Achtsamkeitsübung, ein Versuch

Einfach so dasitzen und nichts tun. Wie bitte geht das nochmal? An nichts denken.  Schon gar nicht an all die To-do-Listen und Kopfkinogedankenblitze, die realisiert werden wollen, die Bücher, die gelesen, die Geschichten, die geschrieben und die Reime, die gereimt sein möchten und in Kopf und Seele rumoren. Nichts davon. Nur sehen, hören, fühlen, schmecken, genießen.
Sein.
Achtsam sein.
Es ist so schwer.
Biophilia*, wo bist du? Dich wollte ich doch leben in diesem Jahr in Einheit mit der Natur.
Leben und genießen und heilen.
Ich reiße mich am Riemen und genieße den Augenblick. Und so viele Dinge rasen in genau diesem Moment aufs Neue durch mein Hirn. Gedichte. Wolltest du nicht mehr Gedichte lesen? Und auch schreiben? Auch der Artikel, den zu liefern du nie hättest versprechen dürfen, will fertig geschrieben werden. Das neue Exposé auch. Und all die unbeantworteten Mails! Und der Garten! Der Brunnentrog will gesäubert und neu bepflanzt werden. Jetzt! Und die Rosen wollen gehegt werden, die Blumenbeete auch, das Kräuterhochbeet, die Tomaten, die leise vor sich hin kümmern, die Wiese. Das Haus, das halb renovierte, auch. Und die ungeputzten Fenster, die verdreckten Böden, die immer noch unausgepackten Umzugskisten, der unaufgeräumte Kleiderschrank, der … die … das …
Grrrr! Nein. Halt! Sabbatjahr ist! Genießen soll, nein, möchte ich doch!
Der Spätnachmittag und das Sommerwetter locken. Jetzt.
„Also los!“, befehle ich mir. „Raus in den Garten! Genießen! Schauen! Schnuppern! Lauschen!“
Und ich bin folgsam: Ich schaue, schnuppere, lausche – und sehe Wolken, die sich von Westen her überm Berg versammeln. Ich sehe Ameisen, die nervös um meine Füße wuseln, Spatzen, die aufgeregt über meinen Kopf hinwegfegen, ein Unkraut jätender Nachbar mit Strohhut, Pfeife und Latzhose. Dieser Streber! Ein anderer Nachbar, der mit finsterer Miene und Bierflasche auf seinem Rasenmäher hockt und mit Dröhnen und Rattern übers Gras zockelt. Und die Nachbarin von schräg gegenüber im arschkurzen Minirock, die lasziv auf der Bank vor dem Haus lümmelt und mit gespreizten, frisch grün lackierten Fingern eine Zigarette balanciert. Ein Cabrio hält an, sie schüttelt verführerisch ihr blondiertes Haar, lacht mit einem Gurren, das sie für sexy hält und das die Wildtauben, die in der Hainbuche brüten, fast aus dem Nest wirft,  bevor sie dem Cabriomännlein ein überlautes „ Na, wie geht‘s auch immer?“ zubrüllt. Das klingt nun gar nicht mehr sexy, eher ein bisschen … nein, dies denke ich mir lieber nur.
Ich konzentriere mich wieder auf das meditative Achtsamsein, schließe die Augen, lausche dem Flirt der Beiden, dem Rasenmäher, dem Traktor auf dem Acker am Berg gegenüber, den beiden Rennradfahrern, die laut debattierend an meinem Garten vorbeisausen, dem Spatzenstreiten, Taubengurren,  Hahnenkikeriki, den Autos und dem  Güllewagen, der in unser Gässchen einbiegt und Kurs nimmt auf die Wiese hinterm Garten.
Der Güllewagen? Er wird doch jetzt nicht? Doch, er tut es. Güllen! Ohne Rücksicht kippt er die Scheiße auf die Wiese und über meine so mühsam errungene, auditive Achtsamkeitsübung. Mist! Und ja, genau so riecht es plötzlich auch ringsum. Ich flüchte. Das Olfaktorische meiner  Biophilia—Meditation entfällt für heute. Aus Gründen. Oder soll ich …?
Da! Das Sechsuhr-Abendglöckchen läutet den Abend ein. Sein lieblich landromantisches Bimmeln begleitet mich auf meiner Flucht ins geruchsneutrale Haus.
Das mit diesem Biophilia versuchen wir morgen nochmal. Versprochen.
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* Biophilia nach dem Buch:Das Biophilia-Training: Fitness aus dem Wald * von Clemens Avray

Konzentration auf einen Punkt … Pfingstrosenmeditation

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