Abschiede, viele kleine

Am Mittag endlich triumphiert die Sonne über das Nebelgrau, das seit Tagen schwer über dem Tal liegt, und lässt die Spätnovemberwelt in einem warmen Licht erstrahlen. Sie gibt noch einmal alles und ich winke ihr dankbar zu.
Sie sieht es nicht, sie hat Besseres zu tun, und ich auch. Es ist der perfekte Tag für die vielen kleinen Abschiede im Garten. Mit Besen, Schere, Hacke, Spaten und Abfallkorb. Und mit Wehmut im Herzen.
Nur ungern rupfe ich die Pflänzchen, die mir in den letzen Monaten ans Herz gewachsen sind, aus der Erde. Traurig sehen sie aus, verdorrt und ausgelaugt und nur noch wenig lebendig. Immer wieder schließe ich die Augen und sehe sie so vor mir, wie sie vor kurzem noch waren: Strahlend, bunt, lebensfroh. Sie haben mir gute Laune und manchmal auch Trost geschenkt und ich danke ihnen nun, während ich die letzten Samenkapseln sammle. Adieu, ihr Lieben! Es war schön mit euch.
Ich schalte Gedanken und Gefühle aus und tue, was getan werden muss. Und nun ruhen sie auf einem großen Resteberg in der hinteren Gartenecke. Ich bedecke sie mit ein paar Tannenzweigen und wünsche ihnen ein gutes Ruhen. Und da ist mir, als winkten sie mir zu und für einen Moment leuchten ihre lieben Gesichter nochmal fröhlich bunt und strahlend auf.
Ja, ich habe es genau gesehen. Du glaubst mir nicht?

Macht’s gut

Aufgewühlt der Himmel heute.
Aufgewühlt auch ich.
Aufgewühlt die Stare, die sich den ganzen Vormittag schon am Himmel versammeln.
Aufgewühlt. Aufgeregt. Geschwätzig. Reisefiebrig.
Viele quirlige Pünktchen malen dunkle Tupfer überall an den Himmel.
Laute Tupfer.
Sie tanzen ihren Abschieds-Himmelstanz. Laut und dennoch verhalten fröhlich.
Sie müssen ziehen, aber sie gehen nicht gerne.
Scheint mir.
Ich hebe die Hände, will hinauf greifen, die Finger in die Wolken tauchen und sie alle festhalten, diese Starenpünktchen.
„Bleibt!“, will ich rufen. „Geht noch nicht. Euch bleibt noch Zeit.“
„Zeit. Zeit. Weit. Soweit. Bereit.“ So hallt es mir entgegen.
Ich schweige. Ich begreife. Lasse los.
Was sonst?
„Tschüs! Macht’s gut. Und kommt heil wieder, hört ihr?“, murmle ich.
Ich murmle es leise.
Sie haben nämlich keine Zeit mehr, mir zuzuhören.
Und dann, einen Augenblick später, sind sie weg.
Wolken ziehen auf. Sie bringen kühle Luft mit.