Sie schlafen noch

Geh, Winter!
Der Schnee ist weg. Erster Rundgang im Garten. Viel gibt es zu sehen, auch das, was es noch nicht zu sehen gibt. Die Krokusse und Schneeglöckchen zum Beispiel. Oder der Giersch. Unsichtbar. Nichts. Sie schlafen alle noch. Nicht mal eine Andeutung.
Dafür aber Pfefferminze, die es überlebt hat, und erste Schnittlauchspitzchen. Wie wundervoll! Und die verdorrten und vergessenen Blumenzwiebeln vom letzten Jahr, die in einer Ecke in ihren schäbigem Plastiktöpfen ein erbarmungswürdiges Dasein führen. Sie stehen mit ihren Füßen im dicken Eis noch und treiben alle aus. Einige haben schon lange Triebe. Sie beschämen mich, diese verschmähten Pflänzchen. Und wie sehr!
Im Kräutertrog ernte ich Thymian und Rosmarin, die Melissen- und Pfefferminztriebe lasse ich stehen, obwohl mir das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn ich an  Minztee aus frischen Kräutern denke. Welches Sehnen! Aber sie sollen sich erholen, die Pflänzlein, und weiter treiben. Ich werde sie hegen und pflegen und wie meinen Augapfel hüten. Und ich nehme mir vor, ihnen im Sommer, wenn sie in ihrer Fülle alles wieder zuwuchern werden, netter und duldsamer zu begegnen. Sie verdienen es.
Danke, dass ihr alle überlebt hat, ihr Lieben! Dankeschön. Ich werde euch nun wieder täglich besuchen, so wie es das Wetter zulässt. Bis morgen!

Jene Momente

Sonntagnachmittag im Oktober. Unerwartet reißt doch noch der Himmel auf und Sonnenlicht ergießt sich über die regennasse Tristesse. Die Sonnenstrahlen, die durch den Garten irren, zaubern ein magisches Flirren in den Nachmittag. Es ist jenes Flimmern, das die Welt für einen Moment unwirklich erscheinen lässt und all die kleinen Traurigkeiten wegzaubert. Und irgendwie ist plötzlich alles anders und du merkst, wie sich ein Lächeln auf dein Gesicht stiehlt. Ein Lächeln, das sich bei dir wohl fühlt und es sich bequem macht, als wolle es bleiben. Und die Sonnenstrahlen streicheln die Gesichter der Oktoberblümchen, als seien sie nur dazu da, um der Welt ein anderes, fröhlicheres Licht zu schenken. Vielleicht ist es ja so?
Es sind jene Momente, die keiner erwartet.
Und jeder braucht sein Märchen. Jeden Tag aufs Neue.