Sie schlafen noch

Geh, Winter!
Der Schnee ist weg. Erster Rundgang im Garten. Viel gibt es zu sehen, auch das, was es noch nicht zu sehen gibt. Die Krokusse und Schneeglöckchen zum Beispiel. Oder der Giersch. Unsichtbar. Nichts. Sie schlafen alle noch. Nicht mal eine Andeutung.
Dafür aber Pfefferminze, die es überlebt hat, und erste Schnittlauchspitzchen. Wie wundervoll! Und die verdorrten und vergessenen Blumenzwiebeln vom letzten Jahr, die in einer Ecke in ihren schäbigem Plastiktöpfen ein erbarmungswürdiges Dasein führen. Sie stehen mit ihren Füßen im dicken Eis noch und treiben alle aus. Einige haben schon lange Triebe. Sie beschämen mich, diese verschmähten Pflänzchen. Und wie sehr!
Im Kräutertrog ernte ich Thymian und Rosmarin, die Melissen- und Pfefferminztriebe lasse ich stehen, obwohl mir das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn ich an  Minztee aus frischen Kräutern denke. Welches Sehnen! Aber sie sollen sich erholen, die Pflänzlein, und weiter treiben. Ich werde sie hegen und pflegen und wie meinen Augapfel hüten. Und ich nehme mir vor, ihnen im Sommer, wenn sie in ihrer Fülle alles wieder zuwuchern werden, netter und duldsamer zu begegnen. Sie verdienen es.
Danke, dass ihr alle überlebt hat, ihr Lieben! Dankeschön. Ich werde euch nun wieder täglich besuchen, so wie es das Wetter zulässt. Bis morgen!

Januarkräuterliebe

Diese Liebe, mit der man ein Kräutlein oder ein paar verbliebene Blätter an Pflanzen streicheln kann!
Diese Andacht, die man dabei fühlt!
Die Freude, noch ein Kraut, das lebt, gefunden zu haben.
Die Ehrfurcht beim Konsumieren.
Die Liebe, die einen durchflutet.
Das sind die kleinen Gartenfreuden im Januar.
Und die Sehnsucht wächst.

Heute gefunden: Melisse, Thymian, Rosmarin, ein paar letzte Borretschblättchen und Petersilchen, Pfefferminzchen und Melissenblättchen und auf der Wiese Gänseblümchen, Löwenzahn, Vogelmiere und Franzosenkraut und ganz viel Pimpernelle. (Was bereitet man mit Pimpernelle zu? Und gibt es ein Gedicht, das dieses lebensfrohe Kraut besingt?)