Wir sind viele

Januarbilanz mit Koller! Ein Blick nach draußen: Es ist kalt und weiß und grau. Der Innenblick: Das gleiche Bild. Und still ist es und es wird immer stiller.
Man wagt fast nichts mehr zu sagen, weiß man doch nicht, wie der andere neuerdings tickt und denkt. Man ahnt es und hält lieber den Mund, um keinen Keil in die Beziehung zu treiben.
Aber worüber redet man dann? Über Dinge, die nicht stattfinden (dürfen)? Pläne, die nicht geschmiedet werden können – oder dürfen? Treffen, die nicht… du ahnst es? Genau, die auch nicht sein dürfen. Nur Gespräche, die dürfen sein. Im Idealfall aus fünf oder mehr Metern Entfernung oder noch besser: per Telefon oder Chat oder Stream oder sonst wo auch.
Und worüber spricht man da? Leider nicht über das, was einem am Herzen liegt, denn, siehe oben, weiß man doch nicht, wie der andere gerade tickt oder denkt. Oder man weiß es und erschrickt und stellt alles, was gewesen ist, auf einmal in Frage. Man stellt auch sich in Frage, weil man weiß, dass man eben anderer Meinung ist. Oder auch nur in manchen Dingen etwas abweichender Meinung, was auch schon fast einem Verbrechen zu gleichen scheint und für einen Bruch reicht. Einem Verbrechen an der langen Beziehung, die man zueinander pflegt. Neuerdings, wie gesagt, denn vor einem Jahr noch war alles anders. Normal halt.
Heute schweigt man, um nichts zu zerstören und um das, was man aneinander hat und hatte, in eine bessere Zukunft zu retten. Doch man grollt insgeheim und entfernt sich so doch immer weiter und weiter vom einst guten Freund, der besten Freundin aller Zeiten, der superguten Bekannten und wem auch immer.
Es wird still um einen und einsam. Still und einsam auch die Streifzüge durch die Natur, dem Freund, dem man noch alles erzählen kann, und lauscht den Antworten, die für den Moment trösten. Doch nur da. Vielleicht trifft man unterwegs die Nachbarin, die auch der Einsamkeit in der Einsamkeit zu entfliehen versucht, man freut sich, einander zu sehen, auf Abstand, und denkt fieberhaft über ein unverfängliches Thema nach und … Sie oben.
Es ist nicht nur ein Virus …
Ich mag das alles nicht mehr. Ich möchte wieder ehrlich sein und sagen, was ich denke, allen Bedenken zum Trotz. Was kann auch groß passieren? Alleine ist man so oder so und eigentlich doch nicht, denn wir sind viele und wir werden immer mehr.

Tuch übern Kopf

Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben? Das lassen die ungeduldigen Finger, auf denen die Worte gelangweilt lümmeln und warten, nicht zu. Sie wollen endlich auf Reisen geschickt werden und es ist, als riefen sie „Mach! Mach! Mach endlich los! Genug gefaulenzt!“
Hach ja! Ich seufze. Sie haben ja recht, aber wir stecken zwischen den Jahren und das ist gleichbedeutend mit ‚zwischen den Zeiten‘. Aber lümmeln wir, ähnlich den ungeschriebenen Worten, nicht dieses ganze verdammte Jahr schon irgendwie zwischen den Zeiten herum? Was ist nicht alles geschehen – im Großen wie im Kleinen? Und was ist alles nicht geschehen?
Ich neige dazu, Letzteres höher zu bewerten. Vieles, so vieles ist dieses Jahr nicht passiert und geschieht auch noch immer nicht. Auch meinen Roman habe ich wieder nicht fertig geschrieben, doch das ist noch eines der kleinsten unerfüllten Dinge zum Finale, das, wie mir scheint, nahtloser als sonst das nächste elende Jahr einzuläuten scheint selbst für jene, die sich bemühen, an den Wunderimpfstoff, der alles wieder ins Lot bringen wird (!?), zu glauben.
Oh, ich schwafle, aber besser schlecht geschwafelt als gar nichts gesagt. Es ist aber derzeit auch schwer, überhaupt noch etwas zu sagen, denn wenn uns dieses Jahr eines beschert hat, so sind es die Gräben, die uns und unsere Gedanken, Meinungen, Sorgen, Ängste, Wünsche mehr und mehr voneinander trennen. Was darf ich wo und zu wem und wie noch sagen und was besser nicht?
Ja, ich bleibe dabei: Dieses Jahr bietet zu seinem Ende für einen friedlichen Abschied nur eine Möglichkeit: Tuch übern Kopf und nichts sehen und nichts hören. Und besser auch nichts schreiben, zumindest nicht dann, wenn eine gute Portion Selbstmitleid mit von der Partie ist.

Ich gebe auf …

Ich gebe auf. Den Computer fahre ich herunter, die Arbeitsbücher neben mir schließe ich, nein, ich knalle sie zu, um ehrlich zu sein. Sie nerven mich heute. Ebenso wie die Musik, die mich immer beim Arbeiten begleitet (Verzeih, JJG!), und der innere Kritiker, der zum Durchhalten mahnt. Selbst der Kaffee schmeckt bitter. Aber ehrlich, irgendwann ist Schluss! Der Kopf raucht und die Seele weint und bibbert und bangt und hofft. Alles auf einmal. Und ich glaube, ich bin damit nicht alleine heute.
Wovon ich rede? Na, worüber alle heute reden und irgendwie auch grübeln: Wien, US-Wahlen und unser Dauerbrenner Corona, um die drei schaurigsten Ereignisse/Zustände zu nennen. Die drei genügen auch für heute. Sie sind alle drei entscheidend für unsere Zukunft bei wenig erfreulichen Prognosen. Und man sitzt da und harrt auf neues Unheil, nicht glaubend, dass es sich irgendwo irgendwie zum Guten wendet. Die furchtsame Seele sieht nur schwarz heute. WIE BITTE SOLL MAN DA KREATIV ARBEITEN und schöne Texte schreiben? Bitte wie?
Eben. Eine Antwort weiß keiner.
Ich werde jetzt noch eine Runde Sport machen. Online bei meinem allerliebsten Sportstudio*, das mir meine Rückenschmerzen weggezaubert hat und das gerade von der Schließung betroffen ist und dennoch online tapfer weitermacht. Und dann, dann werde ich mich mit Rotwein und Käsebrot aufs Sofa fläzen und den Fernseher einschalten. Den ganzen Abend Glotze satt. Das hatte ich schon lange nicht mehr und heute ist es wohl nötig.
Bloß nicht denken dabei. Nichts denken. Nichts.  Nur angenehme Leere.
Vielleicht schaue ich auch bei Twitter vorbei. Man muss ja auf dem Laufenden bleiben. Und der Kreislauf beginnt von vorne…

 

  • Wer auch Lust auf ein bisschen Sport mit bester Unterhaltung hat, kann sich gerne für vier Wochen kostenfrei ohne weitere Anschlussverpflichtungen mit Code „virusfrei“ HIER einloggen. Das „BERG“-Training (Bewegung-Ernährung-Regeneration-Geist) zB. ist hammergut, informativ und präventiv für ein gesundes Immunsystem.
    Unbezahlte Werbung aus Freundschaft und Dankbarkeit

 

 

Durch den Wind

Tage wie diese möchte man nicht häufig haben. Es ist ein dunkler Tag. Regenwetter. Wind. Kühle. Verzerrte Gesichter mit misslaunigen Mienen. Masken habe ich hier im Dorf noch nie gesehen und ich bin froh darum. Man hält Abstand, das genügt. Aber es ist ein unzufriedener Abstand, der die Leute unglücklich macht. Das Lächeln fällt schwer. Mir auch. Ich gebe mir Mühe. „Kopf hoch, und wenn der Hals auch schmutzig ist, und lächeln.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mal nicht gut drauf war. Ein typisches Kriegskindermotto. Bloß nicht zeigen, was man fühlt und wie es einem geht. Nein. Lächeln. Lächeln wir alles tot, bis wir uns selbst nicht mehr spüren.
Kriegskinder sind die Leute heute nicht mehr (ganz wenige ausgenommen), vielleicht lächeln sie deshalb nicht, sondern zeigen ihre unzufriedenen Muffelgesichter? Wer weiß? Doch was rede ich da überhaupt? Nein, ich lösche das nun nicht. Es käme einem aufgesetzten Lächeln mit Killergedanken gleich. Killergedanken gegen dieses unsichtbare Virus, das uns das Leben gerade gründlich versaut (auch das wird nicht zensiert, heute darf das sein) auf Jahre hinaus. Oder glaubt etwa jemand, in einem Monat ist das alles vorbei und wir feiern ein Weihnachtsfest, so wie wir es gewohnt sind? Sie werden wieder tagen so kurz vor Ende des Novembers und … Nein, ich sage es nicht. Nicht heute. Ich bin heute durch den Wind und damit ganz sicher nicht allein. Punkt. Ich habe fertig. Oder?

Klappe!

Man muss mutig sein, um die Klappe zu halten, vor allem, wenn man sich deswegen so feige fühlt. Ein Leben mit Maulkorb.
„Klappe! Halt die Klappe!“
Es ist anstrengend und geht an die Substanz, dieses Schweigen sowohl im privaten als auch im öffentlichen, im politischen wie auch im ganz persönlichen Bereich. Es ist sogar sehr anstrengend.
Wie beredt doch dieses Schweigen sein kann, hier und da und dort!
„Klappe!“
Und nein, ich meine damit nicht (nur) die Maske. Die macht es nicht leichter.

Die liebe Malerin Ana Schönsteiner hat mir neulich dieses Bild gemalt. Es passt zum Thema.
Klappe!
Ich habe ja nichts gesagt.
(Wie lange noch?)