ich gerade.
Warum, frage ich mich, denkt der Mensch bei allem, was er sieht, erst einmal ans Essen oder Verwerten? Ich ziehe es vor, Taglilienblüten mit den Augen – und mit der Seele – zu verspeisen.

 

Viele Taglilien „tagblühen“ in unserem wilden neuen alten Bauerngärtchen oder wie hier vor dem Haus. Sind sie nicht faszinierend?

Blaue Stunde

Heute Morgen wollte sich die Blaue Stunde so gar nicht von der Bühne verabschieden.
Sie flirtete noch ein Weilchen mit der Sonne, die sich ihren Aufgang durch den sommerlichen Frühnebel schwer erkämpfen musste, und reichte ihr die Hand.
Ich glaube, sie wollte mit ihr und dem beginnenden Tag ein wenig spielen.
Mit einem Lächeln habe ich den Beiden zugeschaut … und obwohl das Waldleben in diesem Augenblick mucksmäuschenstill verharrte, war mir, als schauten unzählig viele Augen diesem Spiel zu.
Wie ein Raunen ging es durch den Wald, über die Baumwipfel bis hoch in die Lüfte, als sich die Blaue Stunde schließlich zurückzog und der Sonne ihren Platz am Himmel einräumte.
Ein Raunen aus Abertausend und mehr klitzekleiner Stimmchen.
Meine Stimme war eine davon.

Maikäferbesuch

DER MAIKÄFER

Dann ist da doch noch einer. Fast hätte ich vergessen, dass es sie in diesem Frühjahr überhaupt gibt. Maikäfer!
Einer hat es bis in den Garten geschafft, und geschafft sieht er auch aus. Geschafft und kaputt irgendwie. Kläglich verkrümmt liegt er nur wenige Schritte vor der Gartentür und regt sich nicht. Ich rede ihm gut zu und, ja, ich gebe es zu, ich verpasse ihm einen leichten Stupser. Der hilft.
Müde und irgendwie gelangweilt kriecht der Käferkerl weiter seines Wegs. Er hat keine Lust zum Fliegen. Auch die duftenden, lecker frischen Birken-, Buchen- und Kirschbaumblätter, interessieren ihn nicht. Ich glaube, er ist satt. Vom Futtern. Vom Regen. Vom Mai. Vom Käferleben.
Armer kleiner müder Käfer!

Umso aktiver ist die Amsel, die in der Spitze der Birke sitzt und darauf lauert, dass ich ihr den Weg frei zum Käfer mache.
Keine Chance. Meinen ersten Maikäfer, der in diesen späten Maitagen wahrscheinlich auch der letzte für dieses Jahr sein wird, gebe ich nicht dem gefräßigen Feind preis. Such dir ein anderes Opfer, Amsel!
Vorsichtig bette ich den faulen Kerl auf ein Salbeiblatt und versteckte ihn im Blumentrog. 
Dort liegt der nun, stellt sich tot wie Herr Sumsemann in Peterchens Mondfahrt und … ja, und fast habe ich das Gefühl, er gefällt sich in dieser Rolle. Er bleibt ein toter Mann, pardon, Käferkerl. Er hat Zeit.
Die Amsel nicht. Die ist hungrig und irgendwann wird es ihr dumm, weiter zu warten.
Mir auch.
Wir lassen ihn alleine in seiner Agonie. Vielleicht hat er ja wirklich die Nase voll von diesem nassen Erdenleben und übt schon einmal das Totsein?

„Bis später, du trauriger Kerl!“ Ich trolle mich zu meinem Schreibtisch, doch konzentrieren kann ich mich nicht mehr. Immer wieder denke ich an den kleinen müden Trauerkloß draußen im Blumentrog und wenige Minuten später schaue ich doch noch einmal nach ihm.
Er ist verschwunden.
Na bitte! Geht doch!
Oder hat doch die Amsel ein wenig „nachgeholfen“?

So viele kleine und klitzekleine Geschichten weiß die Natur zu erzählen.
Und ich überlege mir, wie das ist mit Käfern, die auf dem Rücken liegen. Hat Kafka recht, wenn er in seiner „Verwandlung“ an einer Stelle behauptet, ein Käfer, der einmal auf dem Rücken läge, könne aus eigener Kraft nicht mehr aufstehen? Oder ist es schriftstellerische Freiheit?



Totgestellt