Hast du schon mal eine Blume gestreichelt? 

Hast du schon mal eine Blume gestreichelt?
Jetzt in dieser Jahreszeit möchtest du jede liebkosen und ihr ein „Bleib noch ein bisschen!“ und ein „Lass dich nicht unterkriegen“ zuflüstern. Festhalten möchtest du sie mit allen Fasern deines Seins, mit deinen Händen, deiner Nase, deiner Seele, die immer hungrig ist auf Blütenfarben und Blütendüfte. Im Frühling ganz besonders, wenn die Sehnsucht ins Unermessliche gestiegen ist und wieder im Herbst, wenn Abschiedsschmerz und Wehmut dein Gemüt mit nostalgischen Gedanken und Gefühlen besetzt, während du im Sommer sie, die Blumen, gerne achtlos zu übersehen neigst. Es gibt ja so viele von ihnen. Der Fluch der Fülle. Und der der reuigen Gedanken, die dich im Herbst jeden Tag mehr beschleichen, bedeutet doch jeder Tag mehr ein leises Abschiedsnehmen.
Du beschwörst nun die Sonne, sich nicht von Wolken und Nebelschleiern vertreiben zu lassen und den wenigen verbliebenen Oktoberblümchen im Garten und auf den Wiesen ringsum mit ihren Strahlen noch viel Kraft zu schenken, auf dass diese noch lange, lange, lange am Leben bleiben mögen.
Wie wertvolle Schätze behandelst du sie nun, deine Blümchen, und du verfluchst die Nebelschwaden, die sich in den Morgenstunden über sie legen und ihnen die Kräfte – und ein bisschen auch den Mut zum Weiterleben – rauben.
Doch dann, wenn die Sonnenstrahlen die depressive Nebelsuppe für diesen Tag doch wieder überwinden konnten, gehst du hinaus, begrüßt die überlebenden Blümchen, die gelb, rosa, rostfarbenen Zinien, die bunten Dahlien, die Astern, Cosmeen, Nelken, Rosen und Malvenblüten, und bedenkst sie mit zärtlichen Koseworten. Worten, die du sonst nur für liebe Menschen, Katzenbabys und Hundewelpen findest. Deine Hand streicht zärtlich über Blütenköpfe und du staunst. Samtweich fühlen sie sich an, wie das Fell junger Hunde. Und dann weinst du ein bisschen und das ist gut so.
Sie ist eine sensible Zeit, die Zeit des Oktobers, der windschnell durch die Tage rast und dir die letzten Sommerreste raubt. Du darfst sie zeigen, die Gefühle, die dir diese Momente des Abschiednehmens bescheren. Ja, das darfst du. Mit Tränen.

Geknickt

Geknickt sagt das Pilzchen dem Herbsttag Adieu. Es hätte so gerne noch ein wenig den Himmel gesehen, die Bäume, die Blätter, die Welt. Doch die Zeituhr seines kurzen Pilzlebens schlägt einen anderen Takt und so wird sein Herbstlied leise verhallen im Wechsel des Lichts.
„Adieu!“, knoddert auch der kleine Käfer und steckt seinen Rüssel gierig in das zitternde saftige Fleisch des Pilzes. Er isst sich noch einmal satt.
„So ist es nun mal, das Leben“, murmelt die Amsel, die sich für den Flug nach Süden rüstet. Sie pickt nach dem Käfer und nimmt ihn mit auf die große Reise. Und so fliegt auch ein kleines, ein klitzekleines Stückchen des sterbenden Pilzchens mit und ein neues Abenteuer beginnt.

Geknickt bin auch ich ein wenig. Der Herbst ist nicht meine liebste Jahreszeit. Mit Abschieden tue ich mich schwer. Zum Glück muss ich keine hungrigen Käfer und Amseln fürchten …