Macht’s gut

Aufgewühlt der Himmel heute.
Aufgewühlt auch ich.
Aufgewühlt die Stare, die sich den ganzen Vormittag schon am Himmel versammeln.
Aufgewühlt. Aufgeregt. Geschwätzig. Reisefiebrig.
Viele quirlige Pünktchen malen dunkle Tupfer überall an den Himmel.
Laute Tupfer.
Sie tanzen ihren Abschieds-Himmelstanz. Laut und dennoch verhalten fröhlich.
Sie müssen ziehen, aber sie gehen nicht gerne.
Scheint mir.
Ich hebe die Hände, will hinauf greifen, die Finger in die Wolken tauchen und sie alle festhalten, diese Starenpünktchen.
„Bleibt!“, will ich rufen. „Geht noch nicht. Euch bleibt noch Zeit.“
„Zeit. Zeit. Weit. Soweit. Bereit.“ So hallt es mir entgegen.
Ich schweige. Ich begreife. Lasse los.
Was sonst?
„Tschüs! Macht’s gut. Und kommt heil wieder, hört ihr?“, murmle ich.
Ich murmle es leise.
Sie haben nämlich keine Zeit mehr, mir zuzuhören.
Und dann, einen Augenblick später, sind sie weg.
Wolken ziehen auf. Sie bringen kühle Luft mit.

 

 

Hast du schon mal eine Blume gestreichelt? 

Hast du schon mal eine Blume gestreichelt?
Jetzt in dieser Jahreszeit möchtest du jede liebkosen und ihr ein „Bleib noch ein bisschen!“ und ein „Lass dich nicht unterkriegen“ zuflüstern. Festhalten möchtest du sie mit allen Fasern deines Seins, mit deinen Händen, deiner Nase, deiner Seele, die immer hungrig ist auf Blütenfarben und Blütendüfte. Im Frühling ganz besonders, wenn die Sehnsucht ins Unermessliche gestiegen ist und wieder im Herbst, wenn Abschiedsschmerz und Wehmut dein Gemüt mit nostalgischen Gedanken und Gefühlen besetzt, während du im Sommer sie, die Blumen, gerne achtlos zu übersehen neigst. Es gibt ja so viele von ihnen. Der Fluch der Fülle. Und der der reuigen Gedanken, die dich im Herbst jeden Tag mehr beschleichen, bedeutet doch jeder Tag mehr ein leises Abschiedsnehmen.
Du beschwörst nun die Sonne, sich nicht von Wolken und Nebelschleiern vertreiben zu lassen und den wenigen verbliebenen Oktoberblümchen im Garten und auf den Wiesen ringsum mit ihren Strahlen noch viel Kraft zu schenken, auf dass diese noch lange, lange, lange am Leben bleiben mögen.
Wie wertvolle Schätze behandelst du sie nun, deine Blümchen, und du verfluchst die Nebelschwaden, die sich in den Morgenstunden über sie legen und ihnen die Kräfte – und ein bisschen auch den Mut zum Weiterleben – rauben.
Doch dann, wenn die Sonnenstrahlen die depressive Nebelsuppe für diesen Tag doch wieder überwinden konnten, gehst du hinaus, begrüßt die überlebenden Blümchen, die gelb, rosa, rostfarbenen Zinien, die bunten Dahlien, die Astern, Cosmeen, Nelken, Rosen und Malvenblüten, und bedenkst sie mit zärtlichen Koseworten. Worten, die du sonst nur für liebe Menschen, Katzenbabys und Hundewelpen findest. Deine Hand streicht zärtlich über Blütenköpfe und du staunst. Samtweich fühlen sie sich an, wie das Fell junger Hunde. Und dann weinst du ein bisschen und das ist gut so.
Sie ist eine sensible Zeit, die Zeit des Oktobers, der windschnell durch die Tage rast und dir die letzten Sommerreste raubt. Du darfst sie zeigen, die Gefühle, die dir diese Momente des Abschiednehmens bescheren. Ja, das darfst du. Mit Tränen.

Archibald Hektor Ludorus Salamandros

Kühl ist es heute. Ich friere in meiner Jeansjacke und drehe bibbernd meine Morgenrunde. Die kleine heute.
Fast über Nacht ist der Wald gelb geworden. Herbstlaubgelb. Und dieses Gelb strahlt so fröhlich und hell im Nebelgrau, dass man meint, die Waldwege seien in ein ockerwarmes Sonnenlicht getaucht. Es ist, als ersetzten die gelben Blätter die Sonnenstrahlen, die es heute nicht schaffen, hinter den Wolken hervorzublinzeln. Ich freue mich an den vielen kleinen ‚Blättersonnen‘, die mit tausenderlei hellen Lichtblinkern den Wald bemalen.
Aber ich freue mich nicht lange heute. Dieser Nebel! Ich friere.
„Boah, ist das kalt geworden!“, sage ich.
„St-st-stimmt“, höre ich da ein Stimmchen am Wegrand. „Lausig kalt. Ich friere.“
Wer spricht da? Ich schaue mich um und es dauert eine Weile, bis ich ihn zwischen gelben und braunen Blättern entdecke. Archibald Hektor Ludorus Salamandros, meinen Freund aus dem Sommer.
Ich erschrecke. Längst sollte der kleine Kerl in seinem Winterlager sein und schlafen. Und genau das sage ich ihm auch.
„Schlafen?“, schnaubt er widerwillig. „Würde ich gerne. Liebend gerne.“
„Und was hindert dich dann daran?“
„Nichts hindert. Niemand hindert!“, antwortet er nach einer kleinen Pause. Er zwinkert mir zu, dann stolziert er mit hoch erhobenem Kopf ein Stück hangaufwärts und verschwindet mit einem letzten Abschiedsrascheln zwischen zwei Steinen am Fuße einer Baumwurzel.
Ich wische mir eine Träne aus den Augenwinkeln.
„Tschüs! Und mach’s gut! Und auf bald im neuen Jahr!“, rufe ich ihm hinterher, doch wie immer bei unseren Begegnungen antwortet er mir auch dieses Mal nicht.
Er ist ein grußloser, ein eigensinniger Herr. Aber ich liebe ihn.
„Pass auf dich auf, Archibald Hektor Ludorus Salmatandros“, murmele ich und gehe weiter.
Mir ist nun wirklich kalt.

Geknickt

Geknickt sagt das Pilzchen dem Herbsttag Adieu. Es hätte so gerne noch ein wenig den Himmel gesehen, die Bäume, die Blätter, die Welt. Doch die Zeituhr seines kurzen Pilzlebens schlägt einen anderen Takt und so wird sein Herbstlied leise verhallen im Wechsel des Lichts.
„Adieu!“, knoddert auch der kleine Käfer und steckt seinen Rüssel gierig in das zitternde saftige Fleisch des Pilzes. Er isst sich noch einmal satt.
„So ist es nun mal, das Leben“, murmelt die Amsel, die sich für den Flug nach Süden rüstet. Sie pickt nach dem Käfer und nimmt ihn mit auf die große Reise. Und so fliegt auch ein kleines, ein klitzekleines Stückchen des sterbenden Pilzchens mit und ein neues Abenteuer beginnt.

Geknickt bin auch ich ein wenig. Der Herbst ist nicht meine liebste Jahreszeit. Mit Abschieden tue ich mich schwer. Zum Glück muss ich keine hungrigen Käfer und Amseln fürchten …

Alte Weiber

Alte ‚Weiber-
Spinnenleiber
malen Spuren zart ins Land
Wie gesponnen,
so zerronnen.
Endlichkeit, der Zeiten Pfand.

Tage gehen,
Winde wehen,
pusten fort den Silberglanz.
Fäden beben.
Silbrig schweben
sie im letzten Abschiedstanz.

Fäden weben,
Fäden kleben,
immer weiter dreht das Jahr
seine Runde
Stund‘ um Stunde.
Nichts ist mehr, wie es mal war.