Der Todo

„Keine Chance hat er heute bei mir, der Todo“, sage ich beim Frühstück und lächele. „Ich muss nur noch rasch dies und jenes und das erledigen, dann werde ich ihn für dieses Wochenende zum Teufel schicken.“
Ihn, den Todo.
Sage ich und erledige noch rasch dies und jenes und das und noch eins, zwei, drei, vier, fünf oder mehr Kleinigkeiten mehr.
„Nun geh, Todo!“, bitte ich ihn gegen Nachmittag. „Wir haben Wochenende und frei.“
„Frei?“, fragt er mich und schaut mich mit diesen strengen Blicken an, die sich wie juckende Pfeile in meinen Körper bohren.
Ich kratze mich dezent und suche nach einer Waffe, mit der ich ihn ähnlich wie mit einer Fliegenklatsche zum Schweigen bringen kann. Die Kuscheldecke tut es in dem Falle auch. Ich breite sie über Todo und seine Werkzeug-Utensilien und sage: „Ätsch!“
„Ätsch!“, hallt es unter der Decke hervor. Es hallt nur leise. 
Dann ist Ruhe und ich blicke fröhlich aus dem Fenster.
Die Sonne hat den Morgennebel vertrieben, der Himmel ist blau, die Bäume schimmern rot, gelb, golden braun. 
Welt, ich komme!
„Warum liegt die Decke über deinem Schreibtisch?“, fragt der Liebste in diesem Augenblick.
„Todo schläft“, antworte ich. „Er braucht eine Pause, der lästige Kerl.“
„Was für’n Kerl?“ Der Liebste sieht mich misstrauisch an, ballt unmerklich die Fäuste und blickt sich im Zimmer um. Einen fremden Kerl aber sieht er nicht. Kann er auch nicht. Den habe ich ja unter der Decke begraben.
In dem Augenblick bimmelt das Smartphone. Es liegt bei Todo unter der Decke.
Ich zögere, die Neugier siegt … und Todo ist wieder frei.
 Und wie frei er ist! Mit nichts mehr ist er zu bändigen und schon gar nicht will er sich noch einmal unter eine Decke oder sonst wohin verbannen lassen.
Geht auch nicht. Nach dem Telefonat nämlich sitze ich neben dem grinsenden Todo sinnend am Schreibtisch und schreibe eine neue Liste für die nächsten Tage. Überschrift: „To do“!
(Darunter, ganz klein: Vergiss nicht das Sabbatjahr!) 😉



Bildquelle (C) Free-Photos/pixabay