Macht’s gut

Aufgewühlt der Himmel heute.
Aufgewühlt auch ich.
Aufgewühlt die Stare, die sich den ganzen Vormittag schon am Himmel versammeln.
Aufgewühlt. Aufgeregt. Geschwätzig. Reisefiebrig.
Viele quirlige Pünktchen malen dunkle Tupfer überall an den Himmel.
Laute Tupfer.
Sie tanzen ihren Abschieds-Himmelstanz. Laut und dennoch verhalten fröhlich.
Sie müssen ziehen, aber sie gehen nicht gerne.
Scheint mir.
Ich hebe die Hände, will hinauf greifen, die Finger in die Wolken tauchen und sie alle festhalten, diese Starenpünktchen.
„Bleibt!“, will ich rufen. „Geht noch nicht. Euch bleibt noch Zeit.“
„Zeit. Zeit. Weit. Soweit. Bereit.“ So hallt es mir entgegen.
Ich schweige. Ich begreife. Lasse los.
Was sonst?
„Tschüs! Macht’s gut. Und kommt heil wieder, hört ihr?“, murmle ich.
Ich murmle es leise.
Sie haben nämlich keine Zeit mehr, mir zuzuhören.
Und dann, einen Augenblick später, sind sie weg.
Wolken ziehen auf. Sie bringen kühle Luft mit.

 

 

Es fängt doch erst an

„Schön, nicht?“, fragt die Fremde und deutet auf die ersten gelben Blätter inmitten des Waldgrüns. Sie seufzt. „Der Herbst ist so schön. So fröhlich seine Farben. Kein Wunder. Ihn wird es immer wieder geben. Alle Jahre aufs Neue. Aber was ist mit uns? Wir haben nur den einen Herbst.“
Verwundert blicke ich auf und jetzt erkenne ich sie. Es ist die Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnt und nach dem Auszug ihrer Studentensöhne lange verreist war. Sie trägt ihr hellblondes Haar nun lang. Überhaupt hat sie sich verändert. Früher eher bieder, langweilig trägt sie nun hautenge Jeans, pinkfarbene, hochhackige Stiefeletten und ein noch engeres, ebenfalls pinkfarbenes Shirt und sieht mit ihrer mädchenhaft schmalen Figur von weitem eigentlich aus wie ein … Mädchen.
Sie tritt näher, lächelt verlegen.
Ich lächle auch, will etwas sagen, doch sie kommt mir zuvor:
„Ich weiß, dass wir längst zu den welken Blättern gehören,“ Sie deutet zu den Herbstblättern hinüber. „Das letzte Drittel. Man ist körperlich nicht mehr so fit, das Denken fällt schwerer und bei vielen dieser Neuheiten, die das Leben heute bestimmen, stehen wir am Rande. Wir kommen längst nicht mehr mit.“ Sie macht eine Pause.
„Wir sind doch noch lange nicht …  alt!“, will ich protestieren, doch sie fährt schon fort:
„Aber eines habe ich mir geschworen: Ansehen, nein, ansehen soll man mir den Herbst meines Lebens noch nicht.“ Sie deutet auf ihr neues Outfit. „Nur diesen Kram mit Internet und Computern und so, nein, den werde ich mir nicht mehr antun. Dazu sind wir wirklich zu alt. Es hört halt alles nun langsam auf.“
Ich ringe nach Worten. „Äh, ich …“
Sie winkt ab. „Sag nichts. Keiner aus unserer Generation gibt es gerne zu.“
Danke. Darauf möchte ich nun wirklich nichts sagen. Darauf kann ich nichts sagen. Ich bin zu sehr erschrocken und jedes Wort wäre das falsche.
„Ich muss los“, sagt sie da. „Nagelstudio. … Vielleicht treffen wir uns mal auf einen Tee oder so?“
Ich nicke. „Gerne.“
„Fein.“ Sie lächelt ein trauriges Lächeln und stöckelt zu ihrem Wagen, den sie am Wegrand geparkt hat.
Ich sehe ihr nach. Sie sieht wirklich aus wie ein Mädchen. Ein … altes … Mädchen.
Nachdenklich bleibe ich stehen und schaue in die gelben Blätter. Es scheint, als blinkerten sie mir im Licht der Sonne zu.
Die Starre, die mich erfasst hat, weicht langsam und ich sehe im Flirren der Altweibersommerspinnen kleine Elfchen tanzen und schaukeln und ja, sie zwinkern mir zu.
Ich lache und fühle mich gut. So gut wie lange nicht mehr.
Altweibersommer! So what?
So fit und kreativ und ideenreich und aktiv und, ja, und auch problemresistent wie zur Zeit habe ich mich noch nie in meinem ganzen Leben gefühlt.
Es fängt doch erst an. Aber so was von!