Sprüche und Launen, die keiner braucht

„Du guckst so ernst. Bist du sauer?“, fragte mich heute eine Bekannte, die ich beim Einkaufen traf.
„Nö, ich denke nur nach.“ Ich bemühte mich, freundlich zu lächeln und behielt dieses Lächeln gleich auf meinem Gesicht. Man konnte ja nie wissen.
Falsch gedacht.
„Was grinsen Sie so blöd?“, herrschte mich wenig später eine dralle Dame vor der Bäckerei an. Sie zupfte hektisch an ihrer hautengen Bluse, die gerne ein paar Konfektionsgrößen größer hätte sein dürfen.
Ich blieb höflich. „Ich grinse nicht. Ich denke nur nach.“
„Also, isch konn do derüwer jetza awwa gar net lache“, maulte da eine andere, sehr morgenmuffige Lady. „Wie könne Se denn an nem so dunkle Dag hier Ebbes luschtisch finne?“
„Hä?“ Ich begriff die Welt mal wieder nicht mehr.
Diese Unfreundlichkeit überall, selbst ihr im Landstädtchen!
Ich hatte die Nase voll, zog an meinem Halstuch und hängte es mir über den Kopf.

An manchen Tagen würde ich gerne wie Janus sein, der zweiköpfige Gott der Römer. Dann kann sich jeder das Gesicht herauspicken, das er gerade sehen möchte. Traurig, ernst oder fröhlich. Aber bitte nicht unfreundlich und griesgrämig. Das nicht.

„Jedem Menschen recht getan, ist ein Ding, das keiner kann“, entfuhr es mir noch.
Dann musste ich lachen. Über mich selbst und über die Situation, die mich dazu gebracht hatte, diesen blöden Spruch ohne viel nachzudenken von mir zu geben.
Meine Eltern pflegten ihn in Momenten aufzusagen, in denen sie sich ratlos oder ohnmächtig fühlten oder auch, wenn sie wieder einmal die geballte Kleinstadtmacht der Tratschtanten, Moralapostel und Besserwisser fürchteten.
Ich mochte ihn ebenso wenig wie all die anderen Kalenderblattweisheiten einer Kriegskindergeneration, der meine Eltern angehörten. Wurden sie mit ernster Miene deklamiert, senkte man gerne schon mal vorsorglich den Kopf und tat, als sei man unsichtbar.
„Was werden denn die Leute sagen“ oder „Solange du deine Füße unter meinen Tisch stellst, hast du zu gehorchen“ waren ähnliche Drohungen dieses Genres. Auch sie wurden in Situationen, in denen die Eltern nach einem erzieherischen Halt suchten, mit wütenden Gebärden einem Mantra gleich aufgesagt in der Hoffnung, wir Kinder würden nach ihren Vorstellungen und Regeln funktionieren.
Sprüche, die einfach nur nervten.
Wie zum Teufel konnte einer davon heute auf meine Zunge springen?
Ehrlich, für einen Moment war ich auch schlecht gelaunt.

Apriltag mit Wetter

Heute fällt es schwer, das Arbeiten. Nein, das Konzentrieren.
Ich gebe auf, trete ans Fenster und starre in den Regentag hinaus.
„Regen! Was für ein Segen für die Natur“, male ich mir das nasse Grau schön.
„Es ist dieses vermaledeite Wetter“, ruft mir die Nachbarin, die gähnend auf ihrer Terrasse steht, mit einem Seufzer zu. „Einmal Regen, einmal Schnee, dann sticht die Sonne vom Himmel und wieder regnet es. Nichts Halbes und nichts Ganzes. Aprilwetter halt. Es nervt!“
Aprilwetter? Ich blicke zum Himmel hinauf. Stimmt! Es regnet heute. Am Wochenende hatte es sogar geschneit und wir froren. Aber sonst? Sie sind normal gewesen, die Tage. Grau. Langweilig. Müde. Und draußen weint der Kirschbaum leise Tränen. Regentränen. Er hat aufgegeben, auf Bienen zu warten und wirft seine prächtige Pracht Blütenblatt nach Blütenblatt zu Boden, wo es sich in Nichts auflöst.
Nichts. Ein Nichtstag.
„Es soll aber wärmer werden!“, hallt es vom Nachbarhaus herüber. „Dieses Auf und Ab macht halt müde.“
Sie gähnt wieder und ich schließe mich ihr an.
Das Wetter also! Mein wettersensibles Seelchen streichelt mich und schnurrt mir leise zu:
„Gräme dich nicht, wenn du mit der Arbeit schwer vorankommst. Es ist nicht deine Schuld.“
Nein, es ist nicht meine Schuld. Außerdem feiere ich gerade ein Sabbatjahr. Gerade noch rechtzeitig fällt es mir ein und ich atme auf. Ich muss ja gar nicht arbeiten. Im Gegenteil. Ich soll es genießen, dieses Nichtmüssen und dieses Nichtstun. Für diese Sabbatzeit habe ich mich nach langem Ringen entschieden und ich sollte dieses freie Jahr nun auch feiern.
Aber dieses Nichtstun nervt und irgendwie stresst es mich mehr als jede Arbeit. Besonders an Regenwettertagen, die mich ins Haus verbannen.
Verbannen? Aber hallo!
Ich winke der Nachbarin zu, schließe das Fenster und ziehe mir regentaugliche Kleidung an, schnappe meine Kamera, rufe nach dem Hund, der nicht mehr da ist, und trotte alleine los in den Wald. Denn mal ehrlich: Sind Regenwettermotive nicht die schönsten? Feiern wir sie!

Vergissmeinnicht im Regen