Ein guter Ort

„Hey, du!“
Von irgendwo her aus dem dichten Blätterdach der alten Buche erklingt ein Stimmchen.
„Hey, du!“, ruft es mir zu.
Hey du?
Hey ich?
Meint es mich?
Ich blicke in die Krone des Baumes, schaue, suche, lausche.
Da ist niemand.
„Hey, du!“, rufe ich ins Blattgrün hinauf. „Wer bist du und wo bist du?“
„Ich bin ich!“, antwortet es von irgendwo da oben. „Und hier bin ich.“
„Du bist da und du bist du?“ Ich werde ein wenig ungeduldig. Nach solchen Spielchen steht mir an Tagen wie diesen wenig Sinn.
„Weißt du denn überhaupt, wer du bist?“, rufe ich, vielleicht ein wenig barsch.
Die Antwort kommt schnell.
„Weißt DU denn, WER DU bist?“, hallt es zurück.
Was für eine Frage.
Ich? Wer ich bin? Das weiß man doch.
Ich überlege, ob ich mich vorstellen soll, richtig offiziell mit Namen, Adresse, vielleicht auch Alter, wie man es üblicherweise tut. Aber ob das jemanden hier mitten im Wald interessiert?
Nachdenklich starre ich in das Grün der Blätter.
Wie dicht sie wachsen! Und mit wie vielen Farbtönen sie das Grün des Baumes zu einem ganz besonderen, hellen, freundlich schillernden Grün vereinen. Einem einladenden sommerlichen Grün.
Es ist ein freundliches Spiel mit Licht und Schatten.
Ich merke, wie ich ruhig werde.
Und ruhig stehe ich unter der großen, alten Buche und blicke ins Baumkronengrün hinauf.
Ich staune, bin ganz still und lausche den Stimmen des Baumes.
Leise und sanft schleicht sich der Wind durch die Äste.
Er sirrt. Singt seine kleine Sommermelodie.
Schmeichelnd umgarnt er die Blätter, flirtet mit ihnen, liebkost sie mit sanftem Hauch.
Er neckt sie auch und spielt sein Spielchen mit ihnen.
Es ist, als wolle er sie weglocken von ihrem Platz im Baum.
Ein Tänzchen möchte er mit ihnen tanzen. Weit in die Luft hinauf Trudelnd im Kreise. Auf und ab. Hin und her.
Immer wieder versucht er sein Glück, nimmt Anlauf, pustet sanft, sacht.
Die Blätter antworten mit einem trägen Schaukeln. Einmal auf diese, einmal auf die andere Seite.
Einige lassen sich voller Übermut auf das Spielchen ein. Sie drehen, biegen sich weit zur Seite, als wollten sie Pirouetten um ihre Stängel tanzen. Doch sie sind schlau. Sie lassen sich nicht locken.
Keines der Blätter lässt sich locken.
Es ist Sommer und der Baum ist ihr Heim.
Hier wollen sie bleiben. Treu. Zufrieden. Satt im saftigen Grün.
Und auch ich will noch ein wenig bleiben. Hier unter der alten Buche am Wegrand in „meinem“ Wald.
Hier ist nämlich gerade in diesem Augenblick für mich der richtige Ort und ich weiß nun, wer ich bin und wo ich bin.
An einem Ort, der immer für mich da ist.
Der mich zum Verweilen einlädt.
Der mir Ruhe schenkt, Gelassenheit, Kraft und inneren Frieden.
Der Ort, der gut tut.
Und das nicht nur heute …
Und wer hat nun „Hey du!“ gerufen?
Ehrlich gesagt, wenn ich mir die Buche genauer betrachte, entdecke ich viele kleine Gesichter. Baumgesichter.
Einige lachen mir zu, anderen blicken ernst.
Siehst du sie auch?