Die erste Himbeere

Mit Andacht pflücke ich die erste Himbeere vom neu gepflanzten Strauch. Es ist die einzige rote. Ich schnuppere an ihr. Lange. Schließe die Augen. Genieße. Stelle mir vor, wie ich sie auf meine Zunge lege und das Kitzeln ihrer zarten pelzigen Haut erspüre. Ich verharre, genieße die Vorfreude. Sie duftet so würzig und himbeerig nach Sommer, dass ich einen jener Momente erlebe, in denen ich meine, das Glück durch meinen ganzen Körper rieseln und in die Seele einzukuscheln erspüre. So ein Moment ist das. Ein Moment puren Sommerglücks. Ja, er ist da und er verharrt auch. So lange, wie auch ich innehalte, um ihn nicht so schnell zu verlieren. Es soll bleiben, dieses Gefühl, völlig in mir zu sein, in diesem Sommertag, in meinem Leben. Eins und zufrieden, ja, glücklich.
Und glücklich lausche ich den Erinnerungen aus der Kindheit hinterher, in der wir barfuß durch Omas Obstgarten geschlichen sind nach hinten zu den Beerensträuchern. „Pflücken verboten, sonst gibt es keine Marmelade“, hat Oma immer gesagt und dabei den Zeigefinger mahnend erhoben. Ihre Augen aber haben gelächelt und dieses Lächeln haben wir mitgenommen auf unseren Raubzug ins verbotene Beerenland. Es hat das Beerennaschen versüßt und den Sommerferientag so geadelt, dass Beeren – und verbotene Naschraubzüge – für immer nun in unseren Erinnerungen festgemeißelt sind. Wenn wir später mit rot verschmierten Händen und Mündern wieder bei ihr in der Küche eintrafen, lachte Oma und sagte: „Ihr kleinen Räuber! Habt ihr auch für die Vögel noch etwas übrig gelassen – und für eure armen Großeltern?“
Arme Großeltern? Da lachten wir auch, denn in unseren Augen waren Oma und Opa riesig reich, weil sie einen so tollen, großen Garten hatten, den man nur erreichen konnte, wenn man den Mut hatte, sich den Weg alleine durch das schmale, schattige, mit dichten Holunder-, Weißdorn und Wildrosensträuchern fast zugewachsene Pfädchen, das sich zwischen den Schuppen und Ställen hinter dem Haus hindurchschlängelte zum Garten und den Weinbergen hin.
Oma wohnte im Paradies!
Ja, es war ein Paradies und gerade liegt es in meinen Erinnerungen einladend vor mir.
Ich öffne die Augen und bin immer noch glücklich. Ein bisschen wehmütig glücklich.
„Danke, kleine Himbeere“, murmle ich, lege die Beere auf die Zunge und zerdrücke sie ohne weiter nachzudenken mit Zunge und Gaumen. Sie schmeckt sauer. Sehr sauer. Und sehr himbeerig, und darauf kommt es an.
Die Erinnerung an Omas Obstgarten begleitet mich nun durch den Tag, zusammen mit jenem Gefühl des absoluten Glücks, das sich so rein oft nur in der Kindheit verbirgt.


Blümchennostalgie

Das traurige Lied zum fröhlichen Mai

„Der Maiwald ist der schönste Wald.“ So sagten es die Eltern. Fast jede freie Minute verbrachten sie mit uns zur Maienzeit (und nicht nur da) im Wald. Es waren viele „nervige“ Wanderminuten“ und es dauerte Jahrzehnte, bis ich mich von jenen damaligen Wald- und Wanderzwängen erholt hatte und freiwillig wieder gerne in den Wald ging, nicht nur dem Hunde zuliebe.

Als ich aber noch klein war, liebte ich diese Waldmomente mit meinen Eltern. Der erste Mai galt für uns – und für viele andere Menschen in der damaligen Zeit auch –  als ein besonderer Waldtag, und ich war erfüllt von tiefer Ehrfurcht vom Phänomen „Maienwald“. Warum? An die Gründe erinnere ich mich nicht mehr. Nur an die frischen grünen Blättern an den Bäumen, die Veilchen, Buschwindröschen, Maiglöckchen und Kleeblümchen, die überall den Waldboden übersäten, die würzige Frühlingsluft, die nach frischer Erde und alten, verrotteten Blättern, nach Vanillehonig und Apfelblüten duftete, und an jenes Mozartlied, das ich damals so sehr liebte. Nein, ich liebe es noch immer und ich erinnere mich noch ganz genau:
„Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün
und lass mir an dem Bache, die kleinen Veilchen blühn.
Wie möcht‘ ich doch so gerne ein Veilchen wieder sehn,
ach lieber Mai, wie gerne, einmal spazieren gehn…“ *

Ich sang es voller Inbrunst damals mit dünner, empathischer Kinderstimme und Tränen rannen dabei über meine Wangen. Einfach, weil alles so schön war in diesen Augenblicken: der Maiwald, das frische Grün, der Duft, die warme Luft und die wunderfeine, zarte Melodie, die der junge Mozart diesem Text verliehen hatte. Und dann dachte ich an Mozart und jenes Bilderbuch, das sein kurzes Leben erzählte und das ich so sehr liebte, und musste noch mehr weinen. Weil die Melodie so traurig-schön ist und weil Mozart so jung hatte sterben müssen. Das hatte mich als kleines Mädchen zutiefst betrübt und irgendwie hatte ich es Mozart in meinem tiefsten Innern nicht verzeihen wollen. Wie konnte er so früh gehen? All die ungeschriebenen Lieder und Melodien. Nein, es war unfassbar für mich. Damals.

So verbinde ich noch heute den ersten Mai mit dem Wald und mit jenem Lied und dem toten Mozart, und wenn ich die Melodie jetzt wieder höre, sind auch die Tränen ganz nah.
So traurig schön … und ein so traurig schöner Monat ist der Mai auch für mich, und auch hier könnte ich den Grund nicht benennen, warum ich so empfinde. Man muss auch nicht alles begründen.

*Text: Christian Adolf Overbeck, Musik: Wolfgang Amadeus Mozart


Maiwaldgrün

Karfreitagspanik

Karfreitag, so plauderte die Sprecherin im Radio heute Morgen, sei unter anderem ein Tag der Besinnung, der Einkehr, des Nachdenkens, des … Sie nannte noch viele Allgemeinplätze.
Karfreitag ist für mich, irgendwie, schon immer ein seltsam trauriger Tag. Ein Relikt aus der Kindheit. Da nämlich lernte ich, dass man an Karfreitag nicht lachen, kein Fleisch und keinen Kuchen essen, nicht laut singen und tanzen dürfe, nicht …
Karfreitag war ein Tag des Nichtdürfens, des Müssens und Sollens. Der Kirchgang war eine dieser Pflichten, hinter denen ein Muss stand. Ein düsteres Muss, das mich alle Jahre wieder vor Grauen schaudern ließ: Die Messe dauerte extra lang, es gab viel Getöse und Gebete und Weihrauch-Geschwenke und mir wurde schlecht. Es war der nackte Horror für mich mit meiner katholischen Mutter, dem protestantischen Vater, der streng lutheranisch gläubigen Großmutter väterlicherseits und dem atheistischen Großvater mütterlicherseits. Ich war ein ungläubiges Glaubensmischlingskind und das dürfte man im Kleinstädtchen meiner Kindheit nicht auf die leichte Schulter nehmen. Man beäugte mich mit Argwohn. Meine Mutter war in der Kirche nicht gern gesehen, weil sie einen Protestanten geheiratet hatte. Mein Vater machte alles, was mit Religion zu tun hatte, lächerlich. Oma hing an den Lippen ihres lutherischen Pfarrers und Opa wurde beim Thema ‚Kirche‘ ungehalten und es war besser, in seiner Gegenwart zu diesem Thema zu schweigen. Ich hätte auch gerne geschwiegen und noch lieber hätte ich auf all das Kirchen- und Glaubensgedöns verzichtet. Da die Lehrerin meiner katholischen Grundschule jedoch ihre Zeugnisnoten vom regelmäßigen Kirchgang, ganz besonders zu Feiertagen, abhängig machte (wer schwänzte, wurde hochoffiziell im Unterricht an den Pranger gestellt, heute würde man es Mobbing nennen), musste ich alleine zur Messe gehen. Das war besonders schlimm an Karfreitag.
Der war ein grauer Tag in meinem jungen Leben. Und ein beängstigender. Wenn mein Vater später mit einem fast diabolischen Grinsen ein Stück Fleisch oder Wurst aß, um Mama und/oder Oma zu provozieren, verharrte ich starr vor Schreck und Angst begann in mir zu rumoren. Musste Papa nun sterben? Und kam er dann in die Hölle? Fleisch essen zu Karfreitag war eine Sünde, eine Todsünde, so hatte ich es in der Schule gelernt, und ich war fest davon überzeugt, dass sich der Erdboden auftun und meinen sündigen Vater mit sich in die Tiefe des höllischen Feuers reißen würde. Den ganzen Tag, auch Karsamstag noch, raste mein Herz und ich wartete darauf, dass eine Hand vom Himmel her drohend zu uns herab winken würde. Ich schlief schlecht und von meinen Träumen möchte ich lieber nichts erzählen. Erst am Ostersonntag konnte ich aufatmen. Wir waren nochmal davongekommen, das Schicksal hatte es gut mit uns gemeint. Diese Erleichterung, die meine Kinderseele dankbar durchflutete, war für mich etwas wie meine eigene kleine Osterbotschaft.

Heute habe ich übrigens zum ersten Mal an Karfreitag Fleisch gegessen: Pfannkuchen mit buntem Gemüse und Bolognesesoße. Es hat köstlich geschmeckt und da ist auch keine Hand nun, die mir vom Himmel her droht. Es hat lange gedauert, dieses Gesunden meiner karfreitagstraumatisierten Seele. Verdammt lange.