Nichts wie es scheint

Die Stunde, von der Zeit geschenkt, atmet die Sekunden im Licht des Herbstmorgens. Der Regen der letzten Tage hat die meisten Blätter von den Bäumen gefegt. Wie Goldmünzen sind sie vom Himmel gefallen und schmücken nun den Waldboden mit einem bunten Teppich. Ein nicht enden wollender Goldregen. Blätter, deren Farben der Zeit hinterher laufen. Von Stunde zu Stunde mehr hauchen sie ihr Lächeln aus. Braune Ränder des Vergänglichen lassen ihren Teppich alt, verschlissen erscheinen. Ein einst bunter Teppich der Vergänglichkeit.
Noch senden die Scheidenden ihre Düfte in das Land. Warme, weiche Düfte nach Honig, Karamell, Vanille, Steinpilzen, Waldmoos und Traubenmost. Sie locken, lassen das Sterben süß erscheinen. Süß, duftig, weich – alles in einem.
Ein Schnuppern. Es ist warm geworden. Auch sie lockt, diese Wärme.
Ich schließe die Augen, lasse mich von ihr tragen in den Sommer zurück. Es ist ein zartes, liebevolles Tragen. Ein verführerisches.
Es währt nur kurz. Wolken huschen über das schmeichelnden Strahlen der Sonne hinweg. Sie tauchen das Tal vor mir in einen herbstlichen Schatten. Ein trügerischer Tag. Nicht Sommer, nicht Herbst, nicht Winter.
„Halte dich warm!“, raunt mir eine Stimme zu. „Es ist nicht, wie es scheint.“
„Wahrlich!“, seufze ich. „Nichts ist mehr wie es scheint. Die Fassaden werden löchrig und nichts wird mehr sein, wie es einmal war. Gar nichts.“
Die Träne, die ich nicht zurückhalten kann, tropft zu Boden. Sie landet auf einem rostbraunen Buchenblatt und überzieht es mit einem unwirklichen Glanz, der dem Ende ein auftrumpfendes Leuchten schenkt.