Durch den Wind

Tage wie diese möchte man nicht häufig haben. Es ist ein dunkler Tag. Regenwetter. Wind. Kühle. Verzerrte Gesichter mit misslaunigen Mienen. Masken habe ich hier im Dorf noch nie gesehen und ich bin froh darum. Man hält Abstand, das genügt. Aber es ist ein unzufriedener Abstand, der die Leute unglücklich macht. Das Lächeln fällt schwer. Mir auch. Ich gebe mir Mühe. „Kopf hoch, und wenn der Hals auch schmutzig ist, und lächeln.“ Das hat meine Mutter immer gesagt, wenn ich mal nicht gut drauf war. Ein typisches Kriegskindermotto. Bloß nicht zeigen, was man fühlt und wie es einem geht. Nein. Lächeln. Lächeln wir alles tot, bis wir uns selbst nicht mehr spüren.
Kriegskinder sind die Leute heute nicht mehr (ganz wenige ausgenommen), vielleicht lächeln sie deshalb nicht, sondern zeigen ihre unzufriedenen Muffelgesichter? Wer weiß? Doch was rede ich da überhaupt? Nein, ich lösche das nun nicht. Es käme einem aufgesetzten Lächeln mit Killergedanken gleich. Killergedanken gegen dieses unsichtbare Virus, das uns das Leben gerade gründlich versaut (auch das wird nicht zensiert, heute darf das sein) auf Jahre hinaus. Oder glaubt etwa jemand, in einem Monat ist das alles vorbei und wir feiern ein Weihnachtsfest, so wie wir es gewohnt sind? Sie werden wieder tagen so kurz vor Ende des Novembers und … Nein, ich sage es nicht. Nicht heute. Ich bin heute durch den Wind und damit ganz sicher nicht allein. Punkt. Ich habe fertig. Oder?

Danke auch …

„Ich weiß, dass wir längst zu den welken Blättern gehören,“ sagt die Frau in der Bäckerei und blickt mich vielsagend an. Ich nicke und überlege, wie es sich anfühlt, vom Baum zu fallen und in einer Pfütze zu landen.
Viel mehr ist über diesen Vormittag, glaube ich, nicht zu sagen.
Doch, gerade habe ich alle Verabredungen und Termine in diesem Jahr abgesagt und möchte einfach mal weinen. Danke auch, Corona!

Frühstück im Wald

Es regnet Bindfäden. Trotzdem eise ich mich – und vor allem den inneren Schweinehund – vom Frühstückstisch los, streife die alte, verwaschene Schimanskijacke des Mannes über meine Nachtklamotten und stakse durch die kleine Birkenallee bergaufwärts zu meinem Sommerfrühstücksplatz dort wo die Wiesen enden und der Wald anfängt. Clogs sind übrigens keine gute Idee für einen regennassen Herbstmorgen im Wald. Überhaupt ist es keine gute Idee, Sommertraditionen auch in der ungastlichen Jahreszeit beibehalten zu wollen. Nur mal so gesagt, ich lerne ja noch.
Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor an den Stamm der alten Birke gelehnt, den Kaffeebecher in der Hand (Auch eine Schnapsidee, der Kaffee ist kalt und schmeckt nach Regenwasser), und blicke aufs Dorf hinab.
Wie ausgestorben liegt es da, kein Leben regt sich und wüsste ich es nicht besser, könnte ich es für eine ausgestorbene, aufgelassene Waldsiedlung halten. Doch sie ist voller Leben, sogar mehr als sonst. Die Kinder haben Ferien und das Leben ist schön! Und alle ducken sich vor dem Virus wieder ein bisschen mehr als die Monate zuvor. Er macht das Leben auch hier im Walddorf still, verzagt, ratlos. Zu still.
Doch, halt, von der anderen Seite des Talgrunds her ertönt das röhrende Stöhnen einer Kuh. „Das machen sie nur, wenn sie gebären“, hat mir der Bauer einmal erklärt, und ich stelle mir vor, wie ein niedliches Kälbchen das Licht der Welt erblickt und sogleich von der Mutter entrissen wird, weil das so wirtschaftlicher ist. Ich seufze und vergieße ein paar Tränen. Da ist nichts von Landromantik, wie es uns Heimatfilme und Hochglanzhefte übers Landleben weismachen. Es ist halt nichts mehr so, wie man es sich vorstellen möchte. In diesen Tagen schon gar nicht.
Die Romantik des Regenmorgens ist nun endgültig dahin und ich beeile mich, ins Warme zu kommen, bevor ich mich erkälte. Das muss in diesen Zeiten ja nun wirklich nicht sein. Auf weitere Waldfrühstücksausflüge werde ich wohl besser verzichten … bis zum Frühling (Noch 163 Tage!)

Nachtrag:
Ich rätsele übrigens gerade über eine grammatikalische Frage nach zu dem obigen Satzbeginn:
„Und da stehe ich nun wie an vielen Sommertagen zuvor …“ Eigentlich wollte ich schreiben: „Und da stehe ich nun wie an vielen Sommermorgen zuvor …“, doch das klingt seltsam. Aber man kann doch nicht „Sommermorgenden“ schreiben!? Darf der Morgen kein Plural haben?
Ja, ich ahne die Antwort. Aber komisch klingt es schon, oder? Oder ist mir mein kleiner Ausflug gerade nicht bekommen?