Kalte Sophie

Kalt war es heute Morgen im Wald. Sehr kalt. Winterjackenkalt. Eisheiligenzeit.
Der Tag der Sophie, der kalten.
Und klar war es. Lichterhell klar. Jenes ‚Bald-kommt-eine-Schlechtwetterfront-Klar‘.
Sie hat gekämpft, die Sonne, gleich, nachdem sie sich über den Berg gelupft hatte. Sie hat gespielt, gelächelt, mit Farben verschwenderisch getrickst – und einen Zauberstrahl auf die Waldwiese gesandt. Er verzauberte die kleine Welt ringsum für einen kurzen Augenblick und tauchte die Natur in einen magisch betörenden Farbenrausch – und für diesen kurzen Augenblick kamen sie alle zusammen, die vier Jahreszeiten, und narrten die Sinne des Betrachters.


Früh morgens auf der Waldwiese

Maiglöckchenfantasie

Maiglöckchenzeit. Im Wald warten sie, die Frühlingsglöckchen. Kleine, weiße, im Licht der Sonne funkelnde Blüten sind’s, die mir vom Waldboden her zublinkern.
Sie lächeln und strahlen und locken alle herbei: Elfen, Feen, Waldwichtel und Erdgeisterchen, aber auch die Käfer, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge und Waldameisen, die Vögel, die größeren Waldtiere, ja, selbst mich Menschenkind.
Und während ich staune, mich freue und „Wie schön, der Mai ist da!“ denke, schlüpfen die Elfen in die Glöckchen der Blüten. Dort trinken sie Tautropfen und erzählen von den Träumen, die ihren Winterschlaf begleitet haben.
Die Blütenglöckchen nicken, dann beginnen sie wieder, leise zu bimmeln und zu klingeln.
Weit hallt ihre Musik durch den Wald bis zu den Feldern, Wiesen und ins Dorf hinüber.
Pssst! Wer genau aufpasst, kann sie hören, wie sie der Waldwelt von den Winterträumen der Waldelfen erzählen.
Vorsichtig setze ich mich zwischen ihre Blütenpolster und lausche ihren Geschichten.
Ich schließe die Augen, spitze die Ohren und träume … und reise für einen Moment ins Land der Frühlingselfen.
Schön ist es hier. Und bunt. Frühlingsbunt. Und wie köstlich süß es duftet ringsum!
Tief atme ich ein und aus und ein und aus und genieße. Ein und aus. Tief.
Vergessen ist all der Stress, der mich seit Monaten umgibt und bedrängt. Wie durch ein Wunder hat er mein Denken, meine Seele verlassen.
Ruhig bin ich geworden, ganz ruhig. Gut fühlt sich das an. Sehr sehr gut.
Und ich spüre, wie mich ein Kribbeln durchflutet. Ein warmes Gefühl im Bauch. Ein kleines Glücksgefühl.
Ich lächle und öffne die Augen.
„Danke, ihr Maiglöckchen“, murmle ich. „Und dankeschön, ihr Frühlingselfen. Schön ist es bei euch gewesen und wenn ihr erlaubt, werde ich wiederkommen.“
Da raschelt es neben mir und ich meine, ein Raunen zu hören.
„Jederzeit“, erklingt es leise. „Jederzeit sind wir für dich da, wir Kinder der Natur.“
Dann kichert ein Stimmchen fröhlich und ich kichere mit.
Dieses ausgelassene Kichern sitzt auch noch in meiner Kehle, als ich längst wieder zuhause bin.


Auf der Waldlichtung

Es wird wärmer. Jeden Tag ein bisschen mehr.
Und endlich, endlich regt es sich am Boden der kleinen Waldlichtung.
Die Glückskäfer, pardon, Marienkäfer sind erwacht. Überall sehe ich sie aus ihren Winterschlafverstecken hervor kriechen. Manche taumeln fast … vor Müdigkeit oder überwältigt von der lockend milden Luft. Und wieder andere müssen aufgeweckt werden.
Aber nun mal zu! Macht mal! Beeilt euch!
Aufgeregt surrt eine Hummel von Blatt zu Blatt, um auch die letzten Schlafmützen ans Tageslicht zu locken.
Ich höre es genau, ihr aufgeregtes Summen.
Es klingt in etwa so: „Hey, hey, hörst du? Aufwachen, der Frühling ist da. Die Sonne scheint und die Luft ist warm. Los, Faulpelz, steh auf!“
Aber was ist das? Da will sich doch einer dieser faulen Kerle gleich wieder unterm Laub verstecken? Nichts da!!!
„Hey! Aufwachen! Du musst deinen Job tun. Los, los!“
„Was für ein Job?“, brummt der kleine Käfer. „Gibt es denn schon saftige Blattläuse zum Schmausen?“
„Blattläuse? Pah!“ Die Hummel ist empört. „Glück bringen sollst du? Oder warum, glaubst du, nennt man dich Glückskäfer, he?“
„Ach so. Ich bringe Glück.“ Fragend sieht der Käfer die Hummel an. „Wie macht man das? Wie bringt man Glück?“
Die Hummel ist nun ungehalten. „Dein Pech, wenn du das nicht selber weißt.“
„Okay. Dann bin ich eben ein Pechkäfer. Nun aber habe ich Hunger.“
Der kleine Glückskäfer reckt und streckt sich und reibt sich den Schlaf aus den Augen. Er hebt die Fühler,  als schnuppere er … und dann trottet er los in die Frühlings-Waldwelt hinein. Langsam. Er hat Zeit.
Zum Fliegen steht ihm noch immer nicht der Sinn.  Erst einmal richtig wach werden und Ausschau halten. Von oben vom Brombeerzweig aus.
Achtung, Dornen! Glück gehabt! Nichts passiert. Er ist ja auch ein Glückskäfer!
„Irgendwie sieht er so anders aus, der Wald. Anders eben als im letzten Herbst“, brummt der kleine Käfer und schaut sich ein bisschen ratlos um. „Heller, frischer, grüner …“
So ganz versteht er diese neue Welt noch nicht und noch weniger hat er eine Idee, was es mit dem ‚Glück bringen‘  auf sich hat. Egal.
„Hallo du!“, ruft der Käfer, der sich nun etwas wacher fühlt, der Hummel hinterher. „Was gibt es Neues hier?“
Doch die Hummel ist längst wieder unterwegs. Schläfer aufwecken. Sie hat noch viel zu tun.

Kein Zuhause für das Leben

Wenn ich aus dem Fenster sehe, sehe ich noch mehr Steine und Sand und Beton. Das kleine Nebengartenökotop musste an den letzten beiden Wochenenden einem Autostellplatz Platz machen. Weg mit den Schneeglöckchen, dem Scharbockskraut und den vielen vielen Löwenzahnblümchen, die hier unter Fliederzweigen eine feine Nahrungsquelle für Krabbler und kleine Flugtiere bot. Weg und kahl. Rote Klinkerplatten ersetzen eine kleine grüne Welt mit bunten Blütentupfern. Für ein Auto! Es ist wichtiger als ein Lebensraum und Nahrung für Käfer, Wildbienen, Schmetterlinge. Auto, die heilige Kuh. Nur: Man kann es nicht essen. Vielleicht denken wir in 20 oder 30 oder 40 Jahren daran mit einem „Hätten wir damals doch umsichtiger gehandelt. Hätten wir doch einfach mal vorausgedacht!“
Hätten. Konjunktiv.
Der Nachbar hat vier Autos und ein Geschäfts-Van und eine Handvoll Motorräder. Klar sind die wichtigere als ein bisschen Gras mit Unkräutern drin. Ganz klare Sache. Gell?

Kein Zuhause für das Leben

Das Gras ist weg!
Es hat gestört.
Es brachte nicht viel ein.
Wozu muss bloß
ein Gärtchen hier
an diesem Ort auch sein?

Der Platz ist kahl!
Es blüht nichts mehr.
Zwei Autos ziehn hier ein.
Kein Schmetterling,
kein Bienchen mehr
wird hier zuhause sein.

Das Leben stockt.
Still ist’s hier nun.
Es gibt nichts mehr zu sehn.
Aus Blütenduft
wird Ölgestank,
weil Autos hier nun stehn.

© E. E. M.