Sonntagsdüfte

Es duftet, als ich das Fenster öffne. Eigentlich will ich lüften, um Küchengerüche ins Freie zu entlassen. Doch ich gebe sie nun ab im Tausch mit einem verführerischen Bratenduft. Er duftet nach Sauerbraten, der Braten. Sauerbraten mit Kartoffelknödeln und Erbsen. Und Zimtapfelmus. Ja, so duftet es gerade draußen vor der Tür.
Ich schnuppere, halte Ausschau. Da! Das Fenster beim Nachbarn schräg rechts ist geöffnet. Zum Lüften. Zum Braten mit Klößen und Erbsen und Mus ins Freie entlassen, um Fremdnasen zu locken. Oder zu reizen, verführen?
Ich bin verführt und tausche dieses Aroma liebend gerne mit meinem Pfannkuchenduft, den ich gerade aus dem Zimmer entlassen möchte. Ob sich die Pfannkuchen mit dem Sauerbraten da draußen nun vermählen? Vielleicht dringen sie durchs Nachbarfenster und entlocken dort auch einen Seufzer, ein Sehnen nach Pfannkuchen im Austausch gegen Braten? Letzteren hat man dort jede Woche mal. Aber Pfannkuchen? Die nicht.
Ich seufze und beschließe, öfter wieder einmal einen Gang durchs Dorf zu machen. Sonntags, wenn die Leute beim Essen saßen. Hmmm! Wann habe ich eigentlich mit diesen Schnupperspaziergängen aufgehört und warum?
Früher, ja, da liebte ich sie. In der Kindheit schon, denn wir spazierten oft zur Essenszeit draußen herum. Den Hund ausführen und dem gerade genossenen Sonntagessen ein bisschen beim Verdauen helfen. Oder auf dem Weg zu einem der Lieblingsrestaurants meiner Eltern, wo wir an Wochenenden oft aßen. In der Erinnerung genieße ich nun all diese leckeren Gerüche und die vielen Wirtshausmahlzeiten. Damals habe ich sie gehasst. So sehr, dass ich die Freude aufs Essen verlernte und eine Weile fast gar nichts mehr aß. Die Figur dankte es mir, die Seele nicht.
Ob ich gleich nochmal das Fenster öffnen soll? Vielleicht wird gerade wieder gekocht? Ach was, ich gehe besser gleich selbst nachsehen. Spazieren gehen kann ich schließlich immer, auch ohne Alibi-Hund.

Vom Plappern und Zuhören und Erinnern

Oben auf der Wiese am Waldrand das Kind, das dem Opa beim Holzaufschichten hilft und unentwegt plappert. Seine Stimme hallt zu mir herunter und ich lausche. Nicht alles kann ich verstehen, was das kleine Mädchen dem Großvater erzählt. Doch es sind wichtige Dinge, die es zu berichten hat. So wichtig, dass sein kleines Plappermäulchen keinen Moment still steht. Und der alte Mann, der schichtet in stoischer Ruhe Holzscheit für Holzscheit zu einer akkurat stehenden Brennholzwand unter den Bäumen am Rand der Wiese. Ob er dem kleinen Mädchen zuhört? Oder lässt er es einfach plappern und denkt an ganz andere Dinge, die nichts mit Schulabenteuern, Elternweisheiten und der neuen Freundin, die so komisch und trotzdem nett ist, zu tun haben?
Und ich höre ein anderes Mädchen auf seinen Opa einplappern. Unterwegs auf den täglichen Nachmittagsspaziergängen durch das Städtchen, über Feldwege und Weinbergpfade, die der großväterlichen Gesundheit dienen sollten und die doch stets ungesund im Café oder im Hotel der Königsvilla, in Weinlokalen der Nachbardörfer bei einem Viertel Weißen und einem Traubensaft mit Käsekuchen endeten.
Was der Großvater damals wohl von den Kleinmädchenerzählungen vernommen und aufgenommen hatte? Hatte er zugehört, während er seine Füße Schritt für Schritt dem lohnenden Ziel, den Viertele Wein, zulenkte und hin und wieder „Hm! Hm!“ oder ein „Vorwärts! Weiter!“ oder ein „Nicht stehenbleiben!“ brummte?
Wahrscheinlich genau so wenig wie der Großvater drüben auf der Wiese, der noch immer Holz nach Holz nach Holz stapelt und sicher auch ab und zu dem Kind ein „Hm! Hm!“ zur Antwort gibt.
Und es ist okay so. Heute wie damals.
Es … ist … okay!
Und das kleine Mädchen dort wird es ebensowenig vergessen, wie das andere kleine Mädchen, das bald so alt ist wie einst der Großvater, es auch nie vergessen hat und mit einem Schmunzeln – und auch ein paar erstickten Tränen – an das Damals nun denkt.

 

Die erste Himbeere

Mit Andacht pflücke ich die erste Himbeere vom neu gepflanzten Strauch. Es ist die einzige rote. Ich schnuppere an ihr. Lange. Schließe die Augen. Genieße. Stelle mir vor, wie ich sie auf meine Zunge lege und das Kitzeln ihrer zarten pelzigen Haut erspüre. Ich verharre, genieße die Vorfreude. Sie duftet so würzig und himbeerig nach Sommer, dass ich einen jener Momente erlebe, in denen ich meine, das Glück durch meinen ganzen Körper rieseln und in die Seele einzukuscheln erspüre. So ein Moment ist das. Ein Moment puren Sommerglücks. Ja, er ist da und er verharrt auch. So lange, wie auch ich innehalte, um ihn nicht so schnell zu verlieren. Es soll bleiben, dieses Gefühl, völlig in mir zu sein, in diesem Sommertag, in meinem Leben. Eins und zufrieden, ja, glücklich.
Und glücklich lausche ich den Erinnerungen aus der Kindheit hinterher, in der wir barfuß durch Omas Obstgarten geschlichen sind nach hinten zu den Beerensträuchern. „Pflücken verboten, sonst gibt es keine Marmelade“, hat Oma immer gesagt und dabei den Zeigefinger mahnend erhoben. Ihre Augen aber haben gelächelt und dieses Lächeln haben wir mitgenommen auf unseren Raubzug ins verbotene Beerenland. Es hat das Beerennaschen versüßt und den Sommerferientag so geadelt, dass Beeren – und verbotene Naschraubzüge – für immer nun in unseren Erinnerungen festgemeißelt sind. Wenn wir später mit rot verschmierten Händen und Mündern wieder bei ihr in der Küche eintrafen, lachte Oma und sagte: „Ihr kleinen Räuber! Habt ihr auch für die Vögel noch etwas übrig gelassen – und für eure armen Großeltern?“
Arme Großeltern? Da lachten wir auch, denn in unseren Augen waren Oma und Opa riesig reich, weil sie einen so tollen, großen Garten hatten, den man nur erreichen konnte, wenn man den Mut hatte, sich den Weg alleine durch das schmale, schattige, mit dichten Holunder-, Weißdorn und Wildrosensträuchern fast zugewachsene Pfädchen, das sich zwischen den Schuppen und Ställen hinter dem Haus hindurchschlängelte zum Garten und den Weinbergen hin.
Oma wohnte im Paradies!
Ja, es war ein Paradies und gerade liegt es in meinen Erinnerungen einladend vor mir.
Ich öffne die Augen und bin immer noch glücklich. Ein bisschen wehmütig glücklich.
„Danke, kleine Himbeere“, murmle ich, lege die Beere auf die Zunge und zerdrücke sie ohne weiter nachzudenken mit Zunge und Gaumen. Sie schmeckt sauer. Sehr sauer. Und sehr himbeerig, und darauf kommt es an.
Die Erinnerung an Omas Obstgarten begleitet mich nun durch den Tag, zusammen mit jenem Gefühl des absoluten Glücks, das sich so rein oft nur in der Kindheit verbirgt.


Blümchennostalgie

Das traurige Lied zum fröhlichen Mai

„Der Maiwald ist der schönste Wald.“ So sagten es die Eltern. Fast jede freie Minute verbrachten sie mit uns zur Maienzeit (und nicht nur da) im Wald. Es waren viele „nervige“ Wanderminuten“ und es dauerte Jahrzehnte, bis ich mich von jenen damaligen Wald- und Wanderzwängen erholt hatte und freiwillig wieder gerne in den Wald ging, nicht nur dem Hunde zuliebe.

Als ich aber noch klein war, liebte ich diese Waldmomente mit meinen Eltern. Der erste Mai galt für uns – und für viele andere Menschen in der damaligen Zeit auch –  als ein besonderer Waldtag, und ich war erfüllt von tiefer Ehrfurcht vom Phänomen „Maienwald“. Warum? An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die frischen grünen Blättern an den Bäumen, die Veilchen, Buschwindröschen, Maiglöckchen und Kleeblümchen, die überall den Waldboden übersäten, die würzige Frühlingsluft, die nach frischer Erde und alten, verrotteten Blättern, nach Vanillehonig und Apfelblüten duftete, und an jenes Mozartlied, das ich damals so sehr liebte. Nein, ich liebe es noch immer und ich erinnere mich noch ganz genau:
„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache, die kleinen Veilchen blühn.
Wie möcht‘ ich doch so gerne ein Veilchen wieder sehn,
ach lieber Mai, wie gerne, einmal spazieren gehn…“ *

Ich sang es voller Inbrunst damals mit dünner, empathischer Kinderstimme und Tränen rannen dabei über meine Wangen. Einfach, weil alles so schön war in diesen Augenblicken: der Maiwald, das frische Grün, der Duft, die warme Luft und die wunderfeine, zarte Melodie, die der junge Mozart diesem Text verliehen hatte. Und dann dachte ich an Mozart und jenes Bilderbuch, das sein kurzes Leben erzählte und das ich so sehr liebte, und musste noch mehr weinen. Weil die Melodie so traurig-schön ist und weil Mozart so jung hatte sterben müssen. Das hatte mich als kleines Mädchen zutiefst betrübt und irgendwie hatte ich es Mozart in meinem tiefsten Innern nicht verzeihen wollen. Wie konnte er so früh gehen? All die ungeschriebenen Lieder und Melodien. Nein, es war unfassbar für mich. Damals.

So verbinde ich noch heute den ersten Mai mit dem Wald und mit jenem Lied und dem toten Mozart, und wenn ich die Melodie jetzt wieder höre, sind auch die Tränen ganz nah.
So traurig schön … und ein so traurig schöner Monat ist der Mai auch für mich, und auch hier könnte ich den Grund nicht benennen, warum ich so empfinde. Man muss auch nicht alles begründen.

*Text: Christian Adolf Overbeck, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart


Maiwaldgrün

Karfreitagspanik

Karfreitag, so plauderte die Sprecherin im Radio heute Morgen, sei unter anderem ein Tag der Besinnung, der Einkehr, des Nachdenkens, des … Sie nannte noch viele Allgemeinplätze.
Karfreitag ist für mich, irgendwie, schon immer ein seltsam trauriger Tag. Ein Relikt aus der Kindheit. Da nämlich lernte ich, dass man an Karfreitag nicht lachen, kein Fleisch und keinen Kuchen essen, nicht laut singen und tanzen dürfe, nicht …
Karfreitag war ein Tag des Nichtdürfens, des Müssens und Sollens. Der Kirchgang war eine dieser Pflichten, hinter denen ein Muss stand. Ein düsteres Muss, das mich alle Jahre wieder vor Grauen schaudern ließ: Die Messe dauerte extra lang, es gab viel Getöse und Gebete und Weihrauch-Geschwenke und mir wurde schlecht. Es war der nackte Horror für mich mit meiner katholischen Mutter, dem protestantischen Vater, der streng lutheranisch gläubigen Großmutter väterlicherseits und dem atheistischen Großvater mütterlicherseits. Ich war ein ungläubiges Glaubensmischlingskind und das dürfte man im Kleinstädtchen meiner Kindheit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man beäugte mich mit Argwohn. Meine Mutter war in der Kirche nicht gern gesehen, weil sie einen Protestanten geheiratet hatte. Mein Vater machte alles, was mit Religion zu tun hatte, lächerlich. Oma hing an den Lippen ihres lutherischen Pfarrers und Opa wurde beim Thema ‚Kirche‘ ungehalten und es war besser, in seiner Gegenwart zu diesem Thema zu schweigen. Ich hätte auch gerne geschwiegen und noch lieber hätte ich auf all das Kirchen- und Glaubensgedöns verzichtet. Da die Lehrerin meiner katholischen Grundschule jedoch ihre Zeugnisnoten vom regelmäßigen Kirchgang, ganz besonders zu Feiertagen, abhängig machte (wer schwänzte, wurde hochoffiziell im Unterricht an den Pranger gestellt, heute würde man es Mobbing nennen), musste ich alleine zur Messe gehen. Das war besonders schlimm an Karfreitag.
Der war ein grauer Tag in meinem jungen Leben. Und ein beängstigender. Wenn mein Vater später mit einem fast diabolischen Grinsen ein Stück Fleisch oder Wurst aß, um Mama und/oder Oma zu provozieren, verharrte ich starr vor Schreck und Angst begann in mir zu rumoren. Musste Papa nun sterben? Und kam er dann in die Hölle? Fleisch essen zu Karfreitag war eine Sünde, eine Todsünde, so hatte ich es in der Schule gelernt, und ich war fest davon überzeugt, dass sich der Erdboden auftun und meinen sündigen Vater mit sich in die Tiefe des höllischen Feuers reißen würde. Den ganzen Tag, auch Karsamstag noch, raste mein Herz und ich wartete darauf, dass eine Hand vom Himmel her drohend zu uns herab winken würde. Ich schlief schlecht und von meinen Träumen möchte ich lieber nichts erzählen. Erst am Ostersonntag konnte ich aufatmen. Wir waren nochmal davongekommen, das Schicksal hatte es gut mit uns gemeint. Diese Erleichterung, die meine Kinderseele dankbar durchflutete, war für mich etwas wie meine eigene kleine Osterbotschaft.

Heute habe ich übrigens zum ersten Mal an Karfreitag Fleisch gegessen: Pfannkuchen mit buntem Gemüse und Bolognesesoße. Es hat köstlich geschmeckt und da ist auch keine Hand nun, die mir vom Himmel her droht. Es hat lange gedauert, dieses Gesunden meiner karfreitagstraumatisierten Seele. Verdammt lange.