Alte Weiber

Alte ‚Weiber-
Spinnenleiber
malen Spuren zart ins Land
Wie gesponnen,
so zerronnen.
Endlichkeit, der Zeiten Pfand.

Tage gehen,
Winde wehen,
pusten fort den Silberglanz.
Fäden beben.
Silbrig schweben
sie im letzten Abschiedstanz.

Fäden weben,
Fäden kleben,
immer weiter dreht das Jahr
seine Runde
Stund‘ um Stunde.
Nichts ist mehr, wie es mal war.

Es fängt doch erst an

„Schön, nicht?“, fragt die Fremde und deutet auf die ersten gelben Blätter inmitten des Waldgrüns. Sie seufzt. „Der Herbst ist so schön. So fröhlich seine Farben. Kein Wunder. Ihn wird es immer wieder geben. Alle Jahre aufs Neue. Aber was ist mit uns? Wir haben nur den einen Herbst.“
Verwundert blicke ich auf und jetzt erkenne ich sie. Es ist die Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnt und nach dem Auszug ihrer Studentensöhne lange verreist war. Sie trägt ihr hellblondes Haar nun lang. Überhaupt hat sie sich verändert. Früher eher bieder, langweilig trägt sie nun hautenge Jeans, pinkfarbene, hochhackige Stiefeletten und ein noch engeres, ebenfalls pinkfarbenes Shirt und sieht mit ihrer mädchenhaft schmalen Figur von weitem eigentlich aus wie ein … Mädchen.
Sie tritt näher, lächelt verlegen.
Ich lächle auch, will etwas sagen, doch sie kommt mir zuvor:
„Ich weiß, dass wir längst zu den welken Blättern gehören,“ Sie deutet zu den Herbstblättern hinüber. „Das letzte Drittel. Man ist körperlich nicht mehr so fit, das Denken fällt schwerer und bei vielen dieser Neuheiten, die das Leben heute bestimmen, stehen wir am Rande. Wir kommen längst nicht mehr mit.“ Sie macht eine Pause.
„Wir sind doch noch lange nicht …  alt!“, will ich protestieren, doch sie fährt schon fort:
„Aber eines habe ich mir geschworen: Ansehen, nein, ansehen soll man mir den Herbst meines Lebens noch nicht.“ Sie deutet auf ihr neues Outfit. „Nur diesen Kram mit Internet und Computern und so, nein, den werde ich mir nicht mehr antun. Dazu sind wir wirklich zu alt. Es hört halt alles nun langsam auf.“
Ich ringe nach Worten. „Äh, ich …“
Sie winkt ab. „Sag nichts. Keiner aus unserer Generation gibt es gerne zu.“
Danke. Darauf möchte ich nun wirklich nichts sagen. Darauf kann ich nichts sagen. Ich bin zu sehr erschrocken und jedes Wort wäre das falsche.
„Ich muss los“, sagt sie da. „Nagelstudio. … Vielleicht treffen wir uns mal auf einen Tee oder so?“
Ich nicke. „Gerne.“
„Fein.“ Sie lächelt ein trauriges Lächeln und stöckelt zu ihrem Wagen, den sie am Wegrand geparkt hat.
Ich sehe ihr nach. Sie sieht wirklich aus wie ein Mädchen. Ein … altes … Mädchen.
Nachdenklich bleibe ich stehen und schaue in die gelben Blätter. Es scheint, als blinkerten sie mir im Licht der Sonne zu.
Die Starre, die mich erfasst hat, weicht langsam und ich sehe im Flirren der Altweibersommerspinnen kleine Elfchen tanzen und schaukeln und ja, sie zwinkern mir zu.
Ich lache und fühle mich gut. So gut wie lange nicht mehr.
Altweibersommer! So what?
So fit und kreativ und ideenreich und aktiv und, ja, und auch problemresistent wie zur Zeit habe ich mich noch nie in meinem ganzen Leben gefühlt.
Es fängt doch erst an. Aber so was von!