Ich lache zurück

„Sonne, wo bist du?“, rufe ich auf die Straße hinaus.
„Hier!“, antwortet ein dünnes Stimmchen.
Es klingt fröhlich und ein bisschen atemlos und ich sehe in die funkelnden Augen des kleinen Mädchens, das einen quietschgelben Regenschirm in der Hand hält und singend um die Regenpfützen tanzt. Es winkt mir zu und lacht.
Ich lache zurück.

Frühstück im Wald

Es regnet Bindfäden. Trotzdem eise ich mich – und vor allem den inneren Schweinehund – vom Frühstückstisch los, streife die alte, verwaschene Schimanskijacke des Mannes über meine Nachtklamotten und stakse durch die kleine Birkenallee bergaufwärts zu meinem Sommerfrühstücksplatz dort wo die Wiesen enden und der Wald anfängt. Clogs sind übrigens keine gute Idee für einen regennassen Herbstmorgen im Wald. Überhaupt ist es keine gute Idee, Sommertraditionen auch in der ungastlichen Jahreszeit beibehalten zu wollen. Nur mal so gesagt, ich lerne ja noch.
Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor an den Stamm der alten Birke gelehnt, den Kaffeebecher in der Hand (Auch eine Schnapsidee, der Kaffee ist kalt und schmeckt nach Regenwasser), und blicke aufs Dorf hinab.
Wie ausgestorben liegt es da, kein Leben regt sich und wüsste ich es nicht besser, könnte ich es für eine ausgestorbene, aufgelassene Waldsiedlung halten. Doch sie ist voller Leben, sogar mehr als sonst. Die Kinder haben Ferien und das Leben ist schön! Und alle ducken sich vor dem Virus wieder ein bisschen mehr als die Monate zuvor. Er macht das Leben auch hier im Walddorf still, verzagt, ratlos. Zu still.
Doch, halt, von der anderen Seite des Talgrunds her ertönt das röhrende Stöhnen einer Kuh. „Das machen sie nur, wenn sie gebären“, hat mir der Bauer einmal erklärt, und ich stelle mir vor, wie ein niedliches Kälbchen das Licht der Welt erblickt und sogleich von der Mutter entrissen wird, weil das so wirtschaftlicher ist. Ich seufze und vergieße ein paar Tränen. Da ist nichts von Landromantik, wie es uns Heimatfilme und Hochglanzhefte übers Landleben weismachen. Es ist halt nichts mehr so, wie man es sich vorstellen möchte. In diesen Tagen schon gar nicht.
Die Romantik des Regenmorgens ist nun endgültig dahin und ich beeile mich, ins Warme zu kommen, bevor ich mich erkälte. Das muss in diesen Zeiten ja nun wirklich nicht sein. Auf weitere Waldfrühstücksausflüge werde ich wohl besser verzichten … bis zum Frühling (Noch 163 Tage!)

Nachtrag:
Ich rätsele übrigens gerade über eine grammatikalische Frage nach zu dem obigen Satzbeginn:
„Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor …“ Eigentlich wollte ich schreiben: „Und da stehe ich nun wie an vielen Sommermorgen zuvor …“, doch das klingt seltsam. Aber man kann doch nicht „Sommermorgenden“ schreiben!? Darf der Morgen kein Plural haben?
Ja, ich ahne die Antwort. Aber komisch klingt es schon, oder? Oder ist mir mein kleiner Ausflug gerade nicht bekommen?

Geknickt

Geknickt sagt das Pilzchen dem Herbsttag Adieu. Es hätte so gerne noch ein wenig den Himmel gesehen, die Bäume, die Blätter, die Welt. Doch die Zeituhr seines kurzen Pilzlebens schlägt einen anderen Takt und so wird sein Herbstlied leise verhallen im Wechsel des Lichts.
„Adieu!“, knoddert auch der kleine Käfer und steckt seinen Rüssel gierig in das zitternde saftige Fleisch des Pilzes. Er isst sich noch einmal satt.
„So ist es nun mal, das Leben“, murmelt die Amsel, die sich für den Flug nach Süden rüstet. Sie pickt nach dem Käfer und nimmt ihn mit auf die große Reise. Und so fliegt auch ein kleines, ein klitzekleines Stückchen des sterbenden Pilzchens mit und ein neues Abenteuer beginnt.

Geknickt bin auch ich ein wenig. Der Herbst ist nicht meine liebste Jahreszeit. Mit Abschieden tue ich mich schwer. Zum Glück muss ich keine hungrigen Käfer und Amseln fürchten …

Alte Weiber

Alte ‚Weiber-
Spinnenleiber
malen Spuren zart ins Land
Wie gesponnen,
so zerronnen.
Endlichkeit, der Zeiten Pfand.

Tage gehen,
Winde wehen,
pusten fort den Silberglanz.
Fäden beben.
Silbrig schweben
sie im letzten Abschiedstanz.

Fäden weben,
Fäden kleben,
immer weiter dreht das Jahr
seine Runde
Stund‘ um Stunde.
Nichts ist mehr, wie es mal war.

Es fängt doch erst an

„Schön, nicht?“, fragt die Fremde und deutet auf die ersten gelben Blätter inmitten des Waldgrüns. Sie seufzt. „Der Herbst ist so schön. So fröhlich seine Farben. Kein Wunder. Ihn wird es immer wieder geben. Alle Jahre aufs Neue. Aber was ist mit uns? Wir haben nur den einen Herbst.“
Verwundert blicke ich auf und jetzt erkenne ich sie. Es ist die Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnt und nach dem Auszug ihrer Studentensöhne lange verreist war. Sie trägt ihr hellblondes Haar nun lang. Überhaupt hat sie sich verändert. Früher eher bieder, langweilig trägt sie nun hautenge Jeans, pinkfarbene, hochhackige Stiefeletten und ein noch engeres, ebenfalls pinkfarbenes Shirt und sieht mit ihrer mädchenhaft schmalen Figur von weitem eigentlich aus wie ein … Mädchen.
Sie tritt näher, lächelt verlegen.
Ich lächle auch, will etwas sagen, doch sie kommt mir zuvor:
„Ich weiß, dass wir längst zu den welken Blättern gehören,“ Sie deutet zu den Herbstblättern hinüber. „Das letzte Drittel. Man ist körperlich nicht mehr so fit, das Denken fällt schwerer und bei vielen dieser Neuheiten, die das Leben heute bestimmen, stehen wir am Rande. Wir kommen längst nicht mehr mit.“ Sie macht eine Pause.
„Wir sind doch noch lange nicht …  alt!“, will ich protestieren, doch sie fährt schon fort:
„Aber eines habe ich mir geschworen: Ansehen, nein, ansehen soll man mir den Herbst meines Lebens noch nicht.“ Sie deutet auf ihr neues Outfit. „Nur diesen Kram mit Internet und Computern und so, nein, den werde ich mir nicht mehr antun. Dazu sind wir wirklich zu alt. Es hört halt alles nun langsam auf.“
Ich ringe nach Worten. „Äh, ich …“
Sie winkt ab. „Sag nichts. Keiner aus unserer Generation gibt es gerne zu.“
Danke. Darauf möchte ich nun wirklich nichts sagen. Darauf kann ich nichts sagen. Ich bin zu sehr erschrocken und jedes Wort wäre das falsche.
„Ich muss los“, sagt sie da. „Nagelstudio. … Vielleicht treffen wir uns mal auf einen Tee oder so?“
Ich nicke. „Gerne.“
„Fein.“ Sie lächelt ein trauriges Lächeln und stöckelt zu ihrem Wagen, den sie am Wegrand geparkt hat.
Ich sehe ihr nach. Sie sieht wirklich aus wie ein Mädchen. Ein … altes … Mädchen.
Nachdenklich bleibe ich stehen und schaue in die gelben Blätter. Es scheint, als blinkerten sie mir im Licht der Sonne zu.
Die Starre, die mich erfasst hat, weicht langsam und ich sehe im Flirren der Altweibersommerspinnen kleine Elfchen tanzen und schaukeln und ja, sie zwinkern mir zu.
Ich lache und fühle mich gut. So gut wie lange nicht mehr.
Altweibersommer! So what?
So fit und kreativ und ideenreich und aktiv und, ja, und auch problemresistent wie zur Zeit habe ich mich noch nie in meinem ganzen Leben gefühlt.
Es fängt doch erst an. Aber so was von!