Hitzefreie Leere

„Hey du! Mach mal zu! Ich fühle mich so leer an“, flüstert es.
Es ist das leere Blatt, das vor mir auf dem Schreibtisch liegt und auf Futter wartet. Tintenfutter. Buchstaben. Worte. Sätze. Es beschwert sich, fühlt sich vernachlässigt heute, unbeachtet, vergessen.
„Leer sein ist wie nackt sein“, mault es.

„Fast nackt“, sage ich und male eine Sonne auf das Blatt. Eine große Sonne mit einem lachenden Mund und fröhlich blinkenden Augen. Eine Sonne, wie Kinder sie malen. Eine Kindersonne.
„Zufrieden?“, frage ich das Blatt.
„Nicht wirklich“, beschwert es sich. „Die Worte. Sie fehlen mir.“
„Mir auch. Mein Kopf fühlt sich nämlich heute auch etwas leer an.“
„Du hast deine Worte verloren?“ Das Blatt ist entsetzt.

Ich lache. „Oh nein. Ausgeliehen habe ich sie heute. Sie haben … hitzefrei.“
Ich deute auf die Sonne, falte das Blatt zu einem Flieger und schicke es mit all den ungeschriebenen Worten in den Tag hinaus, der flirrenden Sonne entgegen.
Sonnentag war heute und einen Sonnentag wünsche ich mir auch für morgen und übermorgen und überübermorgen, gerne den ganzen Sommer lang. 
Ich folge dem leeren Blatt, fliege ihm hinterher und mein Kopf fühlt sich – wie verzaubert nun – auf angenehme Weise leicht an. Und leer.