Sehnsucht – Dienstagspoesie

Sehnsucht

Ich saß oft unterm Feigenbaum
und träumte einen Sommertraum
von Sonne, Wärme, Blütenduft
und würzig frischer Abendluft.

Mein Traum dort unterm Feigenbaum,
ich träumt‘ ihn oft und lebt‘ ihn kaum.
Des Lebens Fülle lockte breit,
nur eines fehlte, das war Zeit.

So lief ich unterm Feigenbaum
ihm hinterher, dem Zaubertraum.
Er lag in Fesseln gut verschnürt,
von Freiheit hab ich nichts gespürt.

Ein Traum gegen die Herbstkälte – innen und außen und nicht nur dem Wetter und der Jahreszeit geschuldet.

Alte Weiber

Alte ‚Weiber-
Spinnenleiber
malen Spuren zart ins Land
Wie gesponnen,
so zerronnen.
Endlichkeit, der Zeiten Pfand.

Tage gehen,
Winde wehen,
pusten fort den Silberglanz.
Fäden beben.
Silbrig schweben
sie im letzten Abschiedstanz.

Fäden weben,
Fäden kleben,
immer weiter dreht das Jahr
seine Runde
Stund‘ um Stunde.
Nichts ist mehr, wie es mal war.

Worte

Worte 
(aus der Sammlung HAPPY WORDS)
.
Worte tanzen
wie Elfen in Sommertagen
und Federn so leicht
über Wiesen, Felder,
Gärten und Wälder
in den Lüften schwebend
bis zum Himmel hinauf,
wo sie mit den Wolken ziehen
weit weg hin zu Welten,
die so fern und doch nah
und für jeden, der mit ihnen
spricht, immer da.
.
(Inspiriert von Lessings: „Worte sind Luft. Aber die Luft wird zum Wind und Wind macht die Schiffe segeln.“)

Worte
Sommergartennachmittag

Kein Zuhause für das Leben

Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich noch mehr Steine und Sand und Beton. Das kleine Nebengartenökotop musste an den letzten beiden Wochenenden einem Autostellplatz Platz machen. Weg mit den Schneeglöckchen, dem Scharbockskraut und den vielen vielen Löwenzahnblümchen, die hier unter Fliederzweigen eine feine Nahrungsquelle für Krabbler und kleine Flugtiere bot. Weg und kahl. Rote Klinkerplatten ersetzen eine kleine grüne Welt mit bunten Blütentupfern. Für ein Auto! Es ist wichtiger als ein Lebensraum und Nahrung für Käfer, Wildbienen, Schmetterlinge. Auto, die heilige Kuh. Nur: Man kann es nicht essen. Vielleicht denken wir in 20 oder 30 oder 40 Jahren daran mit einem „Hätten wir damals doch umsichtiger gehandelt. Hätten wir doch einfach mal vorausgedacht!“
Hätten. Konjunktiv.
Der Nachbar hat vier Autos und ein Geschäfts-Van und eine Handvoll Motorräder. Klar sind die wichtigere als ein bisschen Gras mit Unkräutern drin. Ganz klare Sache. Gell?

Kein Zuhause für das Leben

Das Gras ist weg!
Es hat gestört.
Es brachte nicht viel ein.
Wozu muss bloß
ein Gärtchen hier
an diesem Ort auch sein?

Der Platz ist kahl!
Es blüht nichts mehr.
Zwei Autos ziehn hier ein.
Kein Schmetterling,
kein Bienchen mehr
wird hier zuhause sein.

Das Leben stockt.
Still ist’s hier nun.
Es gibt nichts mehr zu sehn.
Aus Blütenduft
wird Ölgestank,
weil Autos hier nun stehn.

© E. E. M.