Rotkehlchen

Draußen singt ein Rotkehlchen. Es singt so laut und niedlich, dass ich es durch die geschlossenen Fenster hören kann. Morgengesang im Spätherbst zu so früher Stunde? Wie schön!
Ich öffne die Küchengartentür und gehe mit dem Kaffeebecher in der Hand hinaus, dem Gesang entgegen. Mein Herz schlägt schneller. Vor Freude, aus reiner Freude nur.
„Hallo!“, flüstere ich ins Dunkel. „Guten Morgen, kleiner Sänger. Ich freue mich, dass du da bist.“
„Ich freue mich auch!“, hallt es zu mir zurück. „Es wird ein guter Tag werden, hörst du? Nicht traurig sein!“
„Nein“, rufe ich. „Ich bin nicht traurig. Du bist ja nun da. Singe noch ein bisschen für mich, kleiner Vogel!“
Und das tut er. Ich schließe die Augen und träume … vom Frühling, von milder Luft und Blütenduft, wenn die Hausspatzen ringsum wieder den Gesang des Rotkehlchens mit wüstem Gestreite ummalen werden.
Es ist halb sieben und dunkel und arschkalt. Na und?

Herbst ist auch schön

Wetterwechsel. Die Oktobersonne hat sich verabschiedet und die milde Luft mitgenommen. Es ist kühl geworden.
Ich stehe oben am Berg und schnaufe. Irgendwie ist der Aufstieg heute schwer gefallen. Die Beine fühlen sich an wie Blei, ich ringe nach Luft und kämpfe gegen Tränen, die sich ganz ohne Grund in meiner Kehle festsetzen. Was ist los?
Ich lehne mich an den Stamm einer verkrüppelten Eiche, die hier über dem Steinbruch ein karges Dasein fristet, blicke in die oktoberbunte Blätterkrone und lausche dem Gesang der Blätter. Deren Stimmen klingen etwas hart, rau. Wenn sie in leichten Windbrisen einander berühren, klackert es leise. Klack, klack! Die Sonne hat sie ausgetrocknet. Sie flüstern nicht mehr im Wind, sie klackern. Klack, klack! Die Blättermelodie des Herbstes, denke ich, und irgendwie gefällt mir dieses ‚Klack, klack!“.
Ich fühle mich besser, ruhiger, und spüre, wie Freude die schlechte Laune vertreibt.
„Herbst ist auch schön“, klackklacken die Blätter und ich denke an Herbsteintöpfe und gebratene Pfifferlinge mit Petersilie, an Honigapfeltee und Apfelkuchen mit Zimt, an Vanillekerzen und Kuschelmusik, an raschelnde Blätterwege und … und fange an, mich zu freuen.
„Stimmt“, rufe ich zu den Blättern hinauf und die erröten und strahlen für einen kurzen Moment in einem gelb-rost-rot-braunen Gewand zu mir herab.
„Bunt!“, lachen sie mir zu. „Bu-hunt!“
„Ja, bunt“, sage ich und lache auch. „Und Dankeschön!“
Und mit einem wundervollen Gefühl der Dankbarkeit – und Freude – mache ich mich auf den Heimweg.

Blümchenhygge

Herbststimmung? Heute nicht.
Zwanzig Grad Celsius und mehr sind es heute. Warm und verführerisch kitzeln die Sonnenstrahlen Gesichter und Seelen und schüren die Freude an diesem goldenen Oktobersommertag. Die Menschen unterwegs lächeln ein bisschen mehr als sonst. Nicht alle. Manch einer wünscht sich den „richtigen“ Herbst herbei. Den Herbst, der Hyggemomente in die Köpfe malt mit nebelkühler Luft, rauem Wind, dicken Oversizepullovern, Kuschelstündchen, Ofenfeuerprasseln, einem Bücherberg neben dem Sofa, vielleicht einem alten Film mit Meg Ryan, Tom Hanks, Sandra Bullock oder Richard Gere, Zimtapfelkuchen und heißer Schokolade mit Sahneschlag. Hyggeherbst vom Feinsten, den es, ehrlich gesagt, meist nur in Büchern, Frauenzeitschriften und sehnsuchtsvollen Wunschträumen gibt. Ich nenne es gerne auch Hyggeterror, impliziert dieser Wahn doch eine (smartphonefreie) Harmonie, die es selten, wirklich nur selten, gibt, und der von enttäuschten Erwartungen geprägt ist.
Da gelobe ich mir die letzten Herbstsommertage, denn sie müssen uns nichts vortäuschen und streicheln dennoch unsere Seelen. Gerne auch mit Zimtapfelkuchen und heißer Schokolade.
Und? Kommst du nun mit mir raus, der Sonne zu danken, oder möchtest du weiter träumen?

PS: Und gerade habe ich die ersten Winterveilchen gepflanzt, für jedes Fenster ein Topf, und ich wünsche mir, dass sie mich mit ihren bunten Lachgesichtern ebenso tapfer durch den Winter begleiten wie ihre Vorgängerinnen der letzten Jahre. Blümchenhygge.

PPS: Und vom großen C., das unser Leben terrorisiert, sage ich auch heute nichts.

PPPS: Und wenn du mehr über Hygge wissen möchtest, so schau mal hier vorbei: Was ist Råhygge

Werde golden

Märchenzeit

„Ich friere“, begehrte der November eines Herbsttages auf. „Du raubst mir meine Tage!“
„Ich? Beraube dich?“ Der Oktober schüttelte sich. „Das verstehe ich nicht.“
Ärger ergriff den November. „Du nimmst mir mein Wetter, meine Stimmungen und Launen und schickst dem Land meinen kalten Novemberregen, meinen Nebel, meine kühlen Zeiten. Womit, sag, kann ich die Menschen noch überraschen? Auf Oktoberstürme warten sie nun und milde Tage, an denen die Sonne das Laub der Blätter golden färbt und das Herbstland in ein Märchenland verwandelt. Sie brauchen das, um ihre Seelen zu stärken, bevor ich, der traurige Nebelmonat komme. Und nun? Sieh sie dir an, die Menschen! Es geht ihnen nicht gut in deiner tristen, kalten, nassen Oktoberwelt! Mach die Augen auf, spitze die Ohren, öffne dein Herz! Und …“
Der November redete und redete und der Oktober hörte betroffen zu,
„Es … es tut mir leid“, murmelte er schließlich. „Ich habe nicht nachgedacht. Was kann ich tun?“
„Werde freundlich und hell und golden!“, bat der November.
„Das kann ich nicht.“ Der Oktober schüttelte sein Haupt. „Ich kann die Wolken nicht zurückziehen, die Winde nicht mehr festhalten und die kalte Luft nicht vertreiben. Dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber … aber … ich schenke dir meine Farben. Nimm sie mit in deine Zeit und werde du golden.“
„Ich?“ Erschrocken blickte der November auf. „Ich … kann das nicht. Ich …“
Noch während er sprach, fingen seine Augen an zu strahlen und über seine Wangen breitete sich ein warmes Lächeln aus. „Goldener November! Wie schön das klingt! Meinst du, es wird den Menschen gefallen?“
„Und wie!“, brummte der Oktober, der nur schwer seine Rührung verbergen konnte. „Mach das Beste daraus und lasse unseren Herbst in diesem Jahr fröhlich ausklingen, so bunt und golden, dass ihn keiner je vergessen möge.“
Und so geschah es auch und von diesem November sprachen die Menschen noch lange, besonders, wenn sie sich an trüben Herbsttagen müde und traurig fühlten.