Nebelgeister

Ganz alleine bin ich heute im  Nebel unterwegs. Sie gehört ganz mir, diese helle Nebelwelt, die eine freundliche, stille Welt ist.
Langsam, andächtig fast, schlendere ich durch die Wolken. Nebelgeister mit ausladend weiten grauen Armen, die an Nichtnebeltagen nichts weiter als Bäume sind, begleiten mich auf meinem Weg. Manche nicken mir zu und werfen mir ein paar letzte braune oder gelbe Blätter , die langsam durch die Nebelluft trudeln und mit einem sanften Knistern zu Boden fallen, zu.
Auf einem dieser Nebelgeister sitzen zwei Raben. Sie krächzen mir ihr Nebellied zu. Krah! Krah!
Ich winke ihnen und folge dem Weg weiter bergan in die Weite des Nebelwaldes. Noch lange begleitet mich das „Krah! Krah!“ der Raben. Dann ist es wieder still.
Eine Stille, die gut tut. Ich bleibe stehen, blicke mich um. Man kann sie sehen, die Stille. Wohl und geborgen unter dem Schleier der Stille.
Tief atme ich ein. Es duftet nach November, Blättern und feuchter Erde, nach Tannenzapfen, Harz und ein bisschen auch nach Zuckerwatte und Zimt.
Hmmm …
Ich genieße diese Stille und diesen Duft noch ein Weilchen.
Dann verabschiede ich mich von der stillen Welt des Nebelwaldes. Mehr Romantik trage ich für diesen Tag nicht in mir.

Mein Herz blutet

Der Weihnachtsbaumexpress rollt wieder durchs Dorf.
Weihnachtsbäume, prächtige, große, sehr große, und dann wieder viele kleine werden auf Tiefladern aus dem Wald gekarrt. Bäume für Markt- und Kirchplätze, für Tineff, Weihnachtstände und Wohnzimmerecken.
Eine Ladung nach der anderen. Den ganzen November durch.
Ein langes Leben beendet für ein paar kurze Fest- und Feiermomente im Lichterglanz. Ein vergeudetes Baumleben.
Ich schlucke jedes Jahr aufs Neue, wenn ich sie sehe. Um jeden Baum tut es mir in der Seele weh. Umso mehr in dem Wissen, dass wir jeden Baum, der lebt und atmet, brauchen für unsere Umwelt, unser Leben.
Ist es das wert, liebe Weihnachtsindustrie? Ist das heutzutage noch richtig? Habt ihr mal darüber nachgedacht? Brauchen wir Bäume, um unsere Zimmer festlich zu schmücken, um sie später mit Karacho mit rieselnden Nadeln aus dem Fenster zu werfen, den „Knut“ mit ihnen zu spielen?
Was für ein trauriges Tannendasein! Oh Tannenbaum, wie schnöd‘ musst du doch sterben.
Und wieder einer, ein doppelter Tieflader sogar, mit hohen, sehr hohen Fichten dieses Mal.
Mein Herz blutet.

Wider das Laute

Es ist einer jener sanften, stillen, verträumten Tage im Wald. Ruhig stehe ich oben am Berg bei der großen Buche und lasse die letzten Tage Revue passieren. Viel zu viel von dem da Außen, mit dem ich eigentlich nichts mehr zu tun haben will, hat sich für eine kurze Zeit in mein Leben zurückgedrängt. Es hat mir nicht gut getan und es hilft mir auch nicht weiter in meinem kleinen, zurückgezogenen Leben. Im Gegenteil. Dieses Laute, Erregte, Exzessive zerstört das, was ich meine stille Kreativität, in der ich noch Kind sein darf, nenne. Es soll wieder verschwinden, ich will es nicht mehr sehen, nicht mehr hören.
Ich blicke in die weite Krone des Baumes und sauge die Stimmung und Farben dieses Novembertages voller Gier  in mich auf. Möge die Erinnerung an diese farbenfrohe Zeit mit ihren warmen Sonnentagen und kalten Nächten nicht so schnell verblassen.
Ich liebe Spaziergänge im Wald in dieser Jahreszeit. Sie rücken den Kopf zurecht und machen die Seele wieder heil. Die rauchige Luft, die überwältigenden Farben der Blätter, das Knirschen der Blätter unter den Füßen, das Glühen meiner Wangen im frischen Wind, die Vorfreude auf  Kaffee und Apfelkuchen, die mich zuhause erwarten. Das sind wichtige Dinge im Leben, die in Erinnerung bleiben, und das ist gut so.

Herbst ist auch schön

Wetterwechsel. Die Oktobersonne hat sich verabschiedet und die milde Luft mitgenommen. Es ist kühl geworden.
Ich stehe oben am Berg und schnaufe. Irgendwie ist der Aufstieg heute schwer gefallen. Die Beine fühlen sich an wie Blei, ich ringe nach Luft und kämpfe gegen Tränen, die sich ganz ohne Grund in meiner Kehle festsetzen. Was ist los?
Ich lehne mich an den Stamm einer verkrüppelten Eiche, die hier über dem Steinbruch ein karges Dasein fristet, blicke in die oktoberbunte Blätterkrone und lausche dem Gesang der Blätter. Deren Stimmen klingen etwas hart, rau. Wenn sie in leichten Windbrisen einander berühren, klackert es leise. Klack, klack! Die Sonne hat sie ausgetrocknet. Sie flüstern nicht mehr im Wind, sie klackern. Klack, klack! Die Blättermelodie des Herbstes, denke ich, und irgendwie gefällt mir dieses ‚Klack, klack!“.
Ich fühle mich besser, ruhiger, und spüre, wie Freude die schlechte Laune vertreibt.
„Herbst ist auch schön“, klackklacken die Blätter und ich denke an Herbsteintöpfe und gebratene Pfifferlinge mit Petersilie, an Honigapfeltee und Apfelkuchen mit Zimt, an Vanillekerzen und Kuschelmusik, an raschelnde Blätterwege und … und fange an, mich zu freuen.
„Stimmt“, rufe ich zu den Blättern hinauf und die erröten und strahlen für einen kurzen Moment in einem gelb-rost-rot-braunen Gewand zu mir herab.
„Bunt!“, lachen sie mir zu. „Bu-hunt!“
„Ja, bunt“, sage ich und lache auch. „Und Dankeschön!“
Und mit einem wundervollen Gefühl der Dankbarkeit – und Freude – mache ich mich auf den Heimweg.

Macht’s gut

Aufgewühlt der Himmel heute.
Aufgewühlt auch ich.
Aufgewühlt die Stare, die sich den ganzen Vormittag schon am Himmel versammeln.
Aufgewühlt. Aufgeregt. Geschwätzig. Reisefiebrig.
Viele quirlige Pünktchen malen dunkle Tupfer überall an den Himmel.
Laute Tupfer.
Sie tanzen ihren Abschieds-Himmelstanz. Laut und dennoch verhalten fröhlich.
Sie müssen ziehen, aber sie gehen nicht gerne.
Scheint mir.
Ich hebe die Hände, will hinauf greifen, die Finger in die Wolken tauchen und sie alle festhalten, diese Starenpünktchen.
„Bleibt!“, will ich rufen. „Geht noch nicht. Euch bleibt noch Zeit.“
„Zeit. Zeit. Weit. Soweit. Bereit.“ So hallt es mir entgegen.
Ich schweige. Ich begreife. Lasse los.
Was sonst?
„Tschüs! Macht’s gut. Und kommt heil wieder, hört ihr?“, murmle ich.
Ich murmle es leise.
Sie haben nämlich keine Zeit mehr, mir zuzuhören.
Und dann, einen Augenblick später, sind sie weg.
Wolken ziehen auf. Sie bringen kühle Luft mit.