Wintertraum

Du öffnest die Augen und siehst das weiße Weiß. Schnee! Ringsum nur Schnee und blauer Himmel. Die tief stehende Wintersonne lässt Schneeflockensternchen und Eiskristalle glitzern und funkeln. Sie verwandelt das Land in ein Zauberland.
Du staunst und spürst, wie die Freude dein Herz jenes Bisschen schneller schlagen lässt, das sich anfühlt wie das erste große Verliebtsein. Du genießt dieses Gefühl. Tief atmest du ein. Die frische, klare, frostige Schneeluft möchtest du einatmen. Das Prickeln der Kälte auf deinem Gesicht willst du spüren. Jenes eisig kalte Prickeln, das sich anfühlt, als pickten kleine Nadeln auf deinen Wangen. Und das Kribbeln an Füßen und Fingerspitzen. Du möchtest spüren, wie eine trockene Schneekälte langsam durch die dicke Wolle deiner Socken und Handschuhe kriecht und sich auf Zehen und Finger legt. Jenes ‚Winterkribbeln‘, bei dem du dich lebendig fühlst und das sich verstärkt, wenn du aus der Kälte ins warme Zimmer kommst.
Na, spürst du es?
Ich tue es gerade auch und ich kann dir sagen: Es ist saukalt und es sind „nur“ noch 48 Tage bis Frühlingsanfang.
Ich schließe die Augen und träume mich hinaus … auf eine Löwenzahnwiese. 💛🌼

Gerade im Wald

Lausig kalt war es heute Morgen und mehr als dreißig Minuten habe ich es beim täglichen Waldgang nicht ausgehalten. Ganz sacht schlichen sich ein paar wenige Schneeflocken vom Nebelwolkenhimmel und das sah sehr stimmungsvoll aus. Dennoch war  etwas ganz anders als es in den letzten Waldwintertagen gewesen ist. Vögel. Überall traf ich Vögel, und die waren im sonst so stillen Winterwald heute gar nicht still. Die Bussardfamilie, die seit Jahrzehnten schon ihren Horst oben im Berg hat, schwebte – erregt irgendwie – mit lauter Unterhaltung (es klingt wie Möwen am Meer) über die Bäume und übers Tal. Raben – oder Krähen? – krächzten und dazu, das war das Wundervolle, kleine Vögel tschilpten und zwitscherten und sangen so fröhlich, als hätte sich für heute noch der Frühling angekündigt. Leider kenne ich mich mit Vogelarten wenig aus. Meisen waren es auf jeden Fall, Finken und sogar der Regenpfeifer erzählte mir, dass es heute wohl Regen – naja, Schnee eher – geben würde. Bis nach Hause haben sie mich singend und tschilpend begleitet. Wäre es nicht so verdammt kalt gewesen, ich hätte geschworen, es sei März.
Wundervolle Momente waren es und wundersam zugleich – und nun überlege ich, was mir die Vögel wohl erzählen wollten? Hat die Kältezeit ein Ende? Für die Waldtiere sicher ein Segen. Doch insgeheim wünsche ich mir doch, dass diese schneefröhliche Winterphase noch ein Weilchen andauern möge. Und auch wieder nicht. Man weiß ja gerade nicht mehr, was man sich wünschen soll und was lieber nicht.

Abschiede, viele kleine

Am Mittag endlich triumphiert die Sonne über das Nebelgrau, das seit Tagen schwer über dem Tal liegt, und lässt die Spätnovemberwelt in einem warmen Licht erstrahlen. Sie gibt noch einmal alles und ich winke ihr dankbar zu.
Sie sieht es nicht, sie hat Besseres zu tun, und ich auch. Es ist der perfekte Tag für die vielen kleinen Abschiede im Garten. Mit Besen, Schere, Hacke, Spaten und Abfallkorb. Und mit Wehmut im Herzen.
Nur ungern rupfe ich die Pflänzchen, die mir in den letzen Monaten ans Herz gewachsen sind, aus der Erde. Traurig sehen sie aus, verdorrt und ausgelaugt und nur noch wenig lebendig. Immer wieder schließe ich die Augen und sehe sie so vor mir, wie sie vor kurzem noch waren: Strahlend, bunt, lebensfroh. Sie haben mir gute Laune und manchmal auch Trost geschenkt und ich danke ihnen nun, während ich die letzten Samenkapseln sammle. Adieu, ihr Lieben! Es war schön mit euch.
Ich schalte Gedanken und Gefühle aus und tue, was getan werden muss. Und nun ruhen sie auf einem großen Resteberg in der hinteren Gartenecke. Ich bedecke sie mit ein paar Tannenzweigen und wünsche ihnen ein gutes Ruhen. Und da ist mir, als winkten sie mir zu und für einen Moment leuchten ihre lieben Gesichter nochmal fröhlich bunt und strahlend auf.
Ja, ich habe es genau gesehen. Du glaubst mir nicht?

Nebelgeister

Ganz alleine bin ich heute im  Nebel unterwegs. Sie gehört ganz mir, diese helle Nebelwelt, die eine freundliche, stille Welt ist.
Langsam, andächtig fast, schlendere ich durch die Wolken. Nebelgeister mit ausladend weiten grauen Armen, die an Nichtnebeltagen nichts weiter als Bäume sind, begleiten mich auf meinem Weg. Manche nicken mir zu und werfen mir ein paar letzte braune oder gelbe Blätter , die langsam durch die Nebelluft trudeln und mit einem sanften Knistern zu Boden fallen, zu.
Auf einem dieser Nebelgeister sitzen zwei Raben. Sie krächzen mir ihr Nebellied zu. Krah! Krah!
Ich winke ihnen und folge dem Weg weiter bergan in die Weite des Nebelwaldes. Noch lange begleitet mich das „Krah! Krah!“ der Raben. Dann ist es wieder still.
Eine Stille, die gut tut. Ich bleibe stehen, blicke mich um. Man kann sie sehen, die Stille. Wohl und geborgen unter dem Schleier der Stille.
Tief atme ich ein. Es duftet nach November, Blättern und feuchter Erde, nach Tannenzapfen, Harz und ein bisschen auch nach Zuckerwatte und Zimt.
Hmmm …
Ich genieße diese Stille und diesen Duft noch ein Weilchen.
Dann verabschiede ich mich von der stillen Welt des Nebelwaldes. Mehr Romantik trage ich für diesen Tag nicht in mir.

Den Blättern hinterher geträumt

Tagträume. Sie sind wieder da und ich nehme sie liebevoll in den Arm, liebkose sie, hege sie und gebe sie nicht mehr her. Wer nicht tagträumt, lebt nicht mehr (richtig), die Bilder im Kopf sind schwarz-weiß, die Seele schwächelt grau vor sich hin. Traumlos eben. Traumlos ist ziellos, ist freudlos. Getagträumtes macht das Leben bunter und so mancher Traum wandert mit in die Realität und machen das Leben bunter. Verrückter. Lebenswerter halt.
Träumend, die Waldruhe genießend, sehe ich heute den Blättern, die der Wind von den Bäumen zupft, hinterher – und ich begleite sie für eine Weile auf ihre fröhlichen Reise durch die Luft. Manche schaffen es im Aufwind weit nach oben in die Lüfte und verschwinden auf Nimmerwiedersehen im Irgendwo. Andere plumpsen nach einem kurzen Trudeln zu Boden, wo sie sich mit vielen gelb, rot, braunen Kollegen treffen und zu einer Abschiedsfete auf dem Boden zusammenrollen. Was sie sich wohl alles zu erzählen haben?
Der Versuch, mich ganz klein zu machen und für ein Weilchen mit ihnen zu feiern und Spaß zu haben, scheitert. In der Wirklichkeit. Nicht aber im Traum.

Und dieser Ausflug ins Träumen muss heute sein. Eine kleine Flucht vor den Nachrichten und den Realitäten, die so schräg wieder anmuten, dass man meinen könnte, man befände sich in einem skurrilen dystopischen Roman, einem heiter bitteren Narrenspiel. Mehr sag ich heute nicht zur aktuellen Lage. Es reicht, dass mein Kopf meint, gleich überlaufen zu müssen. Schnell zurück zu den Träumen.