Bei den Ahnen

Vorgestern habe ich meine Ahnen besucht. Das geht nicht? Das ist Aberglaube, Einbildung, esoterischer Kram? Ja, das habe ich auch gedacht, obwohl ich schon viel Sinn fürs Übersinnliche habe und an manchen Schamanen genau so glaube wie an die vielen kleinen Geisterchen in der Natur. Aber die Ahnen besuchen? No way. Dachte ich.
Nun hat man mich eingeladen zu einem dreistündigen  Webinar – Versöhnung mit den Ahnen. Versöhnung klingt immer gut, denke ich, und ich lasse mich darauf ein, schalte mich in das Zoom-Meeting dazu und harre der Dinge. Skeptisch. Lächelnd. Wissend. Überheblich fast. Und doch beschließe ich, es zuzulassen, mitzugehen, mich treiben zu lassen.
Eine gute Entscheidung. Ich lasse mich treiben und besuche in der ersten Meditation mit Anleitung der Moderatorin die mütterliche Ahnenreihe der Frauen meiner Familie. Das waren lauter Nette, so die Überlieferung. Leichte Sache also, denke ich und schließe die Augen. Ich sehe und höre und rieche und fühle nichts, weder bei den Worten der Führenden noch beim Trommelgetrommel. Im Gegenteil, es nervt ein bisschen … und genervt, sehr genervt komme ich von dieser Reise zurück. Ich bin nervös geworden, der Puls rast, das Cortisol feiert Party in meinen Adern, ich will hier rrrrraus!
Okay, denke ich, diese Parallelwelt ist nichts für mich und als ich die Kommentare der anderen, die Was-weiß-ich-noch-alles gesehen, gefühlt, geschmeckt haben, lese, sehe ich mich in meiner Meinung bestätigt: Das ist nichts für mich, mir fehlt dazu die Fantasie, obwohl ich eigentlich viel davon habe. In dieser Welt und in meinen eigenen kleinen Welten.
Pause. Ich hole die Post, packe ein Paket aus, koche einen Kaffee, träufle mir wie ferngesteuert ein paar Tropfen Williams Christ (wirklich nur ein paar, denn ich trinke nie Schnaps) in das heiße Gebräu (Warum mache ich das? Das habe ich doch noch nie gemacht!?) und beschließe, das Webinar abzubrechen. Nun nämlich kommen die Männer der männlichen Linie an die Reihe und das sind, soweit ich von ihnen weiß, alles überhaupt keine Netten. Die muss ich mir nicht antun. Besser, ich gehe in den Wald.
Und dann schließe ich doch folgsam die Augen, als die zweite Runde beginnt und fühle wieder nichts. Dieses Mal ist es eine Rassel, die die Versöhnung mit den Ahnen einleitet und meine Ohren quält. Laut, zerrend, eklig. Ich will schreien, doch es geht nicht. Also dulde ich. Endlich ist die Qual zu Ende, ich öffne die Augen und überlege, ob ich einen etwas ironischen Kommentar schreiben soll so nach dem Motto, ich hätte mich im Urwald wiedergefunden und … Nein, diese krude Fantasie will ich hier nicht wiederholen. Ich öffne also die Augen und spüre … nichts. Aber gar nichts. Ich bin einfach nur ruhig. Sehr ruhig. So ruhig, wie ich unruhiger Geist es seit Jahren nicht mehr gewesen bin.
Habe ich noch Puls? Ich checke das. Ja, er schlägt noch, ruhig, angenehm ruhig. Schööön. Es ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Diese Ruhe in mir! Diese tiefe Ruhe, als läge ich frei von allen nervenden Gedanken auf einer Wolke und schwebe so vor mich hin. Und nein, es kommt nicht vom Schnaps im Kaffee, die Tasse steht noch unberührt vor mir, erkaltet. Ich probiere einen Schluck und kippe den Rest in den Ausguss. Brauch ich nicht. Jetzt nicht.
Mal sehen, wie lange die Ruhe anhält, lästert ein Teufelchen in mir.
Egal, knurre ich. Wichtig ist, sie überhaupt mal wieder zu spüren, dieses sorglose  Gefühl, die Freiheit per se.
Und mit zwei Tagen Abstand kann ich sagen: Es ist immer noch da. Und ich bin verwirrt. Sehr sehr verwirrt. Was ist da mit mir geschehen?

Im Farbrausch … oder so

In der Verhaltensforschung nennt man es Übersprunghandlung und vielleicht ist das mit den Farben und mir so etwas Ähnliches. Ein Leben lang nämlich haben sie mich nicht interessiert. Ich habe sie eher so nebenbei wahrgenommen und irgendwie farblos war meine Sicht aufs Leben wohl auch. Das klingt hart im nachhinein, aber ich empfinde es so.
Mein „Farbrausch“ früher beschränkte sich auf blaue und weiße Blümchen im Garten, im Trögen und Töpfen am Fenster. Blau – weiß. Immer blau weiß (auch die Kleidung – blaue Jeans, weißes Shirt) und heute klingt das für mich irgendwie wie schwarzweiß und fast ein bisschen depressiv.
Rot hasste ich, Gelb auch, es sei denn, es war pastellgelb. Und Grün? Na ja, das war Natur halt.
Mein Verhältnis zu Farben hatte etwas Autistisches.
Ganz anders heute. Welche Farbe ist heute meine aller-allerliebste? Richtig. Rot. Und Gelb und Orange und türkisblau und und … und sie tun mir richtig gut, diese Farben. Ich weiß nicht, wie ich dieses erste Jahr ohne meinen Mann überstanden hätte ohne sie. Immer, wenn die Lustlosigkeit kommen wollte, habe ich angefangen, mich mit all den Farben, die ich in seinem Arbeitszimmer in einer Schublade gefunden hatte, auszutoben. Aber so richtig und ganz ohne Plan und mit dem Wissen, ich kann gar nicht malen. Und das versuche ich gerade zu ändern. Ich will es lernen und nie nie mehr ohne Farben leben.
Und wieder bin ich im Rausch. Im Mal-Lern-Rausch. Täglich sitze ich vor anderen Online-Workshops, Webinaren und Maltreffs und sauge diese neue Welt in mich auf und sie tut so gut.
Und du? Kennst du auch dieses Rauschgefühl? Trau dich! Male, auch wenn du gar nicht malen kannst. Egal. Es ist so egal. Die Freude im Tun, die ist es, die zählt.

(Judith, du fragtest mal nach Onlineangeboten. Soll ich hier mal eine Liste hier posten?)

* Das Bild im Header entstand in einer Twitterchallenge #KlasseKunst nach einer Vorlage von Maurice de Vlaminck (Der Künstler möge mir verzeihen😊)

Verwaist

Ach, liebes Blog, ich bin dir untreu derzeit mit meinem Schweigen. Entschuldige. Aber versteh: ich musste in den letzten Tagen eine so schwere Entscheidung fällen, die mein berufliches Leben ziemlich verändert hätte. Ins Positive … wahrscheinlich. Aber, liebes Blog, ich hätte mich selbst dabei ein Stück verloren und damit kam ich nicht klar. Heute Nacht habe ich die Absage zu diesem großartigen Angebot geschrieben und fühle mich freier, auch wenn ich nun nicht „berühmt“ werde. Aber was ist wichtiger, liebes Blog? Sag du es mir. Nein, ich weiß es selbst. Dennoch ist mir gerade ziemlich blümerant zumute. Entscheidungen wollen gut verdaut sein, ist es so?
Ach, was frage ich dich? Aber danke, dass du mir zugehört hast.
😊😉

Die leise Zeit

Nein, ich bin wahrlich kein Wintermensch. Dennoch, diese frostigen Tage genieße ich gerade. Sehr sogar. Sie bringen Stille. Sie bringen Ruhe. Die Unruhe der letzten Monate und Wochen lässt nun doch langsam nach und mir gelingt immer öfter, einfach einmal nichts zu tun. Auch nicht zu bloggen 😊
Es tut gut, am Fenster zu stehen und den wirbelnden Schneeflocken zuzusehen.
Es macht Spaß, dick eingemummelt durch den Winterwald zu stapfen und – pssst – der Stille, die gar keine Stille ist, zu lauschen.
Es ist interessant zu spüren, wie die Natur all den Stress und das Ungute im und beim „Menscheln“ deutlich macht und das Negative langsam für ein paar stille Momente verdrängt.
Ja, das tut gut.
Ich lerne und übe mich darin, mich auf mich zu besinnen, nach innen zu lauschen, die verlorene Mitte ein bisschen wieder zu finden.
Es ist ein einfaches SEIN, und dieses Spüren wieder zu spüren (was für ein Satz!), ist erholsam und gibt Kraft. Hoffe ich.

Kurzum: Ein selbst verordneter „Urlaub“ von all dem da draußen und ein erholsames, bewusstes „Wintern“ … mit leisen Tönen.
Ehrlich, DAS hatte ich seit Jahren nicht mehr.
Es hat gefehlt.
Und ich fange wieder zu schreiben, zu lesen. Nur das Klavier schweigt weiter und das ist richtig so. Ich habe es an Kinder in Dorf verliehen und das stimmt mich innerlich friedlich. Sehr.

Das wäre ja noch schöner!

Irgendwie waren die letzten Wochen etwas heftig, stressig. Ich spüre es in den Knochen, in Geist und Seele und ich lese es zwischen den Zeilen meiner Texte. Es wäre Zeit für eine Aus-Zeit.
„Ha!“, ruft der kleine Zeitgeist. „Das wäre ja noch schöner! Ausruhen? Wo kämen wir denn da hin?“
Ich sehe ihn vor mir. Ein kleiner, zorniger, sehr temperamentvoller Kerl mit einem Vollmondgesicht, das zur Zornesröte neigt.
„Ha!“ Er brüllt es fast, dieses „HA!“
Und ich? Ich muss trotz aller Müdigkeit grinsen.
Ich bücke mich zu ihm hinunter, fasse ihn bei den Ohren, die knallrot werden vor Zorn ob dieser Behandlung, hebe ihn hoch und setze ihn auf meine Schulter. Hier kann er weiter toben und von hier aus hat er auch den besseren Überblick.
Gemeinsam sehen wir – fast wie durch eine Wahrsagerkugel – in die nächste, nicht so ferne Ferne. Und nein, ich zähle nun nicht auf, was wir alles sehen. Es niederzuschreiben würde schon zu sehr anstrengen und für heute habe ich mir eine klitzekleine Stressfreiheit verordnet.
„Ha! Ja! Ha! Aber …“, brüllt er mir da schon wieder ins Ohr, der kleine Zeitgeist. Und er treibt mich weiter und weiter durch dieses aufregend traurige Jahr. Er ist neugierig, begierig, rastlos, ungeduldig … und die Seele, sie taumelt hinterher.