Die Ur-Sau

Heute ganz früh, der Morgen „blaute“ noch und die Luft malte schlierige Fetzen ins Land, raschelte es zwischen Farnen und Brombeerranken. Und da stand sie, die Ur-Sau! Fluchtbereit – oder doch eher angriffsfreudig? – starrte sie zu mir herauf, verharrte … und stieß einen wehklagenden Laut aus, der nach liebesheulendem Kater klang. Dann, wusch, war sie verschwunden.
Der Morgen „blaute“ noch immer … nur ich, ich war … nicht … blau. Ehrlich!

Verschmähte Liebe

Er kam in den frühen Morgenstunden.
Leise.
Es war kein Kommen, nein, eher ein Schleichen. Ein Unheil verkündendes Schleichen. Die Zeit hielt den Atem an. Für einen kurzen Augenblick.
Er lauschte ins Nichts, verharrte kurz, dann schlich er weiter auf das Bett zu. Dort schlummerte sie mit einem seligen Lächeln im Gesicht.
Nicht mehr lange.
Er schnupperte. Sie duftete süß. Er liebte ihren Geruch. Liebte ihn über alles, konnte an nichts anderes mehr denken. Warum nur wollte sie diesen Umstand nicht akzeptieren? Warum verschmähte sie seine Liebe?
Er seufzte stumm, doch er konnte nicht verhindern, dass ein leiser Klagelaut seiner Kehle entrann.
Psst! Stille! Verharren.
Er atmete auf. Sie hatte es nicht gehört, lächelte weiter im Schlaf. Konnte er es wagen, noch einen Schritt weiter zu gehen. Und noch einen und noch einen?
Langsam pirschte er sich bis zur Bettkante vor.
Hmmmm! Dieser süße Duft, der sie umgab! Eine Mischung aus Vanille, Rosenöl und Lavendel. Köstlich! Nein, er konnte nicht widerstehen.
Er stand nun direkt vor ihr … und wurde schwach. Vorsichtig ließ er seine Nase über ihr Gesicht gleiten und hauchte einen zärtlichen Kuss auf ihre Wangen.
Sie seufzte im Schlaf – und er seufzte auch. Ein wenig lauter als beim ersten Mal. Hach, wie sie lächelte! Ob sie von ihm träumte? Ganz gewiss.
Aber Hallo! Er war doch da. Ganz nah.
Jetzt! Jetzt konnte er sich nicht mehr unter Kontrolle halten. Zart, ganz zart strich er mit der Zunge über ihre Wange. Seine ganze Liebe schenkte er ihr in diesem Augenblick.
Sie seufzte wieder, und er wiederholte seinen feuchten Kuss, verlor die Kontrolle und küsste und küsste und … und dann war sie erwacht.
„Wäh! Hau ab, du Hund! Es ist noch nicht mal fünf Uhr!“
Laut gellte ihre Stimme durch den Raum. „Ab und Platz und Ruhe!“
Er seufzte tief. Wieder verschmähte sie ihn und seine Liebe zu ihr. Er konnte es nicht verstehen. Tief getroffen und ein bisschen gekränkt zog er sich zurück und rollte sich auf seinem Kissen zusammen.
Bestimmt hat sie nur schlecht geträumt, überlegte er. Ich werde ihr noch eine Chance geben. In fünf Minuten oder so. Und dann würde sie es begreifen.

Der Giersch und das Jäten mit allen Sinnen

Sei sanftmütig zum Giersch! Fasse ihn zärtlich an, ziehe nur leicht und denke freundliche Gedanken! Er zeigt sich dankbar und löst sich und seine Wurzeln für einen Moment, um dir entgegen zu kommen. Ein Moment der Schwäche – ja, auch ein Giersch vermag es, Schwäche zu zeigen – und ein zupfender Ruck deiner Hände, und schon hast du ihn elegant dem Boden entrissen, nein, sanft entzogen. Denke weiter freundliche Gedanken und zeige deinen Triumph nicht und das nächste Gierschpflänzlein seufzt in seiner leisen Gier, gestreichelt zu werden, dir schon entgegen und merkt nicht, dass es das nächste Opfer sein wird.
Merke: Denke freundlich, zeige Sanftmut und Geduld, und selbst die Wildkräuter, die geduldeten, danken es dir dann mit einem freundlichen Entgegenkommen. Bedanke auch du dich bei ihnen! Streichle ihre bebenden Blätter, bevor du sie mit Schwung auf den Komposthaufen pfefferst. Pssst!
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Merke:
Jäte Unkraut mit Achtsamkeit und meditativen Gedanken!
Setze dich ruhig hin ins Gras oder auf einen von der Sonne gewärmten Stein! Schließe die Augen! Genieße den Moment! Lausche!
Konzentriere dich auf all das, was du hörst!
Versuche die Laute, die dein Ohr und deine Seele erreichen, aufzuzählen und zu beschreiben.
Lausche nun!
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Und ja, ich lausche nun auch, gebe mich ganz dem Moment hin und höre:
Spatzengezwitscher, Wildbienengesumm, Grillengegrille, Vogelgesang, Meisengezirpe, Spatzengezwitscher, ein Flugzeug, den Briefträger, Hahnenkrähen, Amselgesang, ein Auto, noch ein Auto, Wassergeplätscher, Käfergebrumm, noch mehr Grillen, Spatzengezwitscher, der Nachbar kommt nach Hause, und noch ein Auto, ein Motorrad, zwei Traktoren, Spatzengezwitscher, Bussarde am Himmel, Taubengurren, ein Traktor, der Milchlaster, Kuhmuhen, Spatzengezwitscher, Buchfinksonate, Hummelbrummeln, Hundebellen, eine Frauenstimme, nein zwei, Spatzengezwitscher, Handygebimmel, wieder ein Traktor, drei Autos, ein Fahrrad, Gänseblümchengekicher, Motorrad, die Telekom, Spatzengezwitscher, eine Autotür und … Spatzengezwitscher
Und das alles in zehn Minuten.
Dorfstille zur Mittagszeit.
Und die Spatzen, die zwitschern noch immer. Wie immer klingt es, als würden sie streiten.
Nur der verbliebene Giersch schweigt mit gesenkten Blättern. Er verdaut noch den Schrecken. Vielleicht trauert er auch seinen gejäteten Kollegen hinterher?


Prachtvoller Giersch

Hitzefreie Leere

„Hey du! Mach mal zu! Ich fühle mich so leer an“, flüstert es.
Es ist das leere Blatt, das vor mir auf dem Schreibtisch liegt und auf Futter wartet. Tintenfutter. Buchstaben. Worte. Sätze. Es beschwert sich, fühlt sich vernachlässigt heute, unbeachtet, vergessen.
„Leer sein ist wie nackt sein“, mault es.

„Fast nackt“, sage ich und male eine Sonne auf das Blatt. Eine große Sonne mit einem lachenden Mund und fröhlich blinkenden Augen. Eine Sonne, wie Kinder sie malen. Eine Kindersonne.
„Zufrieden?“, frage ich das Blatt.
„Nicht wirklich“, beschwert es sich. „Die Worte. Sie fehlen mir.“
„Mir auch. Mein Kopf fühlt sich nämlich heute auch etwas leer an.“
„Du hast deine Worte verloren?“ Das Blatt ist entsetzt.

Ich lache. „Oh nein. Ausgeliehen habe ich sie heute. Sie haben … hitzefrei.“
Ich deute auf die Sonne, falte das Blatt zu einem Flieger und schicke es mit all den ungeschriebenen Worten in den Tag hinaus, der flirrenden Sonne entgegen.
Sonnentag war heute und einen Sonnentag wünsche ich mir auch für morgen und übermorgen und überübermorgen, gerne den ganzen Sommer lang. 
Ich folge dem leeren Blatt, fliege ihm hinterher und mein Kopf fühlt sich – wie verzaubert nun – auf angenehme Weise leicht an. Und leer.

Duett …

„Hilfe! Ein Überfall!“
Die Tasten des Konzertflügels zucken zusammen, als sich ihnen zwei Hände nähern. Eine linke, leicht behaarte Hand mit energisch drängelnden Fingern und eine rechte, weiche, mit einem Brillantring geschmückte Hand, ebenfalls mit, nein, mit noch energischer drängelnden, kräftigen Fingern.
„Drei – zwei – eins – zero!“, erklingt eine Stimme aus dem Off. „Das Due-(tt)ll beginnt. Guten Abend, meine Damen und Herren! Sie hören …“
„Oh je“, wispern die Tasten des Musikinstruments. „Ich mag gar nicht hören, was wir nun zu hören bekommen. Wenn wir uns nur wehren könnten.“
Sie seufzen und ergeben sich in ihr Schicksal. Geduckt warten sie auf die ersten (An)Schläge.
Die linke Hand drängelt sich vor und vereint mit einem rauen Schlag drei Tasten zu einem Akkord. Kling-ping-boing. Er klingt schräg, der Klang.
Die rechte Hand prescht hinterher, schlägt zu. Ein dröhnender Vierer-Akkord. Hart und … irgendwie daneben gegriffen. Klong-pong-bäng.
Die linke Hand wehrt sich gegen den Eindringling von rechts und nudelt eine nicht enden wollende aufwärts steigende Tonleiter die Reihe der Tasten entlang. Sie endet mit einem triumphierenden T(h)riller in Bach’scher Manier.
Unverschämtheit! Die rechte Hand tritt dem Eindringling entgegen. Sie wehrt sich und dudelt die Tonleiterreihe in lautem Tschaikowksy-Stakkato wieder abwärts, um in einem dröhnenden Ta-ta-taaaaa auf dem tiefen C zu enden.
Jetzt erst beginnt das Duett-ll so richtig und in den nächsten Minuten, die den Klaviertasten wie unendlich lange Stunden anmuten, hämmern sich die beiden Duettanten, pardon, Duellanten durch ihren Vortrag. Lange währt die Qual. Die Klaviertasten geben mit verzerrten Gesichtern ihren Schmerz den Saiten im Klangkörper weiter. Die reagieren ob der rüden, unwirklich anmutenden Behandlung … verstimmt. Um das Gedröhne zu ertragen, verziehen und dehnen und (ver)schwingen und verbiegen sie sich und die Töne, die wiederzugeben ihr Job ist, klingen … falsch. Sie meinen es nicht böse, die Saiten, doch sie können sich nicht wehren.
Die Zuhörer meinen es auch nicht böse. Sie verziehen verstohlen die Gesichter … doch auch sie können sich … nicht … wehren.
Oder doch?