Nächtliches Säuseln

Der Wind, der leise, der nordostige. In dieser Nacht streicht er um die Bäume, lockt, lächelt, setzt sich ins Gebüsch, stupst die Blätter, an, als wolle er sie ein wenig foppen und aus dem Schlaf reißen. Was sollen sie auch ruhen, wenn er, der Herr, unterwegs sein und ‚winden‘ muss? Nein! Das … geht … nicht. Nicht aus seiner machtgewohnten Warte aus. No way!
Schön ist’s, diesem Spielchen vom Fenster aus zuzusehen.
Reglos fast ruhen sich die Büsche im Garten von dem anstrengenden Windtag und der unbarmherzigen Trockenheit aus. Sie müssen Kraft sammeln für den nächsten sonnigen Windtag, das nächste Abenteuer. Doch der Wind, der sture, nervige Kerl, lässt sie nicht ruhen. Immer wieder zuckt ein anderes Blättchen auf, leise, etwas heftiger werdend und wieder verstummend. Ein kurzes, sanftes Fächeln hier, ein gequältes Aufbäumen dort, ein Winken, ein Wedeln, ein Singen, ein erstummendes Säuseln.
Ein nächtlicher Tanz in erprobter Choreografie.
Die Luft steht still. Starre. Ruhe. Dann ein Säuseln, ein Fächeln, ein Stöhnen, ein Winken. Wieder Ruhe. Windstille. Ein Moment nur und das Spiel beginnt von neuem. Zärtlicher nun, liebevoll, umwerbend. Er umarmt sie, die Blätter. Einzeln. Schmeichelnd. Verliebt? Wer weiß das schon.
Der Störenfried sitzt nun im Jasmin, der seinen Platz an der ungeschützten Seite zur Straße hin hat. Sein liebstes Opfer in diesem nächtlichen Spiel.
Ein fast unhörbares Pusten. Blätter zucken auf, eines nach dem anderen, ein bisschen wedeln die Zweige im Sog seines Atems nun hin und her, als tanzten sie zu einer stummen Melodie einen Walzer, einen langsamen, behutsamen, bedächtigen.
1,2,3/ 2,2,3/ 3,2,3/ 4,2,3. Pause. Atemholen. Ruhe. Und wieder von vorne. 1,2,3/ 2,2,3/ 3,2,3/ 4,2,3. Pause
Ein Zittern erfasst den ganzen Busch und die letzten, welken Blütenblätter schneien zu Boden.
Ich halte den Atem an. So schön ist es, dieses Spiel. So tröstend. Zärtlich. Sanft.
Mitternacht ist längst vorbei. Wir bleiben noch ein bisschen, die Sterne und ich. Und der Wind.


Der alte Jasmin