Wie geht es dir?

„Wie geht’s dir?“, ruft mir eine Stimme am Telefon fröhlich zu.
„Danke der Nachfrage“, freue ich mich. „Es geht mir nicht so besonders. Ich hatte in letzter Zeit etwas …“
„Oh, wie fein! Wusstest du eigentlich schon, dass die x mit dem y dem z ein … ach was, nein, das kann ich dir am Telefon nun wirklich nicht sagen … “
„Wie bitte?“
Themenwechsel. Schon plappert es weiter aus dem Hörer.
„Das Wetter ist auch nicht mehr so, wie es einmal war“, tönt es.
„Hmm ja!“
Was soll ich darauf antworten?
„Aber gestern waren wir lecker essen. Und teuer, sag ich dir, meine Liebe. Teuer. Aber was tut man nicht alles, um in der Gesellschaft das Gesicht zu wahren, nicht wahr?“
Seufzen.
Ich seufze auch.
„Oh ja…“, beeile ich mich zu sagen.
„Ach, übrigens, ich habe ganz vergessen zu fragen, wie es dir geht“, dröhnt es mir da bereits ein zweites Mal entgegen.
„Oh, mir geht es wundervoll“, föhne ich im Inbrunst zuversichtlicher Überzeugung zurück.
Schweigen. Verhalten. Für einen kurzen Moment.
Ausatmen. Ich höre es deutlich.
„Oh! Ja, dann“, kommt es zögernd. „Ich kann nur sagen: Glückspilz. Du hast es in der Tat gut getroffen.“
Wieder ein Seufzen. Nein, ein unterdrücktes Stöhnen eher. Dann, leiser, mit einem wehleidigen Mollton in der Stimme:
„Wenn du wüsstest, wie schlecht ich mich eigentlich fühle. So von Innen heraus, von der Seele her, verstehst du? Trübe! Ganz ganz trübe sieht es da in mir aus. Und das alles wegen jener Sache … Ach! (Schrilles Quieken!) Darüber muss ich dir ja überhaupt ALLES erst noch erzählen. Also … Das kam so: Als wir von den Seychellen zurückkamen … laber … laber …blabla … – Hey, hörst du mir überhaupt zu? Wo bist du denn auf einmal? … Unverschämtheit. Einfach schweigen. Du wirst auch immer oberflächlicher, meine Liebe! Da musst du dich nicht wundern, dass du immer sonderlicher wirst. Fast könnte man sagen, du vereinsamst. … Tsss… Aber ich sage dir eines! Wenn du dich nicht bald am …“
Was man mir noch sagen wollte, habe ich nicht mehr vernommen. Ich habe auf die „Aus-Taste“ gedrückt. Vorsichtig. Leise.
Diese Freiheit hab ich mir genommen. Weil ich, wie schon erwähnt,  ein Glückspilz bin. Aber irgendwie muss ich jetzt an die frische Luft.


Wie geht es dir heute?